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... Secret, Shadow, Snow und Silence Des Niederganges erster Teil - Abschnitt 08
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Viel Spaß beim und danke fürs Lesen!
Kommentare? - Secret, Shadow, Snow und Silence im Forum
Liebe Leserinnen und Leser, ich berichtete Ihnen bereits von den Gesprächen zwischen mir und Secret, von den Geschichten, die wir beide einander erzählten wenn wir uns in ihrem Zimmer trafen, meist am späten Abend, hin und wieder auch bei Nacht. Doch wie ich ebenfalls erwähnt habe, hielt ich es für sinnvoll, auch Secret einige Tage lang nicht zu sehen, nach den nicht so ganz bedeutungslosen Geschehnissen am See... Eines Abends jedoch, ich glaube es war gerade noch August, da klopfte die blonde Schönheit ganz überraschend an die Tür meines Zimmers. Ich öffnete und obwohl sie dort im Zwielicht des nur durch das Licht in meinem eigenen Zimmer beschienenen Ganges stand, war ich bald schon wieder wie geblendet von ihrem Lächeln, ihrer Schönheit.
Wir haben schon seit so langer Zeit keinen Abend mehr zusammen verbracht..., sagte sie und fragte ohne Zögern: Darf ich zu dir kommen?
Gern!, antwortete ich und hätte nun, selbst dann wenn es mein fester Wille gewesen wäre, nicht mehr widerstehen können. In jenem Moment da spürte ich nämlich, wie sehr mir diese schönen Momente mit Secret, meiner Liebe Secret, wirklich fehlten.
Da ich das Mädchen ungern nur belügen wollte, versuchte ich, mich nicht allzu weit von der Wahrheit zu entfernen, als ich sagte: Ich hatte viel zu tun und wenig Zeit... Aber wenn ich recht darüber nachdenke, ich hätte trotzdem hin und wieder zu dir kommen können. Entschuldige...
Das Mädchen, nett wie ein Engel, ganz wahrhaftig, zuckte mit den Schultern. Das ist nicht schlimm, antwortete sie. Plötzlich aber zeigte sich in ihrem süßen Gesicht ein besonders breites, ein verschmitztes Lächeln.
Was ist?, fragte ich. Man konnte dem Mädchen ansehen, dass sie vor Aufregung oder Freude am liebsten auf und ab gehüpft wäre, ihre vornehme Art und die wohlgemeinte Erziehung allerdings verboten dies und ließen es eigentlich ganz besonders niedlich wirken wie sie so in meinem Zimmer stand und endlich sagte: Ich habe mir eine hübsche Überraschung einfallen lassen! Also ich meine..., ich hoffe, du findest sie auch hübsch.
Mit großen Augen sah ich das Mädchen an und zuckte mit den Schultern. In diesem Moment erst erblickte ich das kleine Körbchen, welches sie in ihrer linken Hand hielt.
Was ist da drin?, fragte ich.
Secret zwinkerte. Später! Wir sollten noch ein wenig warten.
Und später, das bedeutete in diesem Fall bei Nacht. Vorsichtig schlichen Secret und ich durch das gespenstisch stille, scheinbar ganz verlassene Haus, denn auch wenn wir dieses mal nicht vorhatten, das alte Gebäude im Walde zu besuchen, wir also nichts taten, was geheim zu halten war, so hielten wir es doch für ganz unnötig kompliziert, wenn wir Sir Abraham Thomas erst davon erzählen oder ihn gar wecken würden. Und irgendwie war es ja auch schon wieder richtig lustig, so auf Zehenspitzen durch die Dunkelheit zu stolzieren (was völlig übertrieben war, versteht sich, aber es machte Spaß...), Secret sich freuend auf die Überraschung, die sie für mich vorbereitet, ich mich fragend, um welche es sich denn wohl handeln würde und überhaupt wohin wir diesmal gingen (nur nicht zu dem Haus im Wald, das zumindest hatte Spencers Tochter mir verraten). Mehrmals mussten wir unser beider Kichern unterdrücken und ganz befreit, ganz wie zwei kleine Kinder fühlen wir uns, dann, als wir endlich die Terrasse erreicht hatten.
Secret Spencer bot mir nun, umwoben von der Dunkelheit und vom Licht des hoch am Himmel stehenden Mondes einen ganz anderen, viel geheimnisvolleren Anblick als am Tage. Ihr Haar hatte einen unheimlichen doch auch wunderschönen platinfarbenen Schimmer angenommen, ihre helle Haut wirkte geisterhaft, fast weiß und ließ das Mädchen zerbrechlich erscheinen und noch unschuldiger, unberührter.
Die Stimmung in jenem Augenblick, sie hätte also ziemlich unheimlich sein können, auf zauberhafte Weise unheimlich, vielleicht sogar auf eine ganz beängstigende... Dass dem nicht so wahr, das lag wohl ganz allein an Secrets Lächeln, das da war offen und aufrichtig, im Zwielicht der Nacht nicht weniger als unter dem heißen Schein der Spätsommersonne. Ihre süßen Zähnchen blitzen auf als sie kichernd fragte: Warum schaust du mich so an?
In diesem Moment erst merkte ich, dass ich das Mädchen regelrecht angestarrt haben musste und machte mir Sorgen, dass sie dies wohl falsch verstanden haben könnte (aber was heißt schon falsch verstanden..., ich sollte vielmehr sagen, Angst, dass sie es richtig verstanden hatte...). Glücklicherweise zeigte mir ihr zurückhaltendes Kichern, dass Secret auch dies, wie so viele andere Dinge im Leben, nicht so ernst genommen hatte und immer von einer positiven Seite aus betrachtete.
Du siehst so geheimnisvoll aus im Mondlicht..., sagte ich schließlich. Nicht irgendwie unschön, das meine ich nicht, einfach nur... geheimnisvoll, anders als am Tage.
Secret schien erfreut: Wie passend!
Was meinst du?, fragte ich.
Hm..., ich sollte es dir wohl verraten..., murmelte sie nachdenklich, grinste aber wieder, als sie sagte: Lass uns in Richtung des kleinen Weges gehen, dorthin, wo wir eines Morgens einander begegneten!
Der Morgen an dem du mir dein Häuschen zeigtest?
Genau, sagte Secret, sichtlich stolz darüber, dass ich von ihrem Häuschen sprach.
Während wir über die Felder in Richtung des Waldes liefen, begann sie weiter zu erzählen: Ich habe mir gedacht, dass es mir, und anscheinend ja auch dir, immer sehr viel Spaß gemacht hat, wenn wir den Abend zusammen in meinem Zimmer verbracht und einander so viele aufregende Geschichten erzählt haben...
Ja, selbstverständlich, warf ich ein. Du willst auf irgendwas hinaus, hab ich recht?
Sie zwinkerte mich an. Es ist ja jetzt schon eine Weile her und heute war so ein wunderschöner Abend, der Mond scheint so hell, es ist nicht zu kalt... und sowieso gibt es da einen wirklich malerischen Ort, einen den du unbedingt noch kennen lernen musst!
Des Mädchens unvorstellbar liebe Art zauberte ein breites Lächeln auf mein Gesicht. Und dort, meinst du, können wir uns wieder ein paar Geschichten erzählen?
Secret nickte.
