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... Secret, Shadow, Snow und Silence Des Niederganges zweiter Teil - Zweites Kapitel
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Zweites Kapitel - Das Träumen.
Ich war nie zuvor bewusstlos gewesen.
Diese tiefe und finstere Art von Schlaf - in der Zeit und Raum nicht existieren - kannte keine Träume und Gefühle und Gedanken. Nach dem Erwachen war ich unfähig auch nur zu schätzen, wie viel Zeit mittlerweile denn vergangen war; ob Minuten, Stunden, oder Tage. Das künstliche Licht, dass auf meine sich anfangs nur zaghaft öffnenden Lider fiel, ließ mich schließlich wissen, dass es Abend oder aber Nacht sein musste; und im Nachhinein erfuhr ich, dass es kurz vor Mitternacht am selben Tag noch war - meine Abwesenheit also für etwas mehr als eine Handvoll Stunden angedauert hatte... Ob die Bewusstlosigkeit irgendwann einem Schlaf gewichen war - oder aber der Schlaf auch wieder der Bewusstlosigkeit - vermag ich nicht zu sagen. Fakt ist, dass ich - nachdem ich meine Augen geöffnet hatte und mir meine Situation in groben Zügen klar geworden war - fast sofort an Fräulein Snow wieder dachte; mehr denn an mich selbst. Nicht spürend, dass ich nicht allein im Zimmer mich befand, rief ich den Abglanz ihres Antlitzes sogleich mir ins Gedächtnis..., bis ich eher zufällig meinen Kopf zur Seite dann wandte und in ein kleines Gesicht und zwei große Augen plötzlich blickte! Doch war diejenige Person, die ich jetzt sah, nicht die, die ich jetzt sehen wollte...
Mein Gesicht mochte ein nur allzu deutliches Zeugnis dieser Enttäuschung gewesen sein; denn Silence verstand sofort und in ihrer Miene zeigte sich sehr bald schon tiefste Trauer und Verzweiflung..., sie weinte nicht und sagte nichts und blickte lediglich ganz starr mir in die Augen. Ich verstand, dass mein eigener Kummer unbedeutend sein musste, verglichen mit dem ihren, doch auch mein Herz schmerzte, während ich derart verletzt die Person nun sah, die ich gern lieben wollte - die mich vermutlich liebte - die ich allerdings nun nicht mehr lieben konnte. Sie musste all die Stunden lang an meinem Bett gewartet haben, sich fragend, wann ich endlich wieder erwachte und wie es mir denn gehe; und nun war ich nicht einmal imstande ihr zu danken... Letztlich war es kaum verwunderlich, dass ich mit dem Fortschreiten der Zeit einen nur auf den ersten Blick ganz flüchtigen Hauch von Zorn in ihren Augen und um ihre Lippen zu erkennen glaubte; und mir eben diese Wut nach einer Weile sogar Angst bereitete! Denn obwohl er beinahe nichtig nach außen hin sich zeigte; musste dieser Zorn doch ungewöhnlich intensiv sein, so er es vermochte sogar ihre Trauer und Enttäuschung irgendwie zu überdecken - das Chaos der Gefühle zu beherrschen.
Noch während diese Dinge durch den Kopf mir gingen, erhob Silence sich vom Stuhl an meinem Bett, und sah eindringlich und mit scheinbar leblosen Augen auf mich herunter; ihre Lippen indes bebten und lang schon fühlte ich mich ihr ganz schrecklich unterlegen. Nach einigen furchtbaren Sekunden der Ungewissheit wandte sie sich jedoch völlig von mir ab; und auf einmal blieb nichts anderes mir übrig als ihr nachzublicken - mit gemischten Gefühlen und vollkommen ratlos - und so sah ich sie die Tür erst öffnen und mein Zimmer dann verlassen..., bevor ich hochschreckte und reflexartig an meine Decke mich klammerte; als Silence mit unvermuteter Kraft und einem markerschütternden Knall die alte Holztür hinter sich jetzt zuzog! Die Möbel erzitterten und von der Zimmerdecke rieselte feiner weißer Staub und vermutlich bis hinunter in das Erdgeschoss hatte diesen Lärm man hören müssen...
