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... Secret, Shadow, Snow und Silence Des Niederganges zweiter Teil - Erstes Kapitel
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Viel Spaß beim und danke fürs Lesen!
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Deep into that darkness peering, long I stood there, wondering, fearing,
doubting, dreaming dreams no mortal ever dared to dream before.
(Edgar Allen Poe - The Raven)
Ihre Blässe leuchtete, ihre Schwärze schwelte.
Her pallor shone, her blackness blazed.
(Vladimir Nabokov - Ada or Ardor)
Sylvio Konkol
Secret, Shadow, Snow und Silence
Des Niederganges zweiter Teil...
Erstes Kapitel - Der Schnee.
Feuchtkalter Nebel schränkt die Sicht mir ein, doch weder er, noch die Finsternis der Nacht, können die Ruine verbergen, die stumm und leblos und nicht ohne Würde, diesen Ort verdunkelt. Der Anblick rußgeschwärzter Trümmer drängt durch das trübe, kühle Grau hindurch, ist ohne Leben jetzt und ohne Wärme. Die Ruine ist ein Grabstein denen, die dort sollten sein in Ewigkeit, die aber früh schon wieder gingen, und wohl niemals wirklich lebten.
Ich selbst jedoch bin wieder hier und wenig anders nur als damals lässt die Novemberluft mich frösteln. Einer scharfen Klinge gleich, geführt jedoch von sanfter Hand, so berührt sie meine Haut. Indes scheint der Boden unter meinen Schritten nachzugeben, ist es Nässe doch, die gänzlich ihn durchdringt und auch das viele, weich gewordene Laub, das schwer und feucht am Gehen mich wohl hindern will. Kein lieblich Rascheln kann ich den Blättern mehr entlocken und die Bäume, sie sind kahl, den Weg hingegen säumen Pfützen.
In dieser tristen Szenerie mich befindend, obliegt es mir, den zweiten Teil meines Berichtes sehr bald schon zu Papier zu bringen, wobei er zumindest trist so ganz und gar nicht sein wird. Es ist die Geschichte von Fräulein Snow Spencer und obgleich ich diese Person liebte und immer lieben werde, so fällt es mir doch besonders schwer, mich an sie gerade zu erinnern. Womöglich kann man Vollkommenheit in den Momenten nur begreifen, in denen man tatsächlich selbst sie erfährt, sie sieht und spürt und hoffnungslos ihr unterliegt. Und fast schon glaube ich, dass der Nachhall großer Schönheit desto kürzer währt, je näher eben diese sich an wahrer Perfektion bewegt.
Einen Weg mir durch die Trümmer bahnend, betrete ich derweil die Überreste vom Gebäude und sogleich finde ich mich wieder in der Galerie, in der einst prachtvolle Gemälde mich verzückten, nun jedoch mehr nicht auf mich wartet als feuchte Haufen kalter Asche. Lediglich das Bild vom schwülen Sommerabend hat den Flammen leidlich trotzen können und ist zerbrochen zwar in seiner Mitte und beinah bis zur Unkenntlichkeit geschwärzt, ansonsten allerdings intakt. Unter dem Ruß wähnt es sich womöglich auch weiterhin in Perfektion und Schönheit, obgleich ich selbst davon nun nichts mehr sehe.
Tod ist in jedem Atemzug und wieder einmal erkenne ich, dass Schönheit und Schrecken beinah niemals Konkurrenten sind, dass Licht und Schatten einander nicht verdrängen und die Grenze zwischen ihnen ganz sicher keine klare ist. Ineinander sind sie verflochten, sind zwar Schwarz und Weiß noch immer - ein Grau nur denen, die sehr fern sind - doch entfalten so erst ihre wahre, manchmal grenzenlose Macht. Berührt von einer solchen, berührt von Fräulein Snow, konnte ich anders nicht, als betörende Vollkommenheit zu lieben, obgleich ich ebenso zugrunde ging, an der Unfassbarkeit von Perfektion.
Snow jedoch trifft keine Schuld.
Der sechste November war der erste Tag des Winters.
