http://www.sommersonnenwende.info

... Secret, Shadow, Snow und Silence
Des Niederganges erster Teil - Abschnitt 06
(Wichtig: Sämtliche Rechte am Text liegen beim Verfasser, Sylvio Konkol, das Kopieren oder Weiterverbreiten ohne dessen Zustimmung ist nicht erlaubt!)

Viel Spaß beim und danke fürs Lesen!

Kommentare? - Secret, Shadow, Snow und Silence im Forum



Dass es Silence nun recht gut zu gehen schien, das zeigte sich auch in den folgenden, ansonsten recht ereignislosen Tagen. Noch für einige Zeit blieb das Wetter feucht und regnerisch, sodass wir die meiste Zeit im Haus verbringen mussten. Silence kam währenddessen recht oft auf mein Zimmer, meist zwei oder auch drei Stunden am Tage.
"Störe ich denn auch nicht?", fragte sie einmal.
"Nein, nein, überhaupt nicht... Es ist sogar schön, wenn du hin und wieder zu mir kommst, denn dann bin ich nicht immer so furchtbar allein", meinte ich und grinste erfreut.
"Und ich auch nicht. Ich bin ja sehr gern mit dir zusammen...", sagte sie, doch wurde ihr Blick schon bald nachdenklicher. "Ich weiß nur nicht wirklich, was ich hier bei dir überhaupt soll, ich hoffe du bist mir nicht böse..."
Ich schüttelte den Kopf.
"Ich genieße es einfach hier zu sein", fuhr das Mädchen fort, "genieße es, einer Person Nähe zu spüren, ein wenig mit ihr zu reden... Verstehst du?"
Ich erschrak sehr als mich das junge Mädchen dies fragte. 'Verstehst du?' Vermeintlich eine solch einfache Frage, doch... In diesem Moment, da spürte ich, dass der Geist des Mädchens bei weitem nicht so jung und unerfahren war, wie ich zuvor vermutet hatte. Ich erinnerte mich an unsere erste Begegnung in dem Gasthaus; darüber schrieb ich, ich hätte fast den Eindruck gehabt, als sei dies Mädchen - wie unmöglich es auch klingen mag - gerade erst auf die Welt gekommen. Nun aber, da wirkte sie innerhalb von nur wenigen Tagen ganz verändert, viel älter und reifer als sie es noch am Anfang war. Sie war es nun, die mich fragte, ob ich verstünde. Und bevor ich dem Mädchen hatte Antwort geben können, da ergänzte sie selbst mit leiser, zaghafter Stimme: "Wie seltsam..., wie seltsam das doch alles ist..."
Ich zuckte nur mit den Schultern und mit einem Lächeln in meinem Gesicht sagte ich dem jungen Mädchen: "Denk nicht darüber nach. - Es ist wie ist und so wie es ist, so ist es doch nicht schlecht. Oder was meinst du?"
Da wurd' der Blick von Spencers Tochter erneut gedankenvoll, und alsbald ging er ins Leere. "Nein..., nein, das ist es nicht", erklang die Antwort.
Und plötzlich, wir beide saßen ganz entspannt auf meinem Bett, da rückte das junge Fräulein ungewöhnlich dicht zu mir heran. "Jetzt ist es das nicht mehr...", ergänzte sie. "Jetzt... Jetzt ist es..." Dem Mädchen fehlten die Worte, ein kleines Lächeln jedoch, eines von denen, die man in Silence' bildhübschem Antlitz nur so selten sah, so ein Lächeln, das beendete das Gespräch und es zeigte mir, deutlicher noch als es Worte vermocht hätten, wie glücklich die junge Schönheit in diesem jenen Augenblick war. Und so war auch ich es und so, so blieben wir einfach nur sitzen, lange, lange Zeit, und lächelten einander zu. Bald aber, da musste ich breit grinsen, als mir ein spontaner Gedanke in den Sinn kam. Das Mädchen sah mich fragend an.
"Bleib so!", forderte ich Silence auf. "Hör nicht auf zu lächeln!" Nun war sie vollends verwirrt und ich selbst konnte ein leises Kichern nicht mehr unterdrücken.
"Du fragtest doch...", begann ich zu erklären und hatte mich unterdessen vom Bett erhoben und zum Schreibtisch hin begeben. "Damals bei unserer ersten Begegnung, da fragtest du, ob ich denn auch dein Gesicht zeichnen könne. Erinnerst du dich?"
Sie nickte freudig.
"Dein Lächeln strahlt gerade so wundervoll... Was denkst du, soll ich es denn einmal versuchen?"
Ihr Gesicht war sichtlich entzückt. "Gern...", meinte das Fräulein. Und ich hatte schon meinen Bleistift zur Hand genommen, da sagte sie plötzlich: "Es... es wird dir aber nicht gelingen."
Jetzt sah ich sie fragend an. "Was meinst du?"
Sie zuckte nur ganz schüchtern mit den Schultern. "Mich kann niemand zeichnen... Versuch es nur, du wirst sehen."
Und als sie das gesagt, da erinnerte ich mich wieder an meine erste Nacht im Ort zurück, die Nacht, in der ich bereits einmal versucht hatte, die Schönheit und die Unschuld des Mädchens auf Papier zu bringen. Gelungen war es mir in keiner Weise.
"Ich will es dennoch versuchen", antwortete ich. "Eine Person wie ich, die gibt so schnell nicht auf", meinte ich ein wenig scherzhaft. Und da fing das Mädchen wieder an ganz schüchtern zu lächeln und, obgleich sie dies nicht ohne Zwang tat, erkannte ich, dass sie wirklich traurig gar nicht war. Nach kurzem Zögern setzte ich den Stift aufs Papier und begann jenes hübsche Antlitz zu zeichnen.