Eine richtig schöne Idee hattest du da..., sagte ich und sogleich schien meine Begleitung erleichtert und noch fröhlicher. Während wir weiter unserem Weg folgten, blickte ich mich noch einmal kurz zu Spencers Villa um, die, nun bereits in einiger Entfernung, völlig dunkel inmitten des weiten Grundstücks sich befand. Zwar glänzte das Dach recht majestätisch im Licht des Mondes alle sichtbaren Fenster aber waren finster.
Bald darauf aber hatten wir ihn auch schon erreicht, den schmalen, vollkommen geraden Pfad, der uns in jener Nacht einen mindestens so malerischen Anblick bot, wie an dem Morgen, an welchem ich jener wunderbaren Person, der Person, die mich nun begleitete, an diesem Ort begegnet war: Die weiß-schwarze Rinde des den Weg umgebenden, lichten Birkenwäldchens schimmerte im Mondlicht und ein kleines Bächlein, über das wir nach wenigen Metern hinwegliefen, plätscherte ruhig vor sich hin, übertönte nur kurz die leisen, aber vielgestaltigen Geräusche des Waldes und des Moorgebietes, in welches wir auf unserem Weg immer tiefer eindrangen... Der besagte, schnurgerade Pfad selbst war gut befestigt und völlig trocken, nach einigen Schritten aber hatte Secret vor, einen anderen Weg einzuschlagen, einen aus morschen, dünnen Stämmen bestehenden Pfad, der direkt ins Moor hinein führte. Ich war etwas besorgt: Glaubst du nicht, dass dieser Weg ein wenig gefährlich sein könnte, gerade in der Dunkelheit?, fragte ich.
Keine Angst, antwortete Secret. Ich kenne diesen Pfad sehr gut, bin ihn schon einige Male gegangen und außerdem ist das Moor nicht wirklich feucht nach diesem heißen Sommer. Trete einfach dorthin wo auch ich hintrete...
Um dich vor allem mache ich mir ja Sorgen, erwiderte ich.
Secret kicherte: Brauchst du doch nicht!
Und als sie loslief, da merkte ich, dass sie bezüglich der angeblich so guten Kenntnis über sichere und weniger trittsichere, trockene und feuchte Stellen, wirklich nicht übertrieben zu haben schien. Mich selbst, von Natur aus recht ängstlich, glaube ich, beschlich allerdings ein etwa mulmiges Gefühl, immer dann wenn ich spürte wie die Stämme sich unter meiner Last bewegten oder ein wenig tiefer im schlammigen Boden versanken...
Die Vegetation ringsum allerdings, die ganze Landschaft, die lohnte den etwas beschwerlichen Pfad allemal, war sie doch wirklich recht bemerkenswert. Da größere Bäume praktisch nicht existent waren, zwar hell (was das Licht des Mondes betrifft, meine ich, ansonsten nämlich war es hier, fernab vom Schein des Dorfes, selbstverständlich sehr, sehr dunkel), aber durchaus dicht und zudem wenig differenziert, sodass man sich ohne das Vorhandensein eines Pfades wohl recht schnell hätte verlaufen können. An manchen Stellen wuchs Schilf aus kleinen Wasserstellen hervor, andere waren nicht mehr als Pfützen oder Reste von diesen, ausgezehrt vom Sommer. Aber im Gegensatz zu den Feldern, dort wo die Vegetation schon recht verdorrt und trocken war, schienen die Pflanzen im Hochmoor, soweit ich es denn in der Dunkelheit sehen oder unter meinen Füßen fühlen konnte, noch recht feucht und grün. Farben selbst konnte ich zwar nicht ausmachen, aber obwohl die Blütezeit der Pflanzen lange schon vergangen war, erstrahlte der Boden unter dem Licht des Mondes in vielerlei verschiedenen Schattierungen; die unterschiedlichen Grüntöne des Großteils der Gewächse selbstverständlich und das Schwarz des Schlammes und der Pfützen, aber auch das Rot seltenerer Pflanzen die ausschließlich in so feuchten Regionen wie dieser heimisch zu sein vermochten. Als ganz besonders schön empfand ich allerdings das schneeweiße bis silbergraue Schimmern von Resten von Wollgras, das inmitten der Dunkelheit viele kleine, leuchtende Inseln zu bilden schien.
Ziemlich unheimlich..., flüsterte ich.
Aber auch ganz zauberhaft, oder?
Ohne Zweifel..., wie in den Märchen und den Sagen von denen du mir erzählt hast.
Secret lächelte und schon war sie voller Vorfreude darauf, dies bald wieder tun zu können. Liebend gern, stimmte ich dem Mädchen bei, aber wohin genau gehen wir nun eigentlich, ist es noch weit?
Und gerade, als ich das gefragt, da tauchte, ganz zu meinem Erstaunen, hinter weiteren Birken und vielen jungen Fichten ein hölzerner Aussichtsturm (definitiv kein Jagdhochstand) von etwa drei oder vier Metern Höhe auf. Auch ihm hatten die vielen Jahre, die seit seiner Errichtung schon vergangen sein mussten, sichtlich zugesetzt und das Holz war weich und schief geworden. Ehemals aber dürfte es sich um einen recht massiven Bau gehandelt haben und so konnte man sagen, dass er sich bis zum jetzigen Zeitpunkte in einem überaus brauchbaren Zustand befand.
Sozusagen sind wir da!, gab Secret kichernd zur Antwort.
Und was ist das für ein Turm?, fragte ich.
Meine Begleitung gab einen süßen, Unwissen bekundenden Ton von sich ich dachte laut vor mich her: Auf jeden Fall aus der Zeit vor dem Krieg..., recht verschwenderisch gebaut, das Fundament in Beton gegossen, für die Ewigkeit sozusagen...
Secret nickte. Schon interessant... Wozu er wohl gedient haben mag?
Hast du denn deinen Vater schon gefragt?
Nein noch nicht..., ich habe den Turm auch erst vor kurzer Zeit entdeckt. Es gibt so viel zu entdecken, hier auf diesem Grundstück..., so viele Zeugnisse der Vergangenheit... Und das obwohl, wie Papa mir erzählte, fast alle Gebäude abgerissen worden sind, damals, als der Vorbesitzer des Hauses selbiges errichten ließ...
Am Turm angelangt, da legte Secret mir nahe, dass die kleine, steile Treppe, die nach oben führte im Gegensatz zum Bauwerk selbst bereits recht morsch sei und ich mich doch bitte ein wenig vorsichtiger bewegen solle. Wir kamen dann an, auf einer Plattform, welche eine Fläche von ziemlich genau vier Quadratmetern hatte und die uns beiden eine Aussicht bot, die, trotz der recht geringen Höhe, wirklich schön und sogar vergleichsweise weitläufig war, da zumindest nach Norden hin, also in Richtung des Dorfes, nicht unmittelbar Bäume im Blickfeld sich befanden und die, die vorhanden waren, eine, wie ich schon sagte, nur geringe Höhe aufwiesen.
Wie gefällt es dir?, fragte Secret ganz gespannt.
Ich lächelte freundlich. Richtig gut, selbstverständlich...
Das freut mich aber! Währenddessen holte Secret aus dem Korb, welchen sie mit sich gebracht, eine Decke heraus, die sie auf den Boden ausbreitete. Dann aber stellte sie sich wieder neben mich und blickte auf zum Himmel. Und gemeinsam atmeten wir in tiefen Zügen den Wohlgeruch der frischen Nachtluft ein...