Zitternd und ernstlich verängstigt und einsam, blieb ich zurück in meinem Bett: mein Kopf dröhnte und meine Glieder schmerzten von einer Art von Müdigkeit; und dennoch musste ich erstmals ganz intensiv mich fragen, welch seltsame Dinge um mich herum denn eigentlich geschahen? So sehr ich mich auch mühte - eine klare Linie konnte ich mitnichten irgendwo entdecken..., geschweige denn beschreiten... Inmitten aufsteigender Dunkelheit sah ich stattdessen Lichter sich verschieben und nach und nach verlöschen; und Bilder wie von selbst sich malen - mich umfangen. Ich spürte gar wie rostige Nadeln in meine Stirn sich bohrten; und ich hörte Worte einen Raum erfüllen, der Bewusstsein in der ersten, und Zimmer in der zweiten, und Welt in seiner letzten Form dann war! Ich sah wie Wunsch und Wirklichkeit miteinander sich vermählten; sah Gegenwart Vergangenes verändern; und Rätsel ohne Lösung schwarzen Wassern gleich ein karges Wüstenland durchfließen...
Und dann auf einmal..., träumte ich...?
Ich finde mich auf dem Balkon eines hohen Gebäudes stehend und ich betrachte die graubraunen Wolkenkratzer einer Großstadt... Es könnte London sein oder New York - eher Letzteres - und die Bäume sind herbstlich gefärbt, die Straßen und die Wege bedeckt von bunten Blättern. Im orangenen Licht der Abendsonne wirken ihre Farben ganz besonders intensiv und warm und erfüllen die Welt mit Friedlichkeit... Seltsam ist allenfalls, dass ich Menschen nirgendwo entdecken kann - was mich allerdings nicht ängstigt, denn aus dem Inneren des Gebäudes, auf dessen Balkon ich mich befinde, aus dem Raum hinter meinem Rücken, vermag ich freundliche Stimmen zu vernehmen; gelegentlich ein Lachen.
Die Tür zur Wohnung steht einen Spalt weit offen und ein dunkelroter Vorhang wölbt sich sanft im Hauch des Windes. Bald gehe ich hinein und schaue nach den Stimmen, die meiner Frau und meiner Tochter gehören, durchsuche nach und nach die Räume; doch immerzu scheint die vergnügte Unterhaltung von dem jeweils nächsten Zimmer herzukommen. Letztlich muss ich erkennen, dass niemand nirgendwo zu finden ist, und es sich bei der einzigen Spur von Leben inmitten des abendlichen Zwielichts um einen großen Strauß weißer Rosen handelt, der auf dem kalten und ansonsten leeren Wohnzimmertisch sich befindet und seine Blüten kraftlos hängen lässt. Mir kommt noch der Gedanke meine Familie auf dem Gang zu suchen, oder in der Nachbarwohnung; doch finde ich die Tür nach draußen fest verschlossen vor und an den Aufbewahrungsort des Schlüssels (so es denn einen gibt) kann ich mich freilich nicht erinnern... Zunehmend ratlos begebe ich mich erneut hinaus auf den Balkon - dorthin wo alles begann - und derweil frage ich mich, ob das eben Erlebte nicht schon der Grund für meinen anfänglichen Aufenthalt an jenem Ort gewesen war...
Mittlerweile - eigentlich genau in dem Moment, in dem ich ins Freie trete - ist es jedoch Nacht geworden: in den Fenstern der Hochhäuser leuchten vielerorts die Lichter und zeigen mir wunderschöne Farben und Formen; doch Menschen - echtes Leben - vermag ich auch jetzt nicht zu erblicken. Stattdessen beginnt vom plötzlich dicht bewölkten Himmel Schnee zu fallen - endlos viele Flocken, sich erstreckend bis zum Horizont - und dann endlich fange ich an zu begreifen... Die Welt um mich ist falsch und ohne Leben; ihre Schönheit zu perfekt um gut zu sein! Die Luft, die ich atme, ist abgestanden, und die Stimmen, die ich höre: es sind die Stimmen von Toten - oder nein, sie gehören denen, die nie auch nur lebten...
Um die wirkliche Wahrheit hinter meinen Träumen nun wissend, blicke ich durch das transparente Schwarz der Nacht hindurch, auf den allmählich weiß sich färbenden Asphalt der Straßen hinab - bevor ich die Balustrade dann erklimme und ohne ein Zögern in die Tiefe mich stürze... Endlich tauche ich ein, in das Meer aus anschmiegsamer Dunkelheit und todbringenden Lichtern, und ich träume davon, hier und jetzt, auf diese Weise zu sterben.