Schon bei Tagesanbruch waren die Wiesen und die Felder durch und durch bedeckt vom Schnee und auch die sonst so dunklen, kahlen Bäume ließ er im Morgenlichte leuchten. Große, weiche Flocken tanzten langsam durch die kalte Luft und feinsten Daunenfedern gleich erreichten lautlos sie den Boden. Es hing ein letzter, verträumter Hauch der Nacht noch immer in der Luft und durch ein Fenster lange Zeit nach draußen schauend, gab ich mich erst der Ruhe hin und bald der Melancholie. Nach einiger Zeit aber war mir, als habe inmitten von all dem Weiß irgendetwas sich bewegt und so richtete meinen Blick ich auf die Stelle, wo die Ursache jener Bewegung ich vermutete. Anfangs rührte sich nichts, nach einigen Sekunden aber erkannte ich, dass es Virginity war, das Kätzchen, das durch den Garten schlich. Ob seiner Farbe war es in den Wogen des Weiß natürlich kaum zu erkennen, doch irgendwie musste es einen Weg nach draußen sich gesucht haben und erkundete in aller Frühe schon den Schnee - ganz schüchtern noch, seinen allerersten Winter jetzt erlebend.
Es kam jedoch, dass Virginity an die Kälte sich gewöhnte und die seltsam weichen, weißen Flocken womöglich sogar mögen lernte. Zumindest hielt das Kätzchen an jenem Tage fast nur draußen sich auf, ganz so, als ob von der Rückkehr seiner eigentlichen Besitzerin es zu wissen schien und es geduldig auf sie wartete. Der Schnee, der in der Nacht vom Himmel gefallen war, er mochte diesem Tier noch neu sein, doch hatte es meiner Wenigkeit voraus, dass es bereits vertraut war mit der Schwestern zweitjüngster, mit Snow Spencer.
Diese durchquerte vermutlich dunkle und verschneite Fichtenwälder schon und sollte noch am Tage uns erreichen. Der verflossene Sommer hingegen würde Gegenwart nie wieder werden und kaum anders als ein Märchen in Erinnerung mir bleiben. Ihn zurücklassend in der Vergangenheit verschrieb ich meine Seele der Zukunft, die dunkler sein würde und kälter, doch nicht weniger dicht durchdrungen von absoluter Perfektion - in Gestalt natürlich von Fräulein Snow Spencer.
Nicht anders als Virginity hielt auch die Familie Spencer sich an diesem Tag vor allem draußen auf. Silence und ihr Pony Emptiness erkundeten gemeinsam die ihnen kaum vertraute, frostige Pracht, wobei das Mädchen seinen Kummer - denn ein solcher schien in den letzten Tagen sie zu bedrücken - eine Zeitlang zu vergessen schien. Häufig leistete auch ihr Vater ihr Gesellschaft, war jener in der Hauptsache doch damit beschäftigt, einige letzte Ausbesserungen an dem zum Stall umfunktionierten Schuppen vorzunehmen, ihn vollends winterfest zu machen sozusagen. Shadow hingegen hielt in meiner Nähe sich auf und hatte nichts Besseres zu tun, als immer dann, wenn ihr Vater es nicht sah, mit Schnee mich zu bewerfen - während ich versuchte, den Platz vorm Haus von ebensolchem zu befreien... Gleichwohl war der Anblick, den die Schönheit auch in dieser Zeit mir bot, ganz und gar märchenhaft und überaus interessant. Ihr bordeauxfarbenes Haar hob flammend von einem nahezu bodenlangen, schneeweißen Wildledermantel mit reichlich Pelzbesatz sich ab. Dessen schlanker Schnitt ließ das Mädchen größer wirken als es eigentlich war, während das für sie untypische Weiß von den ebenso farblosen Stiefeln sogar noch unterstrichen wurde. Shadows Ausstrahlung allerdings verkehrte diese Reinheit und diese Unschuld ganz und gar ins Gegenteil - wie das Fräulein selbst mit Gewissheit auch wusste.