Könnte man doch nur einen einzigen herab vom Himmel holen..., flüsterte sie, klang verträumt, aber plötzlich auch ein wenig bekümmert. Ihn als Glücksbringer bei sich tragen..., als funkelndes Licht, dann und wann, wenn der dunklen Momente zu viele sind.
Ein wenig war ich überrascht, als Fräulein Secret so deutlich die düsteren Momente des Lebens erwähnte, Secret, die allzeit so fröhlich schien, so glücklich, so wie die Sonne selbst. Nach einigen Momenten, da sagte ich: Ich weiß nicht... Glaubst du denn, dass die Menschen es überhaupt verdient hätten, solch einen kostbaren Schatz zu besitzen?
Und, obwohl ich ihr nicht direkt in das Gesicht zu schauen vermochte, bemerkte ich, wie sich in selbigem ein kleines Lächeln abzeichnete. Ich glaube, es wäre besser, nicht so schlecht zu denken von den Menschen... Meinst du nicht auch, dass die meisten von ihnen eigentlich recht nett sind, etwas Gutes wollen, oder zumindest gar nichts Böses?
Ich überlegte, ob ich Secrets Meinung teilen konnte, wich der Frage aber letzten Endes aus indem ich sagte: Um ehrlich zu sein..., ich kenne zu wenige Menschen, um über solcherlei Dinge urteilen zu können. Aber dich, dich kenne ich... Und zumindest du würdest zweifellos zu all denen gehören, die solch ein Juwel sich verdient hätten!
Warum gerade ich?, hinterfragte Secret, nach einigen Momenten aber erst, so fiel mir auf. Und währenddessen ich die Antwort mir überlegte, da kam mir der Gedanke, dass dieser Moment, die ganze Szenerie, die Atmosphäre und vor allem die von ihr gestellte Frage eine doch wirklich wunderbare Gelegenheit abgeben würden, um dem Mädchen meine Liebe, keineswegs zu gestehen, aber doch zumindest ein wenig näher zu bringen...
Du bist wie einer von ihnen, sagte ich.
Wie die Sterne meinst du?
Ja..., oder auch wie die Sonne, falls dir dieser Vergleich besser gefällt. So ein Strahlen geht von dir aus, etwas, dass den Leuten Freude und Glück bringt. Und schau dich doch nur im Spiegel an! Dein freundliches Lächeln, das glänzende Haar, nicht zu vergessen auch deine niedlichen Sommersprossen...
Vom Zenit herab zum Horizont ließ ich meine Augen schweifen und zu guter Letzt nach rechts zu Secret, die, wie ich an der Position ihrer Augenbrauen und der Form ihrer Lippen zu erkennen glaubte, angestrengt nachdenkend vom Turm hinab zu Boden sah. Deswegen sprach ich in nun etwas heitererem, fassbarerem, soll heißen, weniger verträumtem, Tonfall weiter: Doch selbstverständlich bist du sehr viel mehr noch als nur schön! Gerade dein Charakter, deine Seele, verdient es, hochgelobt zu werden... Immer wohlwollend und liebenswürdig bist du, denkst niemals schlecht und bist ehrlich, sehr intelligent und so wunderbar empfindsam was die allerkleinsten Dinge des Daseins angeht... Wahrhaftig ein Stern unter den Menschen, einer der hellsten noch dazu!
Entgegen meinen Erwartungen jedoch war der Blick der jungen Frau (denn eine solche war Secret in jener Nacht, keinesfalls ein Mädchen mehr), war ihre Stimmung nun auf einmal trüb und melancholisch. Sehr spät erst hatte ich das bemerkt, unter dem Schleier der Dunkelheit - die Dunkelheit, welche die lichtverschluckenden Augen des Fräuleins in tiefster Schwärze wahrte (was den Stunden unseres Zusammenseins etwas Surreales gab und fast, aber wirklich nur fast, auch etwas Unheimliches). Und anfangs klang auch ihre Stimme recht bedrückt, als sie antwortete: Ich selbst mag dem was du sagst nicht zustimmen, aber...
Einige Augenblicke vergingen und währenddessen drehte Secret sich zu mir um und ganz plötzlich wieder lächelte sie. Wenn zumindest du dieser Meinung bist, dann freue ich mich natürlich sehr über die Komplimente! Vielen Dank!, sagte sie. Und das war zwar nun sehr höflich, aber leider gab es nichts in ihren Worten, was darauf hindeutete, dass das Fräulein meine Gefühle bemerkt hätte, geschweige denn, dass sie diese erwidern würde...
Im weiteren Verlauf der Nacht, währenddessen wir vor allem über die umliegende Natur und Spencers Grundstück uns unterhielten, da ließ ich noch einige weitere Bemerkungen, oftmals allzu deutliche Hinweise bezüglich meiner Liebe fallen bald aber glaubte ich, dass Secret einfach nicht reagieren wollte. Und so bereute ich nun teils was ich gesagt, denn selbst dann, wenn sie nicht die selben Gefühle für mich haben sollte, so hätte sie die meinigen trotz allem nicht übersehen dürfen. Doch genau das tat sie und wahrscheinlich nur aus Höflichkeit, sie selbst fühlte ganz offensichtlich nicht das selbe wie ich, nicht mehr als Freundschaft, das wurde mir im weiteren Verlauf jener Nacht immer klarer. Und deshalb, um die sonst so schöne Zeit nicht zu zerstören und eben auch nicht diese Freundschaft, zum Wohle des Augenblicks sozusagen, nahm ich mir vor, mich mehr zurückzuhalten, sie weniger unter Druck zu setzen, Secret Zeit zu geben. Vielleicht hätte ich zu einem späteren Moment eine Chance, vielleicht auch dann, wenn ich es noch tagelang beharrlich weiter versuchte und wenn ich in Erfahrung brächte, was Secret sich wünschte. In dieser Nacht aber sollten meine Mühen ohne positives Ergebnis bleiben, das galt mir als sicher.
Von unserem Standpunkt aus, oben auf dem Turm, da befand sich Spencers Anwesen ziemlich genau im Nordosten. Ich konnte mir dahingehend recht sicher sein, da der Pfad den wir gegangen waren die Orientierung wirklich einfach machte. Von Secret mochte ich nun wissen, in welcher Richtung sich ihr Häuschen wohl befand. Dort in etwa?, fragte ich und deutete gen Osten.
Fast..., antwortete sie. Ein Stückchen weiter rechts noch, tiefer drin im Wald. Warum fragst du?
Nachdenklich antwortete ich: Immer wenn ich dort war, glaubte ich, das alles schon einmal irgendwo gesehen zu haben.
Ein Déjà-vu?
Ja, irgendwie schon... Vor kurzem aber, da fiel mir wieder ein, woran das Häuschen mich erinnerte...
So? Woran?, fragte Secret und klang schon wieder ganz aufgeregt.
An ein Erlebnis aus meiner Kindheit, sagte ich. Eine Erinnerung, die mir die ganzen Jahre über immer im Gedächtnis geblieben sein muss, nur verschwommen zwar und vielleicht gar nicht einmal der Realität entsprechend, aber ob der langen Zeit, die seit dem vergangen ist, mag das wohl normal sein. Soweit ich mich erinnere ging ich noch nicht einmal zur Schule damals...
Da unterbrachen mich ein paar verträumte Worte: Es muss schön sein, Erinnerungen zu besitzen, die so weit zurückreichen... Siebzehn Jahre... Für mich wie eine Ewigkeit!