Bevor ich allerdings den Grund erreiche..., erwache ich aus diesem Traum im Traum, und aus dem Traum - und ich kann allenfalls vermuten, dass der danach dann folgende Zustand Realität ist.
Ich riss meine Augen weit auf - mit der Absicht, möglichst bald in die wirkliche Welt zurückzukehren - und starrte erst die nahe Wand und dann mein Bettlaken an. Die Dinge waren getaucht in das blasseste Blau, und ihre Umrisse traumgleich verschwommen, und in der Luft lag der Geruch von morgendlicher Stille... Dem gegenüber stand mein pochend Herz und der Schweiß auf meinem Rücken, meiner Stirn und meinen Händen, und doch vergaß ich für die Dauer einiger Augenblicke alle meine Sorgen. Auch der anfänglich aufkeimende Wunsch aufzustehen, und voller Tatendrang den Tag anzugehen, wurde schnell verdrängt von dem Gefühl, ohnehin nichts zu versäumen, liegen zu bleiben und zu träumen ohne zu schlafen. Man hatte offenbar das Fenster geöffnet, und die kühle und klare Luft belebte meinen Geist, während die kleine und kalte Hand, die auf meiner rechten Schläfe...?!
Sogleich zuckte ich zusammen, und wollte instinktiv der mir noch unbekannten Person mich zuwenden; doch ließ ich es im letzten Augenblick noch bleiben, wagte es nicht, sie anzusehen..., wollte nicht konfrontiert werden, mit der Trauer in den Augen der kleinen Silence - oder gar der himmlischen Schönheit von Fräulein Snow Spencer... Freilich konnte jene kühle Hand auch Secret gehören, oder Shadow - was eher unwahrscheinlich war - doch würde ich es mit ein wenig Geduld womöglich auch anders irgendwie erfahren können - ohne mich umzuschauen. Weil ich nicht wusste, ob die Anwesende mein Erwachen überhaupt bemerkt hatte, verhielt ich mich leise und lauschte; und ich versuchte nicht zu zittern, und möglichst ruhig zu atmen. Ich hörte die Rufe der Vögel, die auf den beiden Linden vor dem Fenster saßen, und wie von ganz fern her den neuen Tag begrüßten - naiv und optimistisch - doch wurde meine Aufmerksamkeit noch stärker angezogen vom gleichmäßigen Ticken der Uhr an der Wand. Als ich begann, über jenes nachzudenken, erschien es mir zunehmend seltsam, hören zu können, wie die Zeit vergeht... Die Leere zwischen den Sekunden - oder vielmehr zwischen den kalten, mechanischen Geräuschen, die den Lauf der Zeit symbolisieren sollten - ließ mein Leben schwinden, ließ mich älter werden und älter... Ja, all diese Momente des Stillstandes - es waren gleichsam Momente eines möglichen Todes.
Auf diese Weise verflogen all die frohen Gedanken, die ich infolge des Erwachens zuallererst noch hatte; und ich war schon im Begriff zurückzusinken in die Düsternis des Traumes..., bevor dreizehn sanfte Worte vom einen Augenblick auf den nächsten in Ruhe und Geborgenheit mich wiegten: »Nichts davon ist real gewesen, wenn du nicht willst, dass es das war...« erklärte mir eine Stimme; die eher tief war als hoch, und weich, und warm, und voller Gefühl. Ich spürte die Gegenwart eines freundlichen Lächelns..., spürte es die unberührte Morgenluft in Schwingung versetzen. Wieder einmal war Stille eingekehrt, und ich hörte kein Ticken, ich hörte auch kein Zwitschern und kein Atmen..., wirklich nichts.
Und so erschreckte mich der Klang meiner eigenen Worte..., der Klang von Worten, die meinen Lippen entkamen, ohne intensiv - oder nein, ohne überhaupt irgendwie - durchdacht worden zu sein: »Und du bist die Realität?«
Einige Augenblicke vergingen, bevor sie mir ihre Antwort gab: »Es scheint so..., nicht?«
Ich reagierte mit kaum mehr, als einem unbestimmten Nicken - woraufhin sie mich fragte, ob sie mir einen Ratschlag geben dürfe... Mit erstaunlich viel Geduld wartete sie auf meine Antwort - die dennoch nicht kam, obgleich ich nichts dagegen hatte - bevor ihre Stimme sich erhob - frisch und sanft und zärtlich wie die Morgenluft - und folgendes mir offenbarte...