Die Besitzerin eines mir sehr viel besser bekannten, hellbraunen Wintermantels hingegen zeigte sich meinen Augen vorerst nicht. Magdalena nämlich schien als Einzige dem Schnee und der Kälte abgeneigt und verweilte die meiste Zeit über allein im Haus in ihrem Zimmer. Wir jedoch wurden, indes der Nachmittag vorüber zog, ob der Ankunft von Fräulein Snow allmählich ungeduldig. Zwar war Abraham Thomas im Vorfeld der Rückkehr seiner eigenen Tochter nicht so aufgeregt, wie er es gewesen war, bevor Magdalena vor einigen Wochen uns hatte erreicht, doch schien diesmal vor allem Secret kaum noch abwarten zu können. Sie mochte ihre jüngere Schwester wahrhaftig sehr gern haben, so schien mir, und deren Kätzchen an der Brust tragend, wartete sie ganz in meiner Nähe vor dem Haus und blickte hinüber zum gusseisernen Tor am Ende der Allee. Wie Scherenschnitte hoben die kahlen Bäume sich dunkel vom noch hellen Himmel ab, während auf den Ästen viele schwarze Krähen sich versammelt hatten und sich bemerkbar hin und wieder machten, indem sie Schnee von Zweigen schüttelten. Irgendwann jedoch, als die Dämmerung gerade eben hereinzubrechen gedachte, da tauchte am Ende des langen Weges, der vom Haus zum Rand des Grundstücks führte, eine dunkle Kutsche auf, die gezogen ward von zwei nachtschwarzen Pferden.
Noch bevor das Gespann sein Ziel erreichte, hatte die gesamte Familie vor dem Haus sich versammelt. Sogar Shadow sah man einige Freude über die Rückkehr von Snow nun an, obgleich sie zumindest versuchte, genau das uns nicht zu zeigen. Sorgen hingegen machte ich mir um Silence, die einen nachdenklichen und traurigen, womöglich sogar einen ängstlichen Eindruck auf mich hinterließ - höchstvermutlich glaubte sie, dass man in nächster Zeit ihre heimkehrende Schwester nur noch beachten würde... Da ein Paar wir aber waren - irgendwie und insgeheim - nahm ich für den Moment mir vor, dass ich es dazu auf keinen Fall würde kommen lassen! Noch konnte ich nicht wissen, dass wenige Augenblicke später eine Person mir gegenübertreten würde, die an Schönheit und an Charakter alle anderen der Welt weit in den Schatten stellen sollte - und zumindest in meinen Augen sogar jede ihrer Schwestern...
Einem scharf umrissenen Schatten gleich näherte die mittlerweile letzten Meter sich die Kutsche. Während immer schneller mein eigen Herz unhörbar pochte, durchschlugen die Hufe der Pferde die winterliche Stille und einige - wenige - Krähen schreckten auf und flogen hinweg. Schlussendlich kehrte der Wagen nur noch halb vor uns um, bevor der Kutscher zum Stillstand ihn brachte, sehr bald schon herabstieg und eilig der Heimkehrenden die Tür dann öffnete... All meinen Sinnen bot daraufhin ein ganz und gar meisterliches Werk sich dar - eine Szene gemalt in Schwarz und in Weiß beinahe nur und keinen Farben sonst.
Es entfloh der Dunkelheit zuallererst ein schwarzer Stiefel. Sanft wurden er und sein Gegenstück hinab gesetzt in den Schnee, derweil des Fräuleins linke Hand an einem silberglänzenden Griff an der Kutsche sich festhielt. Die zarten Finger hatte sie gehüllt in einen dünnen, dunklen Handschuh und gleichsam schwarz war auch ihre übrige Kleidung - ein beinahe bodenlanger und dicht anliegender Wollmantel und ein samtweicher Schal, den sie eher lässig um den Hals hatte gelegt. Ebenfalls ganz finster war ihr dezent gelocktes, langes Haar und so war es das Gesicht allein, das von all der Schwärze sich abhob und einen Blick auf des Mädchens außergewöhnlich blasse Haut mir gestattete. Im Kontrast zur Kleidung wirkte die kaum weniger weiß als frisch gefallen Schnee; ja sogar ihre wundervollen Lippen grenzten farblich fast gar nicht von ihrem Antlitz sich ab. Anders allerdings die Augen - welche da waren tiefdunkelbraune, lichtverschluckende Schönheiten, die ich genauer noch beschreiben werde, wenn ihre Blicke erstmals sich mit meinen trafen.
Gewiss war Abraham Thomas derjenige, den das Mädchen anfangs nur beachtete. Sie lief lautlos über den Schnee hinweg ihm entgegen und ließ mit Freuden in seine Arme sich nehmen. Kaum ein Windhauch wehte jetzt noch durch die kalte Luft und auch die Krähen auf den nahen Bäumen blieben eine Zeitlang stumm, konnten in ihrer jahrzehntealten Weisheit es nicht wagen, die Schönheit dieser Augenblicke durch ein Krächzen zu zerstören. Eingebettet in die Kulisse des vom Schnee bedeckten Gartens und inmitten beständig fallender Flocken schienen zwei dunkle Schatten einander wiedergefunden zu haben. Es trennte den Vater von der Tochter augenscheinlich mehr nicht, als sein ungewöhnlich langer, perlweißer Schal, in dem sie ihr blasses Gesicht hatte verborgen... Dies nun betrachtend erkannte ich, wie über alle Maßen Abraham Thomas seine Töchter doch liebte und welch eine Angst er hin und wieder um Snow wohl hatte haben müssen, auf ihrer langen Reise.