Ich glaube, es wirkte ein wenig seltsam, was Secret da sagte, schließlich war auch sie selbst schon sechszehn Jahre alt und somit nicht sehr viel jünger als ich. Bevor ich sie aber darauf ansprechen konnte, da ergänzte sie: Und doch auch wieder nicht..., sagte sie. Wenn man ein Leben hat, so lang wie das der Sterne, dann mag das wohl mehr nicht sein als nur ein kurzes Blinzeln.
Wieder sahen wir auf zum Himmel. Die Positionen der kleinen Diamanten hatten sich verändert. Weißt du, dass man weit zurück schauen kann wenn man nach oben blickt, zurück in die Vergangenheit?
Ja ich weiß, antwortete sie. Doch ist es auch nicht sehr viel anders bei davon ganz verschiedenen, sehr viel greifbareren Gegenständen. Schau dir zum Beispiel einen schönen, alten Baum an. Dann weißt du was ich meine...
Ja ich verstehe, sagte ich. Allerdings ist doch gerade die Vergänglichkeit sehr oft das, was die Dinge schön macht, meinst du nicht auch?
Wie schon einmal an diesem Abend wirkte Secret plötzlich ganz bedrückt... Denkst du? Was ist dann mit den Sternen?, fragte sie jetzt, erstaunlich ernst. Ich weiß, dass auch sie irgendwann nicht mehr sein werden, doch ist der Zeitraum bis zu diesem Punkt ein derart langer, dass man wohl schon von Ewigkeit sprechen darf... Und trotzdem sind sie wunderschön!
Ja, eigentlich hast du recht... - Ach, du hast mich überzeugt, sagte ich und lächelte. Zwar hätte ich noch argumentieren können, damit, dass zwar die Sterne ewig sind, nicht aber die Nacht und der Moment, in dem man sie betrachtet (oftmals nur ein kurzer) und all dies ja doch zu einer Endlichkeit führt, aber einerseits wollte ich es nicht so genau nehmen, andererseits überraschte mich Secrets merkwürdige Stimmung und ich hielt es für klüger, ihr nicht weiter zu widersprechen. Während ich über all dies nachdachte vergingen wohl einige Sekunden und Secret wurde wieder ganz die Alte, wieder einmal ungeduldig. Plötzlich fröhlich (wobei ich nicht auszuschließen vermag, dass das Fräulein sich zu dieser Freude selbst ein wenig zwingen musste), richtete sie folgende Aufforderung an mich: Nun erzähl aber endlich!, sagte sie. Sag, was ist das für ein Erlebnis gewesen! Ich bin schon ganz gespannt... Oder hast du keine Lust?
Ich dachte kurz nach. Doch, doch!, sagte ich und lächelte. Und so begann ich, mir all die spärlichen und verzerrten Erinnerungen die ich noch besaß, gegenwärtig zu machen, fast so, wie ich es auch jetzt tue was die Geschehnisse mit Secret, Shadow, Snow und Silence betrifft, meine ich nur, dass selbige noch überaus präsent sind, lebendig und wohl zum allergrößten Teile auch wahrhaftig.
Die alten Bilder, die nun wieder in mein Bewusstsein drangen, schienen eine goldene Färbung zu haben..., sie waren wirr und undurchsichtig, eine Trennung zwischen dem, was ich tatsächlich erlebt hatte, dem, was ich nur geträumt, und dem, was mir irgendwann in meiner Kindheit irgendwo von irgendwem erzählte wurde, war nur schwerlich möglich. Ich erwähnte das auch Secret gegenüber und eine deutliche Spur von Faszination vermochte ich aus ihrer Stimme heraus zu hören, als sie antwortete: Das soll uns kein Hindernis sein! Sag doch einfach was dir einfällt, sag mir alles, was du sagen möchtest du weißt doch, wie gerade die langen Geschichten mir gefallen!
Ich nickte. Wenn es nun aber gar nicht stimmen wird, was ich erzähle? Womöglich ist alles nur Unsinn, nur das Ergebnis vieler Jahre der Verzerrung?
Secret dachte nach... Ich weiß nicht wirklich was ich dazu sagen soll... Mein eigenes Leben ist zu kurz bisher gewesen und so anders als das deine. Ich glaube aber nicht, dass es wirklich einen Unterschied machen würde, ob das, was du erzählst und woran du dich zu erinnern glaubst wirklich auch das ist, was geschah, sagte sie dann. Sind nicht es nicht gerade die Erinnerungen die im Leben wirklich wichtig sind?
Sie erst machen den Charakter aus... Wohl war...
Einige Sekunden verstrichen in absoluter Stille..., Stille, die unser beider Seelen wärmte, indes der Körper die zunehmende Kühle der Nacht zu spüren bekam. Ganz zaghaft unterbrochen ward die Ruhe erst, als ein sanfter Windhauch übers Land strich, durch die Wipfel der Bäume und durch das helle und das dunkle Haar, durch das von Secret, und das meine... Eingerahmt vom Glitzern der Sterne über und der Dunkelheit des Moores unter uns, begann ich zu erzählen: Irgendwo in meinen ersten, ältesten Erinnerungen, da gibt es ein Gebäude, dass dem, welches du so sorgsam geheim hältst, seltsam ähnlich zu sein scheint... Es befand sich gar nicht weit entfernt von dem Haus, in dem ich wohnte, und wenn ich zusammen mit meiner Mutter spazieren ging, war ich wohl nicht selten schon daran vorbeigekommen. Dennoch hatte dieses Gebäude eine wirklich Bedeutung für mich nie gehabt. Als ich aber älter wurde und ich zusammen mit einem Freund mich auch ein wenig von Zuhause weg zu bewegen begann, da waren wir, während wir so spielten, irgendwie in die Nähe von jenem Ort gelangt bestimmt nicht absichtlich denke ich, eher zufällig, ohne es auch nur bemerkt zu haben...
Was habt ihr damals denn gespielt?, unterbrach Secret, ein wenig neckisch klang sie fast, als wolle sie sich lustig machen über das, was kleine Kinder tun. Doch böse meinen würde sie das selbstverständlich nie und heiter antwortete ich: Was man als Kind, als Junge, eben so tut... Irgendwelche abenteuerlichen Rollen, irgendetwas wo man einander durch die Gegend jagt, die Natur kennen lernt, sich im tiefen Gras versteckt... Etwas, wo aus Stöcken Schwerter werden oder Revolver, wo man während eines lauen Sommerabends noch bis spät in die Dämmerung hinein versucht, als Sieger aus dem ganzen hervor zu gehen, wenn schon nicht allein, dann zumindest gemeinsam...
Secret nickte. Ihr Blick schien wehmütig geworden... - der meine wohl auch, aber der ihre war ein wenig ungewöhnlich. Zwar wirkte sie froh wegen all den schönen Dingen, welche ich erlebt, aber auch traurig, so als hätte sie selbst nie gleiches erfahren. Dennoch - oder gerade auch aus diesem Grunde - dachte ich mir, dass es wohl am besten sei, einfach mit der Geschichte fortzufahren: Jener Abend an dem wir zu diesem Haus gelangten war wohl auch ein Abend dieser Art... Aber nun ja, freilich war es nicht das Haus selbst, welches mich so faszinieren sollte, sondern die Person die darin wohnte!