»Du solltest nicht davon ausgehen, dass die Realität beständiger ist, oder gar wahrhaftiger, als ein beliebiger Traum. Auch sie gleicht einem Traum, der irgendwann vorübergeht... Ein Traum hingegen kann Realität sein, wenn du es willst! Und zwar..., in Ewigkeit...«
Ich sagte gar nichts..., dachte kaum mehr als flüchtig über diese Worte nach, als vielmehr über die Person, die sie soeben hatte ausgesprochen: die ganze Szene wirkte surreal und reichlich undurchsichtig und womöglich träumte ich noch immer... Sie jedoch fuhr fort mir zu erklären: »Nun, was ich sagen will... Du brauchst dich vor deinen Träumen nicht zu fürchten..., es sei denn, du hast die Absicht, sie Realität werden zu lassen?«
Nun schüttelte ich recht entschieden den Kopf (und für einen Moment fragte ich mich, wessen Traum - und welch einem Traum - meine Gesprächspartnerin entsprungen sein könnte). Dann endlich antwortete ich ihr: »Nein«, sagte ich, »diesen nicht.«
Ohne Frage konnte ich mir noch immer nicht ganz sicher sein, mit wem ich mich gerade eben unterhielt. Natürlich hatte ich allen Grund zu glauben, dass es Snow war - insbesondere weil ich die Stimme nicht kannte - doch ich wollte Gewissheit haben, und irgendwie - ja doch, ich konnte nichts dagegen tun - mochte ich Snow Spencer wiedersehen. Unfähig sehr viel länger noch zu warten, schickte ich mich an, mich umzudrehen; aber beinahe schon im Augenblick der allerersten Regung wurde ich daran gehindert, von sanften Worten, und einem ebenso sanften Druck auf meine Schulter: »Bitte bleib liegen!« riet mir mein Gast.
»Du solltest dich noch eine Weile lang ausruhen. Dein Schlaf war unruhig und neue Kraft hat er dir nicht geben können. Schließ die Augen...« sagte sie und führte ihre zarte Hand über meine Stirn und über mein Gesicht. Dann hauchte sie einen letzten Wunsch mir in mein Ohr: »Schlaf gut..., und pass auf dich auf...!«
Verführt von ihrer Stimme tat ich wie geheißen und ich schloss meine Augen, mit der tatsächlichen Absicht einzuschlafen... Nach einer Weile jedoch begann ich, mich ganz furchtbar allein zu fühlen, sehnte mich nach einer Person an meiner Seite: nach jemanden, der mich wärmt, im kühlen Morgenlicht; neben mir liegt, in meinem Bett, und zu mir spricht. Ich fühlte mich so einsam, wie seit langer Zeit schon nicht mehr... Erneut ohne nachzudenken und ganz wie gezwungen, öffnete ich die Augen - und diesmal sah ich mich direkt nach ihr um.
Sie jedoch war verschwunden - nirgendwo zu sehen! Der Stuhl an meinem Bett war leer; der Stuhl, auf dem in der Nacht schon Silence gesessen hatte - doch zurückgeblieben war ein Funkeln, das den blauen Dunst verzierte... Sogar das Nichts war betörend, wenn ein Fräulein Spencer es kreiert hatte; und fasziniert von seiner diamantenen Schönheit betrachtete ich es für die Dauer einer halben, oder sogar einer ganzen Stunde - bis mich endlich irgendwann die Müdigkeit überkam und ich wieder einmal träumte...
Diesmal erwache ich im Saal eines kleinen Theaters; sitze auf einem Platz in der zweiten oder dritten Reihe und schaue fragend in die Runde... Die Vorstellung scheint nicht besonders gut besucht zu sein - kaum mehr als zehn Personen sitzen im Raum - und auch das Theater selbst macht einen ganz und gar glanzlosen, obgleich mitnichten einen schäbigen Eindruck. Die Polster der Sessel sind abgewetzt und verblichen, aber offensichtlich sauber, und das Bühnenbild (der Vorhang ist seltsamerweise geöffnet, obwohl das Stück allem Anschein nach noch nicht begonnen hat) zwar spärlich, aber wohl gerade deshalb auch so wirkungsvoll.