Wahrlich ist es das Gesicht eines Engels gewesen, welches ich zu Papier zu bringen gedachte! Und dennoch - nein, vielmehr gerade aus genau diesem Grunde, so glaube ich zumindest, sollte mir das Vorhaben nicht im geringsten gelingen. Ich zeichnete lange Zeit, zeichnete immer wieder von neuem, jedes mal langsamer, vorsichtiger, ein jedes mal genauer und so natürlich wie nur möglich, doch... bald schon begann meine Hand zu zittern, bald lief mir der Schweiß von der Stirn. Ich... - ich schaudere noch jetzt - ich bekam Angst! Furchtbare, ganz ungekannte Angst! Was war los? Was war los mit mir? Was war bloß los mit ihr?
Anfangs im Gasthaus, da vermochte ich meine Unfähigkeit auf die spärlichen Erinnerungen zurückzuführen, diesmal aber saß das Mädchen, die Vorlage, direkt vor mir, diesmal konnte ich sie mir anschauen, wann immer ich denn wollte, doch es half nichts! Noch schlechter, noch misslungener waren all meine Versuche!
Und auch Silence spürte bald mein Unbehagen. Mit fragenden Augen doch unfähig den Mund aufzutun sah mich die junge Schönheit an. War sie zu schön? Zu wunderprächtig um auf Papier gebracht zu werden, noch dazu von mir? Sah ich dem Mädchen selbst ins Gesicht so wurde mir vor Überwältigung fast schwindelig, sah ich länger hin, stiegen mir unweigerlich Tränen des Glücks in die Augen..., doch sah ich auf das Blatt vor mir, da konnte ich, zumindest mit meinem künstlerischen Verständnis, kaum ein menschliches Wesen, geschweige denn ein hübsches drauf erkennen.
"Ich wusste es...", begann das Mädchen plötzlich. "Warum kann mich... bloß niemand zeichnen?" Ihr Blick wankte zwischen einem Gefühl der Trauer und dem Fluch der Unwissenheit. "Bin ich so seltsam?", fuhr sie fort. "So... furchtbar?!"
Ich schreckte hoch. "Aber...! - Schön bist du! Wunderschön!"
Sie schüttelte hastig den Kopf, zitterte am ganzen Leibe.
"Wäre es nicht so, hätte ich dann Tränen in meinen Augen? Schau her!", rief ich laut, zu laut - wurd' mir bald bewusst. Und da schrie das Mädchen um ein Vielfaches noch lauter zurück: "Es ist doch nur dein verblendeter Blick!"
Hastig stand sie daraufhin auf, riss all die Skizzen mir aus den Händen und mit kreidebleichem Gesicht verschwand sie aus dem Raume. Ich fühlte mich kraftlos wie selten zuvor.

Der nächste Tag begann ein wenig später als mir lieb war. Ich hatte am Abend zuvor wohl noch recht lang wach gelegen (nachsinnend über all die Seltsamkeiten) und so war es erst das eifrige Klopfen von Fräulein Secret, das mich aus dem Schlafe riss. Alsbald, dass ich die Tür öffnete und das Mädchen sah, wurden meine Gedanken erhellt und die Freude über den kommenden Tag kam sogleich zurück. Erst recht, als mich das Fräulein fragte, ob ich denn Lust hätte, zusammen mit ihr in jenes alte Haus im Wald zu gehen. Ihr Vater nämlich sei bereits am Morgen in die naheliegende Stadt gefahren und kehre, so hätte er erzählt, wahrscheinlich erst am Abend zurück. Natürlich stimmte ich zu, allein schon deshalb weil ich wusste, dass es Secret bisher ein jedes Mal vermocht hatte, mich glücklich zu machen, mich immer wieder aufzubauen, egal wie wirr die Situation auch sein mochte.
Bald drauf trafen wir uns auf der Terrasse hinter dem Haus und herzallerliebst wie immer begrüßte mich Secret mit einem breiten Lächeln und glücklichen, hellen Augen. Doch auch das schöne Wetter wusste mich aufzuheitern, die Sonne schien ungetrübt und warm, nur die Landschaft selbst war noch immer kühl und feucht, wirkte jedoch in gleichem Maße sehr erfrischt, so wie auch ich mich fühlte, wenn ich denn an Secrets Seite war.
"Gehen wir?", fragte ich das Mädchen.
"Gern. Diesmal aber den Weg über die Felder, dieser ist kürzer und mein Vater kann uns nun ja nicht dabei erwischen", meinte Secret mit einem hübschen, zarten Lächeln auf den Lippen. Ich nickte und bald schon gingen wir los.
"Fräulein Secret..., dürfte ich dir vielleicht kurz eine Frage stellen?", fragte ich nach einer Weile.
"Natürlich", antwortete sie.
"Warum erzählst du niemanden sonst von diesem Haus im Wald, also niemanden außer mir?"
"Nun..., ich habe dir ja schon gesagt, dass es meinem Vater wohl kaum recht wäre..., er wäre sicherlich um mich besorgt."
Ich nickte. "Ja, das weiß ich, und um ehrlich zu sein... - besorgt bin auch ich."
Secret sah mich fragend an, offenbar hatte sie keine Ahnung, wie viel sie mir schon in jenem Moment bedeutete.
"Wie auch immer...", fuhr ich fort. "Dein Vater müsste doch gar nicht erfahren, dass du manchmal sogar des Nachts dort bist?"
Sie zuckte nur mit den Schultern und schien wie abwesend als sie ihre hübschen doch befremdlichen Augen über die Wiesen und Wälder ringsherum schweifen ließ. Bald starrten sie gen Himmel.
"Oder deine Schwestern, denen könntest du davon erzählen. Ich bin mir sicher Shadow könnte sich kaum halten und Silence..., ihr würde es vielleicht auch gut tun. Warum sagst du ihnen nichts?"
Secrets Blicke schienen nachdenklicher und wichen den meinen immer schneller aus. "Wahrscheinlich deshalb weil ich einfach nur allein sein möchte...", antwortete sie, "...manchmal zumindest."
Ich überlegte kurz. "Ich verstehe nicht, warum du dann gerade mir davon erzählt hast."
Sie zuckte wieder mit den Schultern. "Wahrscheinlich weil es, ich sagte es bereits, langweilig und ermüdend ist, ein Geheimnis wirklich nur ganz allein für sich zu behalten", sagte sie und lächelte wieder. "Vielleicht auch weil ich dir in der Hinsicht vertraue, dass du bestimmt nicht gegen meinen Willen dort hinkommen würdest..."
"Wo denkst du hin?", fragte ich ein wenig erschrocken.
"Ich meine... Du hast mich wohl nicht ganz so recht verstanden, ich meine, ich bin mir sicher, dass du nicht von selbst zu diesem Ort kommen würdest."
Ich lächelte, auch wenn ich mich nicht des Gefühls entledigen konnte, dass mehr hinter all dem Stecken musste, allein schon hinter der Tatsache, dass das Mädchen so vernarrt auf jenen Platz im Walde war.
"Und überhaupt...", fuhr das sie mit einem frechen Grinsen fort, "Du würdest ja sowieso nicht allein den Weg finden, hab ich recht?"
"Da hast du mit Sicherheit recht!", sagte ich und musste kichern, auch wenn es mir irgendwie schien als wolle sie nur so schnell es geht das Thema wieder wechseln. Ich aber glaubte ohnehin, mich entschuldigen zu müssen: "Gerade eben..., ich fragte viel, zuviel. - Es tut mir leid", sagte ich.
"Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen, wirklich nicht", verneinte Fräulein Spencer in kräftigem Tonfall. "Dir gegenüber ist dieser Ort doch kein Geheimnis mehr..."
Ich nickte beruhigt und unterdessen kamen die dunklen Fichten, kam der Waldrand, schon ein wenig näher - Spencers Haus hingegen verschwand immer weiter in der Ferne. Wieder kam mir in den Kopf, wie geheimnisvoll und märchenhaft doch die ganze Gegend wirkte, so wie vieles, das ich in jener Zeit erlebte.
Secret blieb unterdessen plötzlich stehen. "Wartest du bitte kurz?", fragte mich das Mädchen und bückte sich ein Stück hinab.
"Was ist denn?"
"Ich möchte lieber barfuss gehen, die Schuhe lieber ausziehen", meinte sie und hatte dies auch schon getan.
"Warum denn das?", fragte ich. "Das Gras scheint mir recht nass..."
"Eben darum", erklärte sie. "Es gefällt mir dieses schöne, frische Gefühl auf meiner Haut zu spüren, zu fühlen, wie die einzelnen Gräser zwischen meinen Zehen kitzeln..." Mir war es fast, als könne ich selbst fühlen, wie der Boden an ihren kleinen, schlanken Füßchen kribbelte. Ich grinste.
"Es ist wirklich erfrischend!", sagte sie und sah mich mit großen Augen an. "Komm, so probier es doch auch einmal aus!"
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, nein... nicht jetzt."
Da verdrehte sie ungläubig die Augen, stimmte irgendeine frohe Melodie an und lief schnellen, erwartungsvollen Schrittes vorweg. Es waren die selben unschuldig-eleganten Bewegungen, die man bei ihr immer sehen könnte. Wahrscheinlich wusste sie nicht einmal selbst, wie betörend sie sich zu regen vermochte.