Nun sah mich Secret fragend an... Sie war sehr glücklich, wie mir schien. So sie denn Dinge erfuhr die neu für sie waren und interessant war sie das immer. Geschwind erzählte ich weiter: Anfangs, da sahen wir, damit meine ich mich und meinen Freund, sie nur für einen winzig kleinen Augenblick. Dieser Augenblick aber ist einer, an welchen ich ganz genau mich zu erinnern glaube. Wir waren erschöpft vom Spielen und ruhten uns im hohen Grase aus, angelehnt an einen alten, morschen Holzzaun, als wir plötzlich das Knarren einer Tür zu hören glaubten. Auf dem Grundstück direkt hinter uns gelegen erblickten wir das Haus und sahen, wie eine Frau heraus aus dessen Dunkelheit ins Freie kam eine wunderschöne Person war sie, das erkannte ich sofort, egal wie jung ich damals war!
Als ich das gesagt, da konnte ich kaum anders, als für den Zeitraum ein'ger Augenblicke in Erinnerungen zu schwelgen... Bald aber fragte Secret, wie diese Frau denn damals ausgesehen habe. Und geradezu schwärmerisch erzählte ich: Ihr Haar... Das außergewöhnlich Schöne an ihr war das Haar! Es war sehr lang, ein wenig länger noch als das deine und ihm ansonsten doch recht ähnlich. Auf eben so schöne Art gelockt, jedoch ein wenig wilder, struppig könnte man fast sagen das aber klingt so negativ! Manchmal, da trug sie es offen, aber zumeist, und das gefiel mir ganz besonders, zusammengebunden von ein oder zwei bunten Schleifen. Wunderschön war auch die Farbe, rötlich-blond war es, ganz wie das Licht in jenen alten Sommerabenden... Die waren es, die unsere Besuche meist begleiteten.
Ich sah wie Secret lächelte. Es war ein freundliches Lächeln, ganz ohne Zweifel, ein Lächeln, amüsiert, oder gerührt, oder beides, von den Erlebnissen eines kleinen Jungen, Erlebnisse, die keinesfalls vergleichbar waren mit Liebe, die das Gefühl und das Verständnis für selbige aber dennoch geprägt hatten. So zumindest vermute ich noch heute.
Ich fuhr dann fort und sagte, dass die Frau ziemlich schlank gewesen sei und relativ klein, soweit ich mich zu erinnern vermag. Ihre Haut war wohl ganz weich, alles andere als trocken und ihr Gesicht das war so gütig und so lebendig - seine Züge sanft, die Augen groß und staunend, die Lippen fast ein wenig frech... Dann aber sagte ich: Wenn du mich nach ihrem Alter jedoch fragst, so kann ich dir nur schwerlich eine Antwort geben... Der Widerhall ihrer Stimme und der farbige Schatten, den ihr Gesicht bis heute in meinem Kopf hinterlassen hat, verraten beinah nichts darüber... Recht logisch erscheint mir allerdings eine Schätzung auf wenigstens zwanzig, höchsten aber dreißig Jahr...
Secret wirkte äußerst nachdenklich, bedachte offenbar ganz genau, wovon ich ihr erzählte. Schließlich fragte sie: Lebte sie denn ganz allein an jenem Ort?
Ich schüttelte den Kopf, nicht aber um wirkliche Verneinung auszudrücken. Nicht nur allein, sagte ich. Sie lebte dort, ich möchte nicht sagen einsam, denn das war sie nicht, nicht, wenn man Einsamkeit mit Traurigkeit verbinden möchte, aber zumindest sehr abgeschieden, getrennt von der Gesellschaft. Mein Freund, er meinte, sie sei eine Hexe, oder zumindest sehe sie wie eine aus...
Secret kicherte, war jedoch schnell wieder still, als ihr bewusst wurde, dass ich auf recht ernste Weise von alledem sprach. Lach ruhig!, sagte ich, versuchend, ihr klar zu machen, dass die Erinnerung, oder zumindest dieser Teil davon, keineswegs eine traurige war. Schließlich konnte auch ich selbst mich dran erfreuen. Er hatte allen Grund dazu, gestand ich. Erst recht, als ich ihm erzählte, was mir meine Mutter über diese Person gesagt hatte, und über dieses Haus.
Was denn?
Ich begann zu flüstern, aber eher aus Spaß denn aus Ernst: Sie meinte, immer dann, wenn wir dran vorbei kamen, dass ich auf gar keinen Fall dort hingehen solle... Aber ich hatte mir nie sehr viel gemacht aus dieser Warnung, hatte sie als nicht wichtig angesehen, einfach deshalb, weil ich in diesen ersten Jahren meines Lebens ohnehin nie ohne die Begleitung meiner Mutter in die Nähe des besagten Ortes kam. Außerdem hatte man das Haus auch kaum sehen können, so verborgen war es hinter Büschen und Bäumen. Was ich sagen will ist, dass es keineswegs eine grundsätzlich negative Bedeutung für mich hatte, als ich und mein Freund an jenem Abend uns das erste mal dorthin verirrten... Erst als wir dann dort waren, da fielen mir die Worte meiner Mutter wieder ein und auch ich selbst bekam ein wenig Angst, wäre wohl so schnell es ging gerannt, wenn der Anblick jener Frau nicht so märchenhaft gewesen wäre, dort, im Zwielicht des lichtdurchwebten Blätterdaches, im goldgelben Schein der untergehenden Sonne...
Du erinnerst dich ja doch recht gut, warf Secret zaghaft ein. Noch vorhin meintest du, dass du kaum mehr irgendetwas wüsstest...
Dem war auch so!, sagte ich. Ich glaubte es zumindest. Aber jetzt, da ich so erzähle, da fallen mir so viele Dinge wieder ein, da fügen sie sich zusammen, die Bruchstücke meiner Erinnerung. Nichtsdestotrotz ist einer großer Teil von dem, was ich dir sage, nicht mehr als eine Vermutung, nicht mehr, als nur eine mögliche Form von dem was einmal war...
Das ist in Ordnung! Aber warum hat deine Mutter denn gemeint, dass du dorthin nicht gehen sollst, wovor genau hat sie dich gewarnt?
Ich kann mich nicht erinnern, gab ich zu. Vielleicht vor gar nichts im speziellen, das wäre durchaus möglich... Es war eben so, dass wir nicht selten an diesem Haus vorbei gingen und die Warnung sich so wohl immer wieder anbot. Und ohnehin war die ganze Gegend drumherum ein seltsamer, ein unheimlicher Ort.
Aus welchem Grund?, fragte Secret.
Lass mich die Umgebung dir beschreiben, antwortete ich. Secret nickte zustimmend und einer besseren Vorstellung wegen schloss sie sogar die Augen...
Das Haus meiner Familie, es befand sich an einem Hang an einem Tal, das durchflossen wurd' von einem kleinen Bach. Jenseits von diesem, da war das Ende der Stadt praktisch schon erreicht, nur noch wenige Häuser gab es dort...
Und auch das Haus von dem du mir erzählst?