Dem Publikum präsentiert sich eine karge und kalte Wüste..., ein Heim für Geister und Dämonen - dargestellt allein von insgesamt dreizehn, in ungleichmäßig großen Gruppen angeordneten, gusseisernen Kerzenleuchtern, und einem großen Stofftuch im Hintergrund, das bedruckt ist mit einer verwaschen wirkenden Photographie... Eben diese zeigt die endlosen Weiten von Schattenland: zerklüftetes Felsgestein, monoton graubraun gefärbt, gefangen zwischen Leben und Tod, dem Diesseits und dem Jenseits - und bewacht von tiefhängenden, schweren und schwarzen, unheilvollen Wolken.
Noch während ich wie gebannt dies Bühnenbild betrachte und meine Seele einen Atemzug im Reich der Toden sich genehmigt, nimmt ein einzelner Mann ganz in meiner Nähe Platz (zwei Sessel rechts von mir) und beiläufig und ohne irgendeine Art von Verwunderung in seinem Tonfall zum Ausdruck zu bringen, merkt er an, dass ich doch schon wieder hier sei...
Nicht wissend, wovon er spricht, werfe ich ihm fragende Blicke zu, doch er schaut schon lang nicht mehr in meine Richtung - hat es womöglich nie getan - und ohnehin scheint er mittlerweile weiter nicht Notiz von mir zu nehmen; steckt sich stattdessen eine dünne Zigarre an und nimmt genussvoll einen tiefen Zug... Der Mann ist nur wenig älter als ich, nicht sehr groß und von recht kräftiger Statur; und er trägt einen reichlich abgenutzten, hellbraunen Mantel. Auch darüber hinaus macht er einen wenig gepflegten Eindruck: ist unrasiert, und sein Haar ist fettig und zu einem etwas mehr als schulterlangen Zopf gebunden. Gerade überlege ich, woher der aus meiner Sicht Fremde mich wohl kennen könnte..., da meldet er sich noch einmal zu Wort, und er sagt - zu sich selbst, oder zur mir: »Sie mag es nicht, wenn ich rauche..., sie mag es ganz und gar nicht!«
Sein anscheinend zusammenhangloses Gerede nährt in mir den Verdacht, dass er verrückt ist, und selbstverständlich antworte ich ihm nichts..., versuche gar so zu tun, als habe ich ihn nicht gehört, und lasse stattdessen meine Blicke einmal noch durch den Theatersaal schweifen: Einige weitere Zuschauer sind in der Zwischenzeit eingetroffen, von denen der größte Teil ganz allein auf seinen Plätzen sitzt und den Blickkontakt zu anderen Leuten zu vermeiden scheint... Freilich sind auch zwei oder drei Paare unter den Besuchern, doch auch sie machen nicht den Eindruck sich nahe zu stehen, oder gar als Liebende miteinander verbunden zu sein. Und überhaupt fehlt es dem Publikum irgendwie an Emotionen; ja in den Augen der Zuschauer zeigen sich Langeweile und Routine - und nicht freudige Erwartung...
Da jedoch beginnt der Mann in meiner Nähe ganz plötzlich laut zu klatschen - hat sich gar von seinem Platz erhoben, und schaut voller Begeisterung nach vorn zur Bühne! Das tue ich ihm gleich, und sehe einen kräftigen Funken Karmin sie betreten, die Monotonie aus Grau und Braun in Flammen setzen: ein schlichtes Kleid in roter Farbe - und die Person, deren blasse Haut es kleidet, ist die junge Magdalena Adolfson!
Obgleich ich kaum auch nur schätzen kann, wie Frau Adolfson vor langer Zeit einmal ausgesehen hat, im Alter von weniger als zwanzig Jahren, weiß ich im Traum (und diesmal ist mir sehr wohl bewusst, dass ich träume) sofort, dass es sich nur um sie handeln kann. Als sie zur Mitte der Bühne gehend - und ohne eine erkennbare Gefühlsregung - einen kurzen Blick auf mich, oder aber den Mann neben mir wirft, wird mir auf einmal auch bewusst, warum... Ich bin weder Herr über meinen eigenen Körper, noch über die mir gewohnten Erinnerungen..., ja, ich bin nicht ich selbst - ich bin Abraham Thomas!