Nach einiger Zeit sah Fräulein Spencer mit großen, dunklen Augen zu ihrem Vater wieder auf, da sie knappe Antwort ihm gab, auf einige Worte, die er zuvor an sie gerichtet hatte. Und obwohl ich deren Inhalt akustisch nicht verstehen konnte, so blieb mir dennoch nicht verborgen, dass Snow soeben sehr, sehr glücklich war... Abraham Thomas entließ sie bald aus seinen Armen, legte dann die bloße rechte Hand jedoch auf ihre Schulter und sprach sie einmal noch an. Ein Lächeln und ein Nicken gereichten ihm zur Antwort und Snow wandte sich - und das überraschte - als nächstes ihrer einzig jüngeren Schwester Silence zu. Anders als Secret und Shadow hielt sich diese einige Meter entfernt von Abraham auf und daher ganz in meiner Nähe, der ich eine gewisse Distanz für höflicher gehalten hatte.
So kam es also, dass Snow an Shadow und Secret vorerst vorüberging - nicht ohne ein freundliches und aus deren Sicht offenbar ausreichend erklärendes Lächeln, das sei erwähnt - und sich daraufhin auch mir selbst allmählich näherte. Meine Blicke folgten derweil jedem ihrer unnatürlich leichten Schritte - den schlanken, schwarzen Stiefeln, die voller Anmut einen Weg über lockerleichten Schnee sich suchten - so lang, bis Fräulein Snow ganz plötzlich im Gehen dann stoppte (es befand sich ihr rechter Fuß schon kaum mehr auf dem Boden) und nun direkt mir in die Augen sah. Und das war der Moment, da ich diese, unsere Ebene der Realität verließ und eintrat in eine mir bis dahin fremde Welt.
Diese andere Welt war ein Heim für zwei Personen nur - für Fräulein Snow natürlich und für mich. Der mir vertrauten Realität ähnelte sie und trotzdem war sie von ihr ganz verschieden. So schien die Zeit dort still zu stehen und Farben gab es keine - in jedem Detail jedoch offenbarten sich die Kraft und die Schönheit ganzer Länder... Es beschrieb die kahle Allee noch immer schnurgerade ihren Weg, doch erstreckte sie sich nunmehr nicht nur bis an den Rand des Grundstücks, sondern bis in die Unendlichkeit selbst. Auch fielen in millionenfacher Anzahl weiße Flocken immer noch und immerfort vom Himmel, waren allerdings unwirklich sanft und sehr viel größer auch, als all jene, die in der mir gewohnten Welt ich jemals hatte sehen können. Umgeben von all dem Schnee, und eingerahmt von den weit verzeigten, dunklen Ästen der Bäume der Allee - eingerahmt von der Unendlichkeit - befand sich schließlich Snow. Und regungslos sah sie mich an, stand dort, eben so, als ob sie ein Kunstwerk wäre, und kein Mensch. Schuld daran trugen gewiss auch des Fräuleins ganz besonders dunkle Augen, die - als ob sie staunten - ganz voller Neugier mich betrachteten. Nicht weniger matt waren sie, als die der Schwestern, und gleichsam vermochte ihr Anblick in seltsame Ruhe meine Seele zu wiegen und in unendliche und endlos dunkle Tiefen sie zu locken, mich eintauchen zu lassen, in Sphären fern des Menschseins. Äußerst plötzlich wurde mir bewusst, dass das vollkommenste Geschöpf mir gegenüberstand, dem ich jemals im Leben würde begegnen dürfen - ein Wesen, das nicht nur schöner war und erhabener, sondern wertvoller auch, als jedes sonst auf dieser Erde.