Ganz recht! Abgesehen von diesem existierte auch ein großes Anwesen jenseits des Gewässers, eines, dessen früherer Glanz wohl auch zur Zeit da ich ein Kind war lange, lange schon verblasst war. Zwischen diesem und dem Bach allerdings, da befanden sich viele alte, kleine Gebäude, von denen eines jenes war, von dem ich dir erzähle. Ihnen allen gemeinsam war, dass sie von einem dicht verwachsenen, einem dunklen und verwilderten Wäldchen umgeben waren. Und, dass ein Pfad entlang an ihren morschen Zäunen und fast direkt am Bache selbst verlief... Auch dieser Pfad war die meiste Zeit des Tages kalt und dunkel und feucht... - und, wie ich mich erinnere, fast immer bevölkert von solch großen Schnecken, braun oder schwarz in der Farbe... Es handelte sich ganz wahrhaftig nicht um einen angenehmen Platz... Aber dennoch um einen, von dem ich mich im gleichen Maße angezogen und auch abgeschreckt fühlte und wohl auch noch heute fühlen würde. Das ist es vermutlich, was die Erinnerung in meinem Kopf so mysteriös und so ungreifbar macht. Dieser Weg und auch der angrenzende Wald, den ich damals aber noch fast nicht kannte, war nicht völlig unschön, sondern viel eher wie einem Märchen entnommen, wie ein Wald der Hexen beherbergt und alte, einsame Hütten...
Kurz grinste ich, bald aber verlor ich mich in Gedanken: Oder, wie ein Ort, an dem die Vergangenheit ganz greifbar scheint, an dem nichts entsteht, zumindest nichts von Menschenhand, sondern alles nur verfällt, auf eine schöne und faszinierende Art und Weise allerdings... Ich bin mir sicher, dass solcherlei Gedanken damals noch nicht in meinem Kopfe spukten, denn um wirklich ein Gefühl für Vergänglichkeit zu haben, mochte ich wohl noch viel zu jung gewesen sein. Aber... Irgendwie..., irgendetwas gefühlt, das habe ich mit Sicherheit schon damals, sonst hätte dieser Ort mich nicht so verzaubert, nicht schon, bevor ich bei diesem Haus gewesen und die Person, die darin gewohnt, kennen gelernt!
Ich glaube, ich verstehe dich nicht ganz... Aber..., die Gegend, die kann ich mir gut vorstellen!, kommentierte Fräulein Spencer meine Beschreibung. Ich zuckte mit den Schultern und nickte ihr zu. Soll ich fortfahren, mit dem, was dann geschah?, fragte ich.
Ja, sehr gern! Aber warte bitte kurz, eine Sache möchte ich noch wissen!
Ja?
Du hast mir von diesem Weg erzählt, der an dem Haus vorbei führte, und davon, dass du oftmals mit deiner Mutter dort entlang gegangen bist. Warum eigentlich, wenn der Weg so düster wirkte und das Ende der Stadt doch dort auch schon erreicht war?
Um an den Ort zu gelangen, der am anderen Ende des Pfades sich befand!, antworte ich.
Am flachen Hang jener Seite des Tales erstreckte sich eine wunderschöne, große Wiese. In meinen Erinnerungen hat auch sie eine goldene, glänzende Farbe..., wohl weil wir zumeist am Abend sie besuchten und dort spielten und zuvor erst diesen finst'ren Pfad durchqueren mussten.
So... - Gut, jetzt verstehe ich! Doch nun erzähl schnell weiter, ich möchte wirklich sehr gern wissen, was danach geschah!, forderte mich Secret freudig auf. Ihre Ungeduld war ich ja längst gewohnt. Ich lächelte.
Wir saßen also dort, angelehnt an den Zaun, und hörten hinter uns diese Geräusche, fuhr ich fort. Und als wir einige Augenblicke später diese Frau dann sahen, da versuchten wir sogleich, uns im hohen Grase zu verstecken. Am Boden liegend schauten wir ganz vorsichtig durch die Latten des Zaunes hindurch in den Garten, hoffend, die fremde Person noch weiter zu erblicken, aber selbst nicht erblickt zu werden. In diesem Moment, da fiel mir nun wieder ein, was meine Mutter mir gesagt und sogleich erzählte ich es Alfred. Jetzt entbrannte...
Da unterbrach mich Secret: Alfred? War das der Name deines Freundes?
Ich habe vergessen, ihn zu erwähnen, oder? Tut mir leid... Ja, er hieß Alfred!
Secret nickte und ich, mittlerweile selbst völlig ergriffen von der Erinnerung, erzählte eilig weiter: Es kam also, dass zwischen mir und Alfred eine, wohlgemerkt nur mit Flüsterstimme geführte, aber dennoch unruhige, Diskussion entbrannte ob wir denn wieder gehen sollten, oder nicht. Bald aber war es zu spät um darüber nachzudenken, denn die Frau war uns beiden plötzlich sehr nah. Nicht mehr als zwei Meter entfernt befand sie sich und pflückte die Früchte eines dicht am Zaun befindlichen Johannisbeerstrauches. Wären wir nun aufgestanden und weggerannt, dann hätte sie uns zweifellos gesehen. Wir warteten also und hofften, dass sie uns nicht bemerken würde... Aber auf einmal, da geschah es, dass sie ganz zielstrebig zu uns herüber sah - ganz so, als habe sie uns vor langer Zeit schon gesehen. Obwohl sie wirklich freundlich lächelte und uns genauso freundlich grüßte, gerieten wir in Panik und mir sträubten sich die Haare...
Aber warum?, stieß Secret ungläubig hervor.
Nun, diese Warnung...! Und eigentlich war es auch seltsam genug, dass solch eine Person so einsam in diesem düst'ren Wald dort wohnte..., oder? Das nächste, woran ich mich erinnere, das ist ein leichter Stoß gegen meine Seite. Alfred war schon aufgestanden und wollte nun, dass ich das selbe tue nicht um wegzurennen allerdings, sondern um uns zu zeigen und uns womöglich zu entschuldigen. Als wir nun standen, da grüßten wir schüchtern und ängstlich zurück, aber, ganz überraschend und sehr zu unserer Freude wurden wir überhaupt nicht gefragt, was wir denn hier zu suchen hätten ganz im Gegenteil, die Frau wollte wissen, ob wir nicht Lust hätten, einige von den Johannisbeeren zu kosten. Alfred antwortete, dass wir nichts von fremden Leuten nehmen dürften, woraufhin sie meinte, dass das selbstverständlich unsere Entscheidung sei und sie uns nicht drängen möchte, jedoch habe sie die Beeren doch gerade erst gepflückt, also was soll schon damit sein...? Durch den Zaun hindurch streckte sie uns ihre schlanke Hand entgegen. Die schmalen, langen Finger waren ganz befleckt vom roten Saft einiger zerdrückter Beeren...
Und, habt ihr dann auch ein paar gegessen?, fragte Secret.
Nicht nur ein paar!, antwortete ich grinsend. Ich kostete zuerst und daraufhin auch Alfred und die Beeren schmeckten uns so gut, dass wir, auch wenn es einige Überwindung kostete, sogar fragten, ob wir noch ein paar mehr haben dürften. Die Frau meinte, dass das selbstverständlich kein Problem sei und so teilte sie die gepflückten Beeren gleichmäßig auf unser beider Hände auf. Ich denke, sie sah sehr, sehr glücklich aus, als sie beim Essen uns zuschaute... Währenddessen fragte sie, wie denn unsere Namen wären und woher wir kämen sie habe nämlich nur ganz selten Besuch. Und wir nannten nun zwar unsere Vornamen und sagten, dass wir sehr weit weg nicht wohnen würden, weil wir aber immer noch ein wenig ängstlich waren, vermieden wir es, noch genauer zu werden. Alfred jedoch, der bis zu diesem Zeitpunkt sehr zurückhaltend sich verhalten hatte obwohl er das sonst etwas weniger war als ich fragte daraufhin die Frau, wie sie selbst denn heißen würde. 'Bess', antwortete sie. 'Sagt einfach Bess zu mir!'