Ohne jeden Widerstand nehme ich diese Erkenntnis sogleich als Tatsache hin, wohl auch, weil sie mir zu erklären scheint, wieso ein Mann mich kennt, den ich noch nie auch nur gesehen habe! Bei näherer Betrachtung werfen die veränderten Umstände dann aber mehr Fragen auf, als sie beantworten; schließlich war auch Spencer, zu der Zeit, zu der Magdalena nicht älter als zwanzig war, noch nicht einmal geboren worden - geschweige denn hätte er ihr irgendwie begegnen können. Während also diese meine Gedanken zwangsläufig im Labyrinth der verworrenen Logik eines Traumes sich verirren, wird mein Fühlen mehr und mehr bestimmt vom Geschehen auf der Bühne - welches mein Herz erreicht, doch den Verstand ignoriert...
Auf immer wieder ihre Gestalt verändernde Weise drängt die karminrot gekleidete Glut in die Seelen der Betrachter; bringt ihnen Leben, wie auch Tod, hat die Absicht, sie zu wärmen - zu verbrennen?! Einen Moment lang verhält sich Magdalena wie eine stolze und unnahbare aber auch gütige Königin; danach dann versprühen ihre Blicke die Neugier und die Unschuld eines soeben geborenen Kindes; und wieder einige Augenblicke später mimt sie eine listige und gierige Hexe... Inmitten der Flammen der nun entfachten Kerzen, zeigt sich dem gebannten Publikum ein wortloser Rausch der Farben, der Bewegungen, ein Tanz im Feuer und des Feuers Tanz; ein Tanz der Feuer ist...
Doch irgendwann - im Augenblick der größten Intensität, in dem niemand mehr an irgendetwas anderes denken kann, als an das Geschehen auf der Bühne - fällt mit der Wucht eines Sturmes der Vorhang! Das Publikum wird zurückgelassen..., allein mit sich, und unter Schmerzen..., und einige Augenblicke vergehen, bis die ersten Zuschauer zögerlich von ihren Plätzen sich erheben - und auch der rätselhafte Mann mich wieder anspricht, diesmal lächelnd und mir in die Augen sehend...: »Als würde einem das Herz heraus gerissen, nicht?«
Irgendwie ungläubig und wieder einmal wortlos starre ich ihn an, und so ist es nicht verwunderlich, dass sein Lächeln bald vergeht und er seine Blicke wieder von mir wendet... Daraufhin erhebt er sich von seinem Platz und geht in Richtung Ausgang - bleibt dann aber stehen und dreht sich noch einmal nach mir um; und er fragt mich, wie spät es denn sei!
Nun muss ich mir erst die Frage stellen, ob ich überhaupt eine Uhr bei mir trage (schließlich bin ich nicht ich selbst) doch finde ich in meiner Hosentasche eine vergoldete Armbanduhr und werfe einen kurzen Blick auf sie..., woraufhin meine Hand zu zittern beginnt und ein frostiger Schauer über meinen Rücken kriecht! Irritiert, ja regelrecht erschrocken, blicke ich den augenscheinlich sorgenlosen, fremden Mann nun wieder an und mit gläserner Stimme antworte ich, dass es fünf nach Zwölf sei...
Daraufhin, obgleich mein Gegenüber mich auch weiterhin starr und mit funkelnden Augen betrachtet, und ebenso das Lächeln auf seinen Lippen sich keinen Deut verändert hat, erkenne ich, dass er einen Augenblick lang nachdenkt, dass er zögert, und womöglich selbst Angst hat, bevor er übertrieben lapidar mit den Schultern zuckt... »So ein Pech aber auch!« kommentiert er; und seine Hand zu einer Geste der Verabschiedung hebend, macht er sich auf, das Theater zu verlassen... Ich schaue ihm noch nach, bis er verschwunden ist, und stelle danach dann fest, dass ich der Letzte im mittlerweile leeren Saal bin. Alle Gäste sind gegangen, doch ich selbst weiß nicht, wohin ich gehen soll.
Und bleibe...
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