Indes war es nicht einmal so, dass Fräulein Snow mich nicht schon gesehen hätte, gleich nachdem sie aus der Kutsche gestiegen war - mittlerweile weiß ich das genau - doch wie auch ihre Schwestern hatte sie mich anfangs beinahe nicht beachtet. Mich selbst kostete es einige Kraft zu begreifen, dass sie - eine Person wie sie! - kaum mehr als zwei Meter entfernt von mir jetzt stand - ganz in Schwarz und in Weiß, nicht anders als die Landschaft - und mit einem um eine Winzigkeit weit geöffneten Mund in meine Augen sah. Auf diese Weise wurde ein Blick auf die zauberhaft geschwungenen Rundungen ihrer vollen Lippen mir gewahr - auf denen bald schon ein dezentes Lächeln sich abzeichnete. Und obgleich ich es würde vermeiden wollen arrogant zu wirken, möchte ich dennoch behaupten, dass dies kein Lächeln aus Freundlichkeit nur war - es war ein Lächeln echter Freude; ein erstes, zartes Lächeln, welches genügte um mich wissen zu lassen, dass dieses Mädchen die Einzige sein würde, die fortan ich lieben konnte, und immer lieben würde - und obwohl da Dinge kamen, die weder im Traum, noch im Alptraum (denn keinen Traum es gibt, der nicht auch Alptraum werden kann) ich mir jemals hätte vorstellen können, behielt ich damit Recht, bis heute. Ich müsste lügen, würde ich behaupten wollen, dass ich ob einer solchen Erfüllung nicht auch ein wenig Stolz verspüre.
Als ich Ihnen erklärte, dass ich momentan in einer fremden Welt mich wähnte, da war es mitnichten eine Metapher von der ich sprach. Denn obwohl ich körperlich den Ausgangsort mit großer Gewissheit nie verließ, so erreichte ich im Geiste tatsächlich eine andere, eine womöglich höhere Ebene der Existenz. Mein Blick war klar und Snow wie ich sie sah wahrhaftig; ihre Schwestern jedoch, und den Vater, den Kutscher und sogar die Pferde - ich konnte sie nunmehr nirgendwo entdecken. Lediglich unter den Krähen gab es einige, die auch in dieser Realität hoch oben auf den schneebedeckten Ahornbäumen saßen, doch waren sie starr, und waren stumm. Falls Sie jedoch glauben - und solcherlei Gedanken sind berechtigt - dass ich viele Dinge gar nicht sehen konnte, weil ich Augen für Fräulein Snow vermutlich nur hatte, so kann ich dies verneinen: Da die Zeit in jener Welt fast still stand, blieb mir ihrer genug, um ein wenig mehr als nur Snow Spencer zu betrachten. An die Landschaft erinnere ich mich daher sehr gut, an dieses wunderschöne, weite, weiße Land, und wie einsam und still und wie kalt es dort war..., an den durch und durch bedeckten, hellgrauen Himmel, und die klare Luft, und an das pittoreske Gewirr aus kargen, kühlen, schwarzen Zweigen. Und obwohl ich glaube, dass ich länger nicht an diesem fernen Ort verweilte, als wohl höchstens zwei Sekunden (gemessen natürlich an der in der mir vertrauten Welt vergangenen Zeit) so war dies doch genug um mein Leben zu verändern, bis heute zu bestimmen, und mein Denken und mein Fühlen auf kaum mehr als eine einzige Person zu reduzieren.
Momentaner Ausdruck dieser eigentlich unvorstellbaren Empfindungen war eine einzelne Träne; eine Träne die ich versuchte zurückzuhalten, während Snow eindringlich und genau mich betrachtete, und selbige vermutlich würde sehen können. Der feuchte Tropfen jedoch suchte unaufhaltsam sich den Weg - von meinem linken Auge aus die Wange hinab und hinunter bis zum Hals - bis der Stoff meines Mantels ihn verzehrte. Das anfangs warme Gefühl auf der Haut hatte sich an diesem Punkt längst schon in ein unangenehm frostiges gewandelt..., und eben dieses half mir wohl, mir meiner selbst noch einmal kurz bewusst zu werden. In einem letzten Ansturm echter Klarheit erkannte ich, dass nicht nur die allerschönste Person gerade vor mir stand; auch erfuhrt ich soeben den vollkommensten Augenblick meines Lebens: einen Moment solch allumfassender und absoluter Perfektion, wie er mir nicht noch einmal vergönnt sein sollte - selbst dann nicht, als ich Monate später mit Snow Spencer erstmals schlief...