Ein schöner Name, nicht?, unterbrach Secret.
Ich stimmte ihr zu: Ja, das finde ich auch!
Ich mag so kurze Namen, ergänzte sie. Ich und meine Schwestern, wir haben, mit Ausnahme von Snow natürlich, allesamt längere!
Aber doch nicht weniger schöne!, gab ich zurück. Secret grinste, aber für einige Augenblicke, da konzentrierten sich meine Gedanken plötzlich aufgeweckt von der Nennung ihres schönen Namens, auf Secrets Schwester, auf die eine, die fern von diesem Ort hier schlafen musste Snow, der Schnee, das Weiß, das Schwarz..., dass ich nicht zu Gesicht bekommen sollte bis der Sommer nicht zu Ende war.
Jetzt sprach mich Secret wieder an: Also, was geschah dann?, fragte ihre süße Stimme.
Nun, es dauerte nicht lang, da hatten wir die Beeren aufgegessen und die Frau, also Bess, sie fragte uns, ob sie denn noch ein paar mehr für uns beide pflücken solle. Ich weiß nicht, was Alfred hatte antworten wollen, aber ich, ich lehnte ohne lang nachzudenken ab und ich sagte, dass es schon zu spät sei und wir nun schnell nach Hause müssten. Das war wahrscheinlich sogar richtig... Bess tat daraufhin keinen Versuch uns noch aufzuhalten, sondern verabschiedete sich freundlich und meinte, dass wir, wenn wir denn wieder einmal Appetit hätten auf Johannisbeeren, jederzeit vorbeikommen könnten. Dann gingen wir...
Und, seid ihr irgendwann zurückgekehrt?
Ja natürlich!, antwortete ich. Von da an gingen wir sehr oft zu Bess. Sie war so freundlich zu uns, von Anfang an für uns da, obwohl sie uns kaum kannte... Ich glaube, sie verstand uns irgendwie sehr gut, konnte umgehen mit Kindern...
Vorhin sagtest du, sie habe abgeschieden gelebt von der Gesellschaft... Was hast du damit gemeint?
Nun, sie ließ sich in der Stadt praktisch niemals sehen, nur wenn es wirklich nötig war. Sie lebte allein in ihrem Haus dort, hatte nie Besuch und besuchte selbst nie irgendwen...
Dann ist es vielleicht gar nicht verwunderlich, dass die Leute, deine Mutter zum Beispiel, auf jene Art und Weise von ihr sprachen? Oder hast du noch erfahren müssen, dass sie Recht gehabt haben sollten mit ihren Warnungen?
Ich schüttelte hastig den Kopf. Nein!, sagte ich. Bess war wohl eine der freundlichsten und aufrichtigsten Personen die ich je habe kennen gelernt. Ich weiß, ich war damals noch ein Kind und wahrscheinlich ziemlich naiv, aber womöglich hat man als Kind sogar ein noch besseres Gefühl für solche Dinge...
Also keine Hexe?, fragte Secret kichernd und erleichtert, dass meine Erlebnisse mit jener Frau wohl keine negativen waren.
Nein!, antwortete ich lachend. Und wenn, dann eine gute!
Spencers Tochter sah mich fragend an.
Das Innere ihres Hauses beispielsweise, das war ganz erstaunlich! Irgendwie düster war es schon, seltsam anmutend, vielleicht ein wenig surreal. So voller Farben, so voll mit kleinen Dingen die über viele Jahre sich mussten angesammelt haben. Da waren Gläser und Töpfe mit den verschiedensten Speisen - Süßigkeiten, Früchte... Da waren kleine Püppchen oder Tiere aus Stroh, bunte Teppiche auf dem Boden, derer so viele, dass sie nicht nebeneinander nur lagen sondern auch übereinander. Und die Wände, die waren durch und durch geschmückt mit Bildern und mit Zeichnungen und mit Zetteln auf denen irgendwelche Texte sich befanden. Nur was da geschrieben stand, dass konnte ich in jenem Alter selbstverständlich noch nicht wissen... Dann war da noch das kleine Bett in dem sie schlief, dass sie aber teilen musste, mit vielen, vielen Plüschtieren. Da war der Geruch der in der Luft lag, die vielen schöne Düfte... So voller Leben war das alles! So ganz anders als im Haus meiner Eltern...
Das hört sich schön an, schwärmte Secret. So schön... Ob mein Häuschen wohl auch einmal so sein wird? Oder zumindest dieser eine Raum darin?
Wenn du das willst bestimmt!, antwortete ich. Noch wirkt es ja ein wenig leer, dein normales Zimmer aber, das im Haus deines Vaters meine ich, das erinnert wohl schon jetzt ein wenig an das ihre...
Vielleicht auch unser Wohnzimmer, oder?
Hm... Ja, das auch. Das ist ebenfalls sehr gemütlich und lebendig und voller Details. Nur eben nicht so natürlich, nicht so ursprünglich wie das ihre in vielen Dingen damals war. Und um einiges größer selbstverständlich auch...
Secret nickte interessiert. Ich frage mich, was habt ihr eigentlich getan, wenn ihr bei Bess zu Besuch gewesen seid?
Eigentlich gar nicht so viel, meine ich... Es gab unzählige neue und faszinierende Dinge zu entdecken. Und Bess, sie wusste so vieles zu erzählen, uns so vieles beizubringen!
Was zum Beispiel?
Über Bienen lernten wir sehr viel!, erklärte ich lächelnd.
Bienen? Secret runzelte die Stirn.
Ja genau! Hinter ihrem Haus, da besaß sie einen Bienenstock. Der war ihr ein und alles, glaube ich... Sie liebte diese Bienen!
Secret grinste breit. Plötzlich aber stand sie auf.
Warte, wo gehst du hin?!
Nicht weg, bleib du ruhig hier!, antwortete sie freundlich und schritt dem kleinen Treppchen hinab. Die letzten drei, vier Stufen hüpfte sie und ganz, ganz sanft erreichte sie den Boden. Ich möchte mich nur ein wenig bewegen, ein paar Schritte gehen. Ich bin so fröhlich gerade eben!
Nun war ich selbstverständlich irritiert. Nicht das mich das stört, aber... Warum?, rief ich dem Fräulein hinterher. Doch noch bevor sie antwortete ging ich selbst nach unten. Mit unschuldigem, schüchternem, vor allem aber auch ganz wirklich fröhlichem Gesichtsausdruck erwartete mich Secret inmitten der samtweichen Dunkelheit und voller Begeisterung da schwärmte sie: Findest du nicht auch, dass es so wunderschön gerade ist? Jetzt, in diesem Augenblick?
Selbstverständlich war es schön, so wie für lange Zeit ein jeder Moment mit ihr zusammen war. Eine gar so überschwängliche Freude wie die, von welcher Secret sprach, verspürte ich selbst jedoch nicht. Vielleicht ein wenig Nostalgie stattdessen, ob der Erinnerung an damals, an Bess, aber auch das war ein eher schwaches Gefühl, wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass auch die Gegenwart so voller Wunder war, vielleicht noch mehr sogar als die Vergangenheit. Das sollte mir weniger als ein Jahr später schon längst Gewissheit sein, aber in jenem Augenblick, da fragte ich mich nur, ob Secret nicht vielleicht doch Gefühle für meine Person zu haben schien, Gefühle, die hinaus gingen über welche, die nicht mehr waren als freundschaftlicher Natur.