Secret und ich erreichten das besagte Haus nur wenig später. Baufällig wie es war, hatte es der Regen der vorherigen Tage völlig durchnässt und so machte sich das Mädchen alsbald daran, mögliche Schäden zu beheben. Während sie hinauf auf das von ihr eingerichtete Zimmer ging, sah ich mich derweil ein wenig in dem über die Jahre völlig verwilderten und unbrauchbar gewordenen Erdgeschosse um. Umso weiter ich mich von der Tür entfernte, desto stickiger und modriger schien die Luft ringsum. Es lag zwar nicht wirklich ein unangenehmer, jedoch ein nicht im geringen Maße die Sinne betäubender Geruch in der Luft, der einem bei aller kühlen Frische trotzdem auch den Atem zu nehmen vermochte. Durch die dreckigen, verschmierten Fenster, viele davon auch zerbrochen, schien nur ein ganz gedämpftes, gelblich-grünes Licht in die schon so lang verlass'nen Gemächer. Tot wirkten diese aber trotzdem nicht, war es doch die Natur, der es gelungen war, sich auch hier an diesem Ort ein neues Heim zu suchen. Und nur in einer der hintersten Ecken entdeckte ich dann doch noch ein paar Möbel die der Vorbesitzer offenbar zurückließ - Schränke von vor etwa fünfzig Jahren, die nun aber gänzlichst untauglich waren. Und schon fast war ich verwundert, dass mir nicht gleich irgendein Getier entgegen sprang... Allmählich begann ich durchaus mich ein wenig zu ekeln, unbegründet, wie ich merkte, denn weder Ratten, noch Käfer, noch sonstiges so schmutziges Leben trat vor meine Augen. Offenbar fürchtete sogar dieses jene geisterhafte Stimmung in dem Hause, eine Stimmung die, es schien fast so, die Grenzen der Ewigkeit aufzuzeigen vermochte... - Doch wie auch immer; hier unten hatte Secret ja gar nicht vor sich aufzuhalten und ihr kleines Zimmerchen war dann ja doch recht angenehm. Der dunklen Gänge müde geworden, gedachte ich nun nach dem Mädchen zu schauen, da aber kam die Schönheit - noch strahlender, umringt von all dem Schmutz - auch schon die Treppe wieder herunter.
"Wir haben Glück gehabt", meinte sie sogleich. "Früher, da das Dach noch viele Lücken aufwies, wäre sicherlich ein nicht unbeträchtlicher Schaden entstanden, doch ist tatsächlich nichts passiert..."
"Du hast sogar das Dach repariert?", fragte ich erstaunt über die Fertigkeiten des Mädchens.
"Nur den Teil über den von mir eingerichteten Zimmer", sprach sie, so als wäre es selbstverständlich. Ich nickte nur.
"Worauf hast du Lust?", fragte sie dann ganz euphorisch. "Was sollen wir tun?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Du führtest mich hierher... Es ist ganz dir überlassen, Secret."
Sie grinste mich an. "So will ich nicht mehr tun, als mich ins Gras fallen lassen und träumen!" Gesagt - getan. Kaum zwei Sekunden später war sie aus dem Haus gerannt und lag rücklings auf der Lichtung - ich aber starrte wieder einmal recht verdutzt hinterdrein.
"Nun sei doch nicht so schüchtern", rief das Mädchen zu mir rüber und deutete mir mit hektischen Bewegungen an, dass ich mich doch bitte gleich neben sie legen solle. Ich gedachte dies sogar zu tun, wenn auch natürlich nicht so stürmisch wie mir das Mädchen vorgemacht... Über den schönen Ausblick, hindurch zwischen all den Fichten, hinauf zum blauen Himmel, war ich dann aber doch recht erstaunt. Die Sonne stand direkt über uns, war mittlerweile jedoch von lockeren, perlweißen Wolken bedeckt, ihr Licht somit sehr deutlich geschwächt. Diese Wolken wusste Secret fast alle irgendwie zu deuten und ich tat meines bestes, es dem Mädchen gleich zu tun. Immer wieder war es spaßig wenn wir getrennter Meinung waren, ein jeder von uns aber stur auf der seinen beharrte. Noch heute muss ich beim Gedanken an die vielen schönen Erlebnisse mit Secret lächeln...., wenn auch in stiller Trauer.
Einige Minuten dauerte es wohl, bis die Sonne wieder hinter den Wolken hervorkam und uns natürlich direkt in die Augen blendete. Ich war es der zuerst meinen Kopf zur Seite legte, das Mädchen tat's nur ein paar Augenblicke drauf. Und so sahen wir einander also direkt ins Gesicht und ich war immer wieder von neuem erstaunt, wie wunderschön das Mädchen doch war. In jenem Moment waren es vor allem ihre vielen, süßen Sommersprossen, die meine Blick auf sich zogen. Bald musste ich lächeln.
"Was ist denn?", fragte die Schönheit. "Warum schaust du mich so an?"
"Wohl aus dem gleichen Grunde aus dem du auch auf mich blickst...?", gab ich geheimnisvoll zur Antwort.
Da grinste sie und durch ihre Worte klang eine leichte Ironie, als sie da sagte: "Mich hat nur die Sonne geblendete..."
Ich musste kichern. "Mich auch...", meinte ich. Dann aber sagten wir nichts mehr; doch sah sie lang noch in die meinen Augen, in denen sie sich spiegeln konnte, und ich sah in die ihren, die aber matt waren und meine Blicke verschluckten, nicht zurückwarfen... Ich hatte das Mädchen tatsächlich sehr gern, machte es mich doch immer glücklich da ich bei ihr war. So unbeschwert, so zauberhaft..., so wunderschön einfach nur im Gras zu liegen, neben ihr, zu träumen, alles schlechte zu vergessen. Auch dann, als ihren zarten, schlanken Finger mit den Grashalmen spielten die sich zwischen unser beider Körper befanden. So einfach und klar, sich um alles schwierige nicht sorgend, so schien das Mädchen zu denken. Und mit ihr an meiner Seite da fühlte auch ich mich leichter, freier, sorgenloser... - Ja, ich liebte sie. Das dritte mal in meinem Leben war es, dass ich liebte, diesmal aber mehr noch, so denk ich, als irgendwann zuvor.

Ganz bezaubert, wie ich mich fühlte, war es nach der Rückkehr auf Spencers Anwesen am frühen Abend nicht leicht, in meinem Kopf für Ablenkung zu sorgen. Nach Malen war mir nicht, stattdessen kam mir der Gedanke, mich ein wenig in der umfangreichen Bibliothek des Hauses umzuschauen. Auf dem Weg zu derselbigen begegnete ich zufällig Silence, welche mir einen irgendwie amüsanten Anblick bot, versuchte sie doch, eine nur schwerlich transportable Kiste die Treppe hinab zu schleppen.
"Warte!", rief ich dem Mädchen alsbald zu. "Lass mich dir doch helfen."
Sogleich blieb sie stehen und schaute mich mit müden Blicken an. "Gern...", meinte sie verlegen lächelnd und ich schlug vor, dass es wohl am besten wäre, wenn wir beide die Kiste miteinander tragen würden. Es war nämlich, wie ich bald merkte, gar nicht das Gewicht problematisch, sondern vielmehr die Größe des Kartons. Silence stimmte meinem Vorschlag zu und wenig später, als wir an ihrem Zimmer angelangt waren, bedankte sie sich noch recht herzlich.
"Keine Ursache...", murmelte ich. "Du hättest ruhig sofort zu mir kommen und mich um Hilfe bitte können."
Sie zuckte mit ihren schmalen, zierlichen Schultern. "Ich wollte dich nicht stören", sprach sie.
"Hättest du nicht... Und auch für solche Sachen, dafür bezahlt mich doch dein Vater, oder nicht?", meinte ich und zwinkerte dem Mädchen zu. "Was hast du da eigentlich drin?", fragte ich einen Augenblick später. In Silence' Gesicht zeigte sich nun ein wirklich hübsches Grinsen, ein breites Lächeln, welches für mich ein Zeichen war, dass sie sich von gelegentlichen Rückschlägen, von eher traurigen Ereignissen (wie dem vorangegangenen Abend) nicht beeindrucken ließ. Praktisch ohne Unterlass schien sie glücklicher und aufgeschlossener zu werden - gerade im Vergleich zu unserer ersten Begegnung war die Veränderung in der Tat enorm und ließ sich offenbar tatsächlich zurückführen, auf die allmählich erfolgende Gewöhnung an die neue Umgebung. So zumindest vermutete ich und auch des Mädchens Antwort auf meine Frage passte gut in dieses Bild: "Ich habe den Dachboden und die beiden Abstellkammern ein wenig durchstöbert...", erklärte sie und sah währenddessen richtig glücklich aus. "Dabei fand ich viele herrliche Sachen!"
"So? Lässt du mich vielleicht mal schauen?", bat ich das Mädchen.
"Liebend gern!", sagte sie und zeigte mir ein schüchternes Lächeln. Daraufhin erkundigte sie sich, ob ich ihr denn gleich beim Auspacken zur Hand gehen könne und ob ich ihr auch helfen würde, ihr Zimmer ein wenig hübscher einzurichten. Wie so häufig fragte Silence dies in eher zurückhaltendem Tonfall, was mir zeigte, dass es ihr ganz offensichtlich immer noch ein wenig unangenehm war mich um Hilfe zu bitten, oder aber, dass sie sich ganz einfach nicht traute.
"Gewiss!", gab ich zur Antwort. Der, wie ich erwähnte, wirklich triste, schrecklich tot wirkende Raum wartete nur darauf, endlich etwas Leben eingehaucht zu bekommen. Nun schien dieser Moment gekommen und sehr wohl trat ich ihm mit einiger Vorfreude entgegen.

Wir hatten den Karton in der Mitte des Zimmers abgestellt und sogleich machten wir uns daran, selbigen auszupacken. Silence hatte einige ältere, doch nicht minder hübsche Kleider mit sich gebracht, vor allem aber viele kleine Schmuckstücke und Accessoires, mit welchen sie vorhatte das Zimmer zu verschönern. Sofort begann sie, all ihre Liebe in diese eine Tätigkeit zu stecken und ihre Augen schienen währenddessen regelrecht zu strahlen. Ich selbst sollte und wollte ihr ja eigentlich helfen, in der Praxis aber verweigerte mir das Mädchen beinah alles, was ich zu tun begann. Böse war ich ihr deswegen nicht, merkte ich doch bald, wie viel Spaß sie selbst dabei hatte, Spaß, den ich Silence auf keinen Fall zu nehmen gedachte.
Wie ich in gleicher Weise spürte, brauchte sie mich trotz dessen allerdings auch, um zu reden nämlich, um jemanden zu haben, den sie ihre zahlreichen Ideen mitteilen und von dem sie eine gelegentlich andere Meinung als ihre eigene hören konnte.
Etwa zwei Stunden später, da wir mit dem Einrichten schon fast fertig waren, vernahmen wir ein Klopfen an der Zimmertür. Der Vater des Mädchen trat daraufhin ein, eigentlich in der Absicht, seiner Tochter mitzuteilen, dass er wieder aus der Stadt zurück sei und die Familie bald zu Abend essen würde. Als er aber das nun wirklich hübsche, sehr viel wärmer, lebendiger und farbiger wirkende Zimmer sah, da konnte er ein Staunen nicht mehr unterdrücken. Es waren nicht einmal irgendwelche Besonderheiten, welche den Raum zu dem machten, was er nun war, sondern vielmehr Dinge, die anderswo ganz selbstverständlich waren und fast schon zum Leben eines Menschen in unserer Region dazugehörten. So hatte eine farbige Decke ihren Weg auf den Tisch gefunden, ebenso eine kleine, verzierte Vase, für die das Mädchen gleich am nächsten Tag vorhatte, Blumen zu pflücken. An anderer Stelle entdeckte man einen Kerzenständer, ein älteres Plüschtier, davon sogar mehrere, ein paar Bücher, welche Silence bald schon lesen wollte, und an der Wand neben dem Bett, da hingen zu guter Letzt noch einige alte Skizzen von Landschaften oder Gebäuden, die mit ihrem vergilbten Papier einen wirklich hübschen, nostalgischen Eindruck machten und fast schon einen richtigen Blickfang darstellten. Nur für wenige der von Silence herbeigetragenen Dinge war kein Platz zu finden gewesen, selbige wollte das Mädchen dann am nächsten Tag wieder zurück auf den Dachboden bringen.
Unterdessen sah sich Spencer in aller Ruhe in dem Zimmer um. Bald zeigte sein Gesicht ein schmales Lächeln. "Wie ich sehe war dir heute nicht langweilig", sagte er zu seiner Tochter. Jene antwortete mit einem etwas angespannter Blick, wartend auf die Meinung ihres Vaters. Dieser fuhr fort: "Dein Zimmer sieht jetzt wirklich sehr viel hübscher aus. Kompliment!", lobte er und Silence schien die Erleichterung geradezu ins Gesicht geschrieben. Weiterhin erwähnte Spencer, dass er sehr erfreut sei ob der erneuten Verwendung einiger älterer Dinge. Nur kurz wendete er sich auch an meine Person: "Sie haben ihr geholfen, Christopher?", fragte er.
"Nun ja, ein wenig... Das meiste hat Silence jedoch selbst eingerichtet", erzählte ich, ganz ohne falsche Bescheidenheit vortäuschen zu müssen. Auch Spencer war eine gewisse Freude anzusehen. "Secret hat schon angefangen, dass Abendessen vorzubereiten", sagte er zum Schluss. "Kommst du bald, Silence? - Und sie, Christopher, natürlich auch."

Mit Fräulein Silence verbrachte ich auch am darauffolgenden Tage sehr viel Zeit. Nachdem ich von den Sonnenstrahlen geweckt worden war und das Zimmer verlassen hatte, da stellte ich fest, dass die schwere, alte Holztür zu einer der beiden Abstellkammern (welche meinem Zimmer fast genau gegenüber lagen,) weit offen stand. Den Grund dafür schon vermutend, sah ich mich näher um und in der Tat entdeckte ich im Halbdunkel des kleinen, mit mehr oder weniger wertvollen Dingen fast überfüllten Raumes Spencers jüngste Tochter, welche erneut nach früheren Einrichtungsgegenständen oder nach ähnlichen Dingen Ausschau hielt. Und obwohl ich mich sehr sachte zum jenem Zimmer hin bewegt hatte, bemerkte das Mädchen meine Anwesenheit trotz allem fast sofort.
"Guten Morgen!", rief Silence mir entgegen und das Lächeln, welches sie zur Schau trug, dass sollte von einer solch freudestrahlenden Herrlichkeit erfüllt sein, dass selbiges es mittlerweile fast vermochte mit dem zu konkurrieren, welches Secret so oft am Tage zeigte, welches in seinen Merkmalen aber eigentlich recht verschieden von dem der jüngsten Tochter war. Das Lächeln von der älteren Schwester schien ganz zart und unschuldig, irgendwie besonders ehrlich, das von Silence aber war noch immer eher schüchtern und auch weniger verspielt als das von Secret, viel mehr von einer, ich würde sagen, schlichten Art von Eleganz.
"Guten Morgen Silence", grüßte ich zurück und bald fiel mir auf, dass das Mädchen an jenem Morgen zum ersten Mal eines von den Kleidern trug, welche sie am Tag zuvor mit sich genommen hatte. Selbiges stand ihr wirklich ausgezeichnet und wie immer bin ich völlig ehrlich, wenn ich sage, dass jener Anblick mich Ärmsten von neuem dazu brachte, meine Augen kaum von Fräulein Spencer abwenden zu können. Was den Schnitt des Kleides betraf, so war dieser nicht darum verlegen, auch einen etwas größeren Ausschnitt zu offenbaren - am Rücken genauso wie im Brustbereich, und auch darüber hinaus schmiegte sich der Stoff fast perfekt an ihren jungen, kleinen Körper an.
Nachdem einige Momente der Stille, oder viel mehr der stillen Blicke, vergangen waren, da brach ich das Schweigen: "Zu einer solch frühen Stunde bist du heute schon wach?", fragte ich, ohne aber tatsächlich über diese Tatsache erstaunt zu sein. Auch antwortete das Mädchen zuerst gar nichts, zuckte stattdessen nur mit den Schultern und lächelte. Nach einigen Sekunden aber hatte sie sich endlich überwunden: "Kannst du mir vielleicht auch heute wieder helfen?", fragte Silence auf eine für sie erstaunlich direkte Art und Weise.
Ich überlegte kurz, da ich mir an dem besagten Tage eigentlich andere Dinge vorgenommen hatte. Mittlerweile mochte ich die kleine Silence aber so sehr, dass sie mir weit mehr bedeutete als die meisten gewöhnlichen Beschäftigungen. Ich bejahte also die Frage, erwähnte dem Mädchen gegenüber aber auch, dass ich vorher noch kurz zu ihrem Vater müsse, um diesen nach eventuellen anderen Aufgaben zu fragen. So verschwand ich für einen Moment, kehrte aber wenige Minuten später schon zurück - mit der Gewissheit, dass Spencer keinerlei wichtige Arbeiten zu erledigen hätte und dass er sehr erfreut darüber wäre, wenn ich mich mit seiner Tochter, mit Silence, beschäftigen würde. Er selbst wolle ohnehin einige letzte Vorbereitungen für den Besuch von Frau Magdalena Adolfson treffen, Vorbereitungen allerdings, von denen er meinte, dass ich ihm dabei wohl nur schwerlich unterstützen könnte.
So half ich also Silence. Auch wenn diese es nicht explizit zu zeigen vermochte, so bin ich mir sicher, dass sie wirklich sehr, sehr froh darüber war. Und obwohl wir beide die ganze Zeit über nur wenig miteinander sprachen, so waren wir dennoch richtig glücklich und wir hatten wirklich sehr viel Spaß. Ich stellte zudem fest, dass die beiden Kammern (und auch der Dachboden) ein wahrer Fundus von vielen kleinen Schätzen waren, von Dingen, die Spencer wohl irgendwann einmal erworben hatte und welche nun eine Menge verrieten über dessen bemerkenswerte Vergangenheit. Seine Tochter fühlte sich vor allem von den ältesten Fundstücken angezogen, von Antiquitäten, die wirklich schon eine gewisse Geschichte aufweisen konnten und ein Alter von oftmals mehr als einhundert Jahren. In den hintersten, den dunkelsten Ecken, ganz vergraben unter Spinnweben und Staub, da vermochte Silence die für sich interessantesten und kostbarsten Dinge zu entdecken. Ein hübsches Nachttischlämpchen fand sie diesmal und ein kleines, geschnitztes Holzpferd. Über dieses freute sich das Mädchen selbstverständlich ganz besonders.

An jenem Tage zog die Zeit schnell vorüber und ehe ich mich versah, da war es auch schon Abend geworden. Erschöpft sank ich auf den Stuhl, stützte meine Arme auf die Schreibtischplatte und den Kopf auf meine Arme. Secret, die mich nach dem Abendessen gebeten hatte doch wieder einmal zu ihr aufs Zimmer zu kommen, saß neben mir - die Beine schüchtern unter ihren Stuhl geschoben, sah sie zu mir herüber und blinzelte mich an. "Du siehst müde aus...", flüsterte sie.
Ich musste lächeln und sah dem Mädchen tief in ihre blauen Augen. "Deine Schwesterchen kann ganz schön anstrengend sein", bemerkte ich, obgleich ich selbstverständlich viel Spaß dabei gehabt hatte, jener zur Hand zu gehen. Ich mochte Silence wirklich sehr und ich sah in ihr viel mehr, als nur ein kleines Kind (teilweise auch sehr zu meinem eigenen Leidwesen!), mein Herz aber, das gehörte eigentlich nur Secret. Auf deren Zimmer war ich an jenem Abend nun bereits zum vierten Mal und wie bei einem jeden Besuch schien mein Herz in Gefühlen von Glückseligkeit geradewegs zu versinken. Genau hinter dem jungen Fräulein Spencer brachen die letzten Sonnenstrahlen des späten Abends durch das Fenster in den Raum und ließen selbigen in goldenen Lichte erstrahlen. Eifriger Vogelgesang und der liebliche Klang von des Mädchens engelhafter Stimme waren die einzigen Töne die an mein Ohr drangen und die nur hin und wieder jäh unterbrochen worden - dann wenn ich selbst einige wenige Worte sprach. In meiner Nase da kitzelte der Geruch von vielerlei Blüten, ein Potpourri aus Düften, die den gesamten Raum erfüllten, die ich aber nicht mehr auseinander zu halten vermochte. Und vor allem meinen Augen wurde wohlgetan, nicht wichen sie auch nur einen Moment von Secrets Antlitz. Und manchmal, so glaub ich, da bemerkte das Mädchen dies alles und immerdar errötete sie auf so unsagbar reizende, so ganz und gar unschuldige Weise... - fast so, wie bei unserer ersten Begegnung.
Nichts anderes möchte ich jetzt, in diesem Moment, als zu schwärmen und zu preisen! Wie merkwürdig fremd ihr Liebreiz doch schon damals auf mich wirkte, wie ihre Anmut mich erinnerte an die eines neugeborenen Rehkitzes, so schüchtern aber auch so voller Tatendrang.... Einfach wie eine Bauerstochter konnte das Mädchen sein, himmlisch aber auch, so wie die edelsten Engel von allen. Beschwingt mit den prächtigsten, den weißesten Flügeln..., so erschien sie mir in meinen Träumen.
Und auch der kleine Raum in dem sie lebte, acht Tage war es her, seit ich ihn das erste Mal betreten hatte, er passte voll und ganz zu dem sonnigen Gemüt der jungen Schönheit. Manchmal geschah es, dass unsere abendlichen (und später sogar nächtlichen) Unterhaltungen von einer solchen Freude erfüllt waren, dass ich, es mag sich seltsam anhören, sogar meine Liebe, also Secret, fast vergaß, so sehr gab ich mich dem Glück hin, dem Lachen, dem Frohsinn - und all den Geschichten die wir uns, wenig später schon an beinah jedem Abend, einander erzählten. Von Einhörnen war da die Rede und von Feen, von Zauberern, Geistern, von Bären und Wölfen, von hohen Gipfeln, fernen Meeren aber auch von jenen Wäldern, die wir sahen, wenn wir beide denn nur hinaus aus dem Fenster blickten. Immer wieder konnten wir beobachten, wie die Nacht ihr dunkles Tuch über die Landschaft fallen lies - ein paar Minuten früher ein jedes Mal, und wie die werdende Finsternis unsere Gedanken und unsere Sinne weiter erregte. So hatten wir beide sehr viel Spaß dabei, uns die seltsamsten und die unheimlichsten Dinge vorzustellen. Einmal da erzählte mir Secret, wie sie des Nachts, da sie auf dem Weg zu dem kleinen Haus im Walde war, ein seltsames Leuchten in den Mooren vernahm. Geister seien es gewesen, Irrlichter vielleicht, oder ähnliche Truggestalten... Secret erzählte dies alles auf eine solch lebendige Art, dass ich manchmal fast schon daran dachte, ihr zu glauben, auch wenn es, wie ich wusste, nichts weiter als ein Scherzen war. Mich oder irgendjemand anderen anlügen - das konnte das Mädchen ohnehin nicht und aus eben diesem Grunde machte sie mir schon im Vorfeld klar, dass es sich keinesfalls um mehr handelte, als um erfundene Geschichten. Geschichten allerdings, die mich mehr als nur einmal erschaudern ließen und dir mir eine Seite von Secret zeigten, die ich wirklich nicht vermutet hatte, die mir aber durchaus gut gefiel.

Wie ich erwähnt habe, hatte ich bereits an jenem Abend, an welchem ich Silence zum ersten Mal beim Einrichten des Zimmers half, vorgehabt ,mich einmal etwas näher in der Bibliothek umzuschauen. Da ich aber auch am darauffolgenden Tag anderen Verpflichtungen nachgehen musste, beziehungsweise wollte, sollte der Besuch in der selbigen sogar erst am wiederum nachfolgenden Tage, dem siebenundzwanzigsten August (ein Donnerstag), möglich sein. Ich betrat das Zimmer gegen Abend und tatsächlich war es das erste Mal seit meiner Anstellung in jenem Hause, dass ich mich näher in dem besagten Raume umsah - zuviel gab es auf Spencers Anwesen zu entdecken, als das dies in so wenigen Tagen schon hinreichend möglich gewesen wäre.
Die Einrichtung des Zimmers, in diesem Falle also die zahlreichen Bücherregale, war recht verwinkelt, so wie die von vielen anderen Räumen im Hause Spencer ebenfalls. Etwa zwei Meter reichten die dunklen Eichenholzregale in die Höhe, nicht zu hoch also, als das man nur schwerlich hätte Zugriff auf die Bücher gehabt. Jene waren nicht alphabetisch sondern fein säuberlich thematisch geordnet, was es einfach machte, unter den vielen tausend Exemplaren das gewünschte zu finden. Und sollte man dennoch auf der Suche sein, nach einem bestimmten Autor oder Titel, so konnte man in einer Übersicht blättern, welche alle vorhandenen Werke mit Angabe des Standortes auflistetet und sich immerzu auf einem großen Tisch nahe der bogenförmigen Fensterfront befand. Durch diese wurde der Raum nach Norden hin in gleicher Weise begrenzt wie die direkt darunter liegende Gemäldegalerie auch. Allerlei Licht konnte somit ins Zimmer fallen, welches aufgrund der Ausrichtung in jene Himmelsrichtung zwar eher kühl wirkte, aber auch zu keiner Zeit des Tages in den Augen blenden konnte. Für erwähnenswert halte ich des weiteren, dass man beim Lesen in jenem Zimmer einen herrlichen Blick auf den Hof des Grundstücks hatte. Ähnlich wie von der Eingangshalle aus, konnte man auch von hier fast den gesamten Bereich in Richtung der Straße überschauen und so sollte ich in den folgenden Wochen immer wieder erinnert werden, wie der Sommer allmählich zuende ging und die zunehmend bräunliche Färbung des Grases sowie die vielfarbigen Veränderungen der Blätter den Herbst einläuteten. Schon jetzt konnte man spüren, dass die Natur müde wurde und sichtlich gezeichnet war von der Hitze eines langen Sommers.

Einige Minuten lang blieb ich vor dem Fenster steh'n, dann aber machte ich mich daran, nach ein paar interessanten Büchern Ausschau zu halten. Diese zu finden war in jener riesigen Sammlung nicht schwer, viel schwieriger war es dann schon, sich überhaupt für eines zu entscheiden. Ich nahm letzten Endes drei Exemplare mit mir, nicht auf mein Zimmer allerdings, sondern lediglich zu dem großen Fenster hin, wo ich an dem schon erwähnten Tisch Platz zu nehmen gedachte. Eines der Bücher, ein Werk eines sehr berühmten russischen Autors, bannte mich nach wenigen Minuten schon so sehr, dass ich sogleich für einige Stunden darin las. Kaum merkte ich, wie die Dunkelheit übers Land sich niederlegte und längst schon war es finster in dem Zimmer, als ich die kleine, auf dem Tisch befindliche Leselampe einschaltete. Je weiter ich mit der Lektüre fortfuhr, desto stärker fiel mir auf, dass eine der Hauptfiguren in dem von mir gewählten Buch eine frappierende Ähnlichkeit mit Shadow aufwies - zwar nicht was das Aussehen betraf, sehr wohl aber hinsichtlich ihres Temperaments.
Nachdem weitere Minuten vergangen waren, da vernahm ich ganz leise, wie, so vermutete ich, die Zimmertür geöffnet wurde. Dieser Verdacht bestätigte sich, als ich einen Moment später ganz deutlich hörte, wie selbige Tür, groß und schwer wie sie war, zurück ins Schloss fiel. Das Licht aber wurde merkwürdigerweise nicht eingeschaltet, obwohl der Raum, abgesehen von dem Platz an welchem ich saß, fast gänzlich in Dunkelheit lag. Ich begann zu grübeln was geschehen wird, vorerst allerdings wartete ich still sitzend ab, auf die Ankunft von jener mir noch unbekannten Person.

Doch es blieb ruhig. Allmählich fand ich mich damit ab, mich wohl doch nur verhört zu haben und beugte mich gerade zurück über das Buch, da vernahm ich erneut ein Geräusch, ein Scharren, um genau zu sein, und zwar nicht weit von mir entfernt.
"Wer da?", fragte ich in gewöhnlichem Tonfall, erhielt jedoch keinerlei Antwort. Stattdessen wurde es von neuem still... Langsam erhob ich mich von meinem Platz und spähte um ein nahestehendes Bücherregal, aus dessen Richtung ich glaubte das letztgehörte Geräusch vernommen zu haben. Es war nicht derart dunkel im Raume, als dass ich hätte gar nichts sehen können, doch entdeckte ich tatsächlich nichts und niemanden. Ein wenig verduzt durchsuchte ich die Bibliothek, so weit, wie sie von meinem Standpunkt aus sichtbar war, da aber weder meine Augen, noch meine Ohren irgendeine Eigenheit vernahmen, setzte ich mich wenig später wieder zurück an den Tisch. Die seltsamen Töne versuchte ich unterdessen mit der Tatsache zu erklären, dass ich zuvor fast nie in jenem Zimmer war und noch nicht Bescheid wusste ob eventueller Geräusche, welche in einem Haus von diesem Alter hin und wieder als gewöhnlich anzusehen waren - Ausdehnungen des Holzes beispielsweise, oder womöglich auch die Aktivitäten irgendwelcher Tiere.
Nur zwei oder drei Minuten aber mochte es gedauert haben, da schreckte ich regelrecht hoch. Ganz deutlich vernahm ich nun ein Pochen von beträchtlicher Lautstärke. Ohne Vorwarnung, ohne weiter nachzuschauen oder nachzufragen schritt ich in Richtung des Lichtschalters am Eingang des Zimmers und knipste die Lampen an, in der Absicht, dem Spuk damit ein Ende zu bereiten. Mich sorgfältig umschauend durchschritt ich die Bibliothek, konnte jedoch beim besten Willen auch im Lichte niemanden finden und erneut auch nicht mehr hören. Fast schon begann ich meine eigene Wahrnehmung in Frage zu stellen, und als ich dann am anderen Ende des Raumes, nahe am Fenster, angelangt war, da wurden auch noch die Lampen an den Wänden ganz überraschend wieder gelöscht. Erst überkam mich ein kleiner Schauer, nach einigen Sekunden des vernünftigen Nachdenkens aber, schlussfolgerte ich vielmehr, dass mir irgendjemand einen kleinen Streich spielen musste. Sir Spencer mit Sicherheit nicht, auch Silence traute ich dies nicht zu, somit blieben noch Secret oder auch Shadow.
"Wer ist da?", fragte ich erneut, diesmal etwas lauter. "Shadow?! Secret?!"
"Na wer bin ich wohl?", erklang dann plötzlich hinter mir ein Flüstern.
Ich grinste in die Dunkelheit. "Fräulein Shadow...", antwortete ich seufzend. Ihre Stimme war unverkennbar.
"Und, habe ich dich erschreckt?", fragte sie, immer noch im gleichen, verführerischen Tonfall.
"Nur für einen Moment", sprach ich, und drehte mich herum. Ihre dunkle Silhouette stand etwa einen Meter vor mir, von hinten her beschienen durch die Leselampe. Gerade so vermochte ich ihr Grinsen zu erkennen. "Warum bist du hier? Und warum das Spielchen?", fragte ich, ohne wirklich darüber verärgert zu sein. (Und wie auch hätte ich dies sein können, einer solchen Schönheit gegenüber?)
"Ich spiele gern...", meinte Shadow dann und zwinkerte durch die Finsternis hindurch zu mir herüber. "Mit dir am liebsten...", ergänzte sie noch. "Und warum ich da bin, möchtest du wissen?"
Ich nickte.
Ihr verführerischer, teils sogar ein wenig fieser Tonfall, er klang nun trotzig, vorwurfsvoll und sehr viel mehr wie der eines Kindes: "So lange schon hast du mit mir nichts mehr unternommen!", sagte sie laut und fordernd. Und dennoch war es Liebreiz, den ich in ihrem Stimmchen vernahm.
"Ich hatte viel zu tun, die letzten Tage", gab ich dem Mädchen klagend zur Antwort. Währenddessen setzte ich mich wieder nieder auf den Stuhl.
Shadow dachte nach. "Ja... - Vor allem aber hast du so viel Zeit mit Secret und mit Silence verbracht!", klagte sie mich an. Ihre spitzen Zähne blitzten auf.
"Mag wohl sein...", sagte ich. "Entschuldigung dafür, du hättest mich aber auch einfach früher darauf ansprechen können... Womit hast du dich überhaupt beschäftigt an den letzten Tagen? Ich habe dich kaum öfter gesehen als zu den Mahlzeiten", erkundigte ich mich.
"Ich tat nichts besonderes... Ich war lange Zeit draußen, oft im Ort unterwegs..."
Einige Momente vergingen. "Ich verstehe", sagte ich dann. "Sag, was hieltest du davon, wenn ich mit dir zusammen morgen etwas Zeit verbrächte?", bot ich der jungen Schönheit an.
Diese dachte nur zum Schein kurz nach. "Liebend gern!", meinte sie dann mit einem breiten Grinsen im Gesicht. "So gegen Abend?", schlug sie vor. "Ich werde zu dir kommen, sobald ich soweit bin."
Ich erklärte mich einverstanden. Shadow ihrerseits lud sich noch im gleichen Moment dazu ein, auf meinen Schoße Platz zu nehmen.
"Was tust du?", fragte ich - überrascht, aber indessen an solcherlei Taten gewöhnt.
"Ich setze mich...", gab das Mädchen zur Antwort.
"Auf mich?"
"Ja... Du hast doch nichts dagegen, oder?"
Tatsächlich konnte ich beim Blick in ihre verführerischen Augen, eines dunkel, das andere etwas heller, nicht nein sagen. "Und das Licht?", fragte ich noch. "Wollen wir nicht wenigstens das wieder einschalten?"
"Nicht nötig...", sprach sie und formte mit ihren Lippen einen süßen Schmollmund. "Und nun sei still, ich möchte lesen."
In aller übertriebener Deutlichkeit tat sie das dann auch, aber ich dachte nicht daran, mich aufzuregen, über das ungestüme, freche Wesen des Mädchens. Zusammen lasen wir noch etwa eine halbe Stunde, dann schlief die wieder einmal übermüdete Shadow zwischen meinen Schoße und der Tischplatte ein. Und als ich sie dann weckte, da war es mir nicht möglich einem kleinen Gute-Nacht-Kuss auszuweichen.
Sofern ich dies denn überhaupt gewollt hätte...

Sehr viel anders als der Abend endete, begann der Morgen - um genau zu sein mit einem Besuch bei Maximilian Lindner. Wenn auch für eine zunehmend immer kürzere Dauer, so traf ich mich mit meinem Freund zu jenem Zeitpunkt noch relativ häufig. Er erzählte mir meist von den Neuigkeiten im Ort - von wichtigen, wie auch von weniger wichtigen Vorkommnissen - während ich ihm von meinem Leben im Hause Spencer berichtete. Da er Sir A.T. Spencer aber auch weiterhin sehr regelmäßig einen Besuch abstattete, und ich mich zunehmend in die Gespräche zwischen beiden einbrachte (außer in sehr privaten Dingen natürlich,) ließ mein Verlangen nach zusätzlichen Begegnungen, und somit auch deren Häufigkeit, allmählich nach. Um ehrlich waren es aber auch die Mädchen, die meine Zeit beanspruchten und denen mittlerweile mein größtes Interesse galt - allen voran natürlich Secret, mit der ich liebend gern den ganzen Tag verbringen mochte.
An meinem heutigen Besuch bei Maximilian Lindner, zu welchem ich nun, nach dieser kleinen Abschweifung, zurückkehren möchte, verbrachten wir die meiste Zeit des warmen, fast schon heißen Vormittags im Garten. Unter dem schattigen Blätterdach eines Baumes sitzend fragte mich mein Freund: "Wenn ich mich recht erinnere... Abraham erwartet ab der nächsten Woche Besuch, oder?"
"Ja, am Donnerstag", antwortete ich. "Eine Schriftstellerin, Magdalena Adolfson..."
Maximilian nickte. "Ich weiß. Er erzählte mir vor einiger Zeit schon davon."
"Soso... Nun, ich glaube sie scheint ihm viel zu bedeuten, oder?", erkundigte ich mich.
"Wie kommst du darauf?", fragte seinerseits Maximilian.
Ich musste leise kichern. "Nun, wenn ich daran denke, mit welcher Genauigkeit er die Einrichtung ihres Gästezimmers vorbereitete..."
Mein Gegenüber lächelte bereits. "Und in den letzten Tagen", fuhr ich fort, "da wirkte er beinah aufgeregt."
"Ja... - Viele Gedanken würde