Davon war ich gerade eben jedoch weit entfernt und sollte mich gar weiter noch entfernen.
Indes der ehemals nahezu erstarrte Lauf der Zeit kaum merklich wieder in Bewegung zu kommen schien und die erschreckend wenigen Farben der realen Welt sich meinem Bewusstsein wieder zeigten, wichen meine Blicke nunmehr nicht von Fräulein Snow und ihren Augen. Da sie blinzelte bewegten ihre Lider und die Wimpern sich noch immer um ein Vielfaches verlangsamt und als sie sich dann von mir wandte, verging die Zeit beinahe nicht anders... Danach jedoch veränderte sich das Wesen meiner Wahrnehmung und plötzlich, ganz abrupt, wurde ich hineingestoßen, wurde ich zurückgeworfen, in die vermeintlich reale Welt, ganz so, als ob ein Fahrzeug plötzlich und mit aller Kraft beschleunigte. Mein an die Langsamkeit gewöhnter Geist hatte größte Schwierigkeiten, sich an den neuen alten Lauf der Zeit nun wieder anzupassen, versuchte die auf mich herabstürzende Flut von Eindrücken irgendwie zu filtern, irgendwie zu reduzieren. Ich hätte beinahe nicht bemerkt, dass Fräulein Snow sich einmal noch nach mir dann umsah - aber sofort wieder abwandte, als meine Blicke die ihren erneut kreuzten... Von da an geschah es, dass all die noch verbliebene Klarheit meines Denkens nach und nach verdrängt wurde, von einer Art von Düsternis und Schwärze. Mit bereits getrübten Blicken beobachtete ich Snow..., die Silence jetzt begrüßte, und hatte den Eindruck, dass Minuten, wenn nicht Stunden, schon vergangen waren, seit sie sich hatte aufgemacht eben dies zu tun. Nun, da beide einander gegenüber standen, erkannte ich, dass Snow ein wenig größer und womöglich auch ein wenig schlanker war als Silence - vor allem aber trug sie sehr viel weniger kindliche Züge, denn ihre nur um ein Jahr jüngere Schwester; und daher vermochte ich Snow - wie auch Secret und Shadow - als junge Frau zu betrachten, und nicht eben noch als Kind... Jenes sah derweil zu mir herüber - sah beinahe häufiger mich an, als das zurückgekehrte Mitglied der Familie - doch war meine Sicht der Dinge lang schon viel zu unklar, als dass ich Silence Spencers Blicke genauer hätte deuten können..., und das wirklich Erschreckende war ohnehin, dass ich mir keinerlei Gedanken um dieses Mädchen nunmehr machte, dass die übernatürliche Schönheit ihrer Schwester eine jede Sorge gar schon im Keim erstickte.
Beschämt und irritiert wandte ich den Blick von beiden ab und ließ ihn schweifen, über die in der Zwischenzeit grau und schwarz gewordene Landschaft, bevor er dann auf Spencer und den Kutscher fiel, den ich noch gar nicht richtig hatte angesehen. Ein dunkler Staubmantel und ein weit ins Gesicht gezogener Hut ließen tiefergehende Blicke auf den großen, kräftigen Mann allerdings auch kaum zu, und außerdem wurde meine Sicht verschwommener und dunkler immerfort. Ich konnte gerade noch erkennen, wie er Sir Abraham Thomas einen großen, dünnen Umschlag überreichte - indes sie einige knappe Worte miteinander sprachen - und von diesem einen kleinen, dicken Umschlag wiederum entgegennahm. Daraufhin schickte sich der Kutscher an, beinahe schneller noch zu verschwinden, als er denn gekommen war; und ich, ganz wirr von all der vermeintlichen Hektik und den gleichzeitig ablaufenden Handlungen, richtete abermals meinen Blick auf Snow und Silence...
Bestürzt musste ich feststellen, dass sie zu fokussieren mir mittlerweile nicht mehr möglich war! Es verfinsterten schwarzer Rauch und Nebel durch und durch mein Augenlicht und viel zu spät erst wurde mir bewusst, dass nichts anderes mir übrig bleiben würde, als geradewegs zurück ins Haus zu gehen, mich hinzulegen, auszuruhen... Doch schon während ich in diese andere Richtung mich wandte, umfing mich dann die Dunkelheit - Dunkelheit in ihrer jenseits des Todes vermutlich tiefsten und schwärzesten Form.
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