Diese Nacht ist wundervoll!, erklärte mir die zarte Schönheit, drehte mehrere Male sich im Kreis, den Blick immerzu hinauf gerichtet zum schwarzblauen Himmel einige Wolken waren mittlerweile aufgezogen. Unschwer konnte ich sehen, wie mitgerissen Secret war, von dem was sie gerade fühlte und es hören, währenddessen sie dann schwärmte und auch fragte: Und deine Geschichte, sie gefällt mir wirklich sehr! Aber warum nur lebte Bess so ganz allein an diesem Ort? Es muss doch einen Grund gegeben haben?
Ich weiß es nicht, antwortete ich und fühlte mich schon fast ein wenig schuldig weil ich das große Interesse nicht zu befriedigen vermochte. Womöglich haben Alfred und ich, so direkt wie Kinder oft sind, das irgendwann sogar gefragt, aber ich glaube nicht, dass wir auch eine zufriedenstellende Antwort dann erhalten haben. Und falls da doch eine war, so haben wir sie womöglich nicht verstanden...
Secret schien zu wissen, was ich sagen wollte dass der Grund für das Leben in Abgeschiedenheit ein recht tragischer womöglich war. Ich erzählte weiter: Auf jeden Fall dürften wir so ziemlich die einzigen Personen gewesen sein, die Bess einen Besuch abstatteten, die ihr Gesellschaft leisteten für einige Monate ihres Lebens. Später aber kam sogar nur noch ich allein... Alfred, er hatte seinen Eltern von unserer neuen Bekanntschaft erzählt, woraufhin ihm der Kontakt verboten worden war... Mir selbst zwar auch, das aber interessierte mich weniger und ich ging trotzdem noch dorthin. Nur für einige Wochen allerdings...
Das überraschte Secret: Warum?, fragte sie. Ich indessen zögerte meine Antwort hinaus, musste mich erst selbst wieder hindurchwühlen durch die ergreifenden Gedanken und Erinnerungen und durch die vielen, vielen Fragen die in mein Bewusstsein drangen. Fräulein Spencer jedoch dachte sich noch nichts dabei und bückte sich nach einem Büschel Wollgras, welches am Rand des feuchten Weges sich befand. Es ist so blass, kommentierte sie, Eigentlich ist es ja sehr schön, so filigran; aber bunte Blumen mag ich einfach lieber...
Die Art wie sie das sagte erfüllte mich mit Freude. Blumen, da gab es viele in Bess' Garten... Vor allem die wilden Rosen sind mir noch immer in Erinnerung, schwärmte ich, ohne nachzudenken, ohne einzugehen auf die Frage welche Secret mir zuvor gestellt.. Ich selbst, ich kannte diese Blumen damals nicht, als ich ihr jedoch erzählte, wie schön sie seien, da erklärte mir Bess, dass es um eine Art wilde Rosen sich handeln würde. Nun..., eigentlich war der Garten im Ganzen ein unglaublich schöner wie ich finde, so voll mit hübschen Blumen eben, jedoch auch so ganz natürlich, irgendwie allein gelassen, irgendwie auch nicht...
Behütet aber nicht eingeschränkt..., warf Secret ein. Meinst du das?
Das beschreibt es wohl recht gut...
Secret lächelte. Aber du hast vergessen meine Frage zu beantworten, sagte sie dann und zwinkerte mir zu. Du hast mir noch nicht gesagt, warum du Bess dann später doch nicht mehr besuchen gingst!
Da bemerkte ich, wie ich unbewusst aber wahrscheinlich auch nicht ohne Grund das Thema gewechselt oder aber zuwenigst den Drang verspürt hatte, mich damit nicht noch weiter zu befassen. Ich dachte nach und ich seufzte....
Was ist los?, fragte Secret. Ein wenig besorgt sah sie jetzt aus und ich - plötzlich ganz von Trauer ergriffen - fing an zu erklären: Es war so... Eines Abends ging ich wieder hin zu ihrem Haus, doch weder dort, noch in nächster Nähe konnte ich sie finden. Das mag sich nicht ungewöhnlich anhören und obgleich es zuvor noch nie geschehen war, machte auch ich mir kaum Gedanken... Als ich die Tage drauf dann aber wieder dorthin ging, da war das Haus nicht weniger verlassen! Selbstverständlich wurde ich nun nicht nur zunehmend traurig, sondern auch verängstigt, weshalb ich niemals für längere Zeit dort blieb und mich nur wenig umsah im Haus und im Garten... Aufgefallen, ob sich irgendetwas verändert hatte, etwas fehlte oder so, ist mir in diesen Momenten gar nichts..., abgesehen davon, dass es so still geworden war und alles so verlassen schien inmitten der Gärten. Die Bienen summten noch ihr Lied, doch Bess war einfach weg, einfach so, ohne eine Spur hinterlassen zu haben und sei es auch nur ein kleine... Ich habe bis heute keine Ahnung was damals geschehen ist, weiß nicht warum sie verschwand und wohin...
Meine Augen waren nun erfüllt von Feuchtigkeit und Secret, sie war verstummt, schien traurig, nachdenklich, fast bestürzt. Das ist so..., so tragisch, kommentierte sie und fragte mich, ob ich denn gar keine Vermutung hätte, was den Grund für das Geschehene betrifft.
Nicht wirklich, antwortete ich. Es fand sich keine Spur von ihr, keiner sprach davon, auch später nicht... - ehrlich gesagt habe ich selbst nicht mehr viel an sie gedacht, dann als ich älter geworden war und die ganzen letzten fünfzehn Jahre über... Und wenn ich eine Vermutung hätte - vom selbst gewollten Weggang bis zur Ermordung ist da wohl alles möglich - dann möchte ich sie sogar für mich behalten wollen, denke ich... Tut mir Leid, dass ich mehr nicht sagen kann!
Ich verstehe schon...
Vorerst sprach nun keiner von uns mehr irgendetwas, beide starrten wir in die Dunkelheit, in die Schwärze des ehrwürdigen Moores. Nach einer Weile jedoch machte Secret einen Vorschlag: Wollen wir nicht wieder zum Haus zurückgehen?, fragte sie.
Ich sah betrübt zu Boden. Es tut mir Leid, wenn ich durch diese Geschichte diesen schönen Abend jetzt zerstört haben sollte..., das wollte ich nicht!
Da zeigte Secret mir ein Lächeln, zweifellos ein ehrliches: Mach dir darum keine Gedanken! Selbstverständlich ist das Ende deiner Bekanntschaft zu Bess ein tragisches - wobei ich gar nicht glaube, dass zwangsläufig etwas schlimmes dort passiert sein muss aber die Schönheit dieses Abends und dieser Nacht, die ist dadurch nicht geringer geworden! Wieder einmal war es wundervoll, ganz ehrlich! Und schau dich um! Ein klein wenig heller ist es schon geworden, der Sonnenaufgang selbst ist nicht mehr fern. Jetzt, da habe ich ohnehin auf keine Sache mehr Lust als darauf, mich in mein weiches, warmes Bett zu kuscheln! Fräulein Spencers Augen strahlten. Jetzt lächelte auch ich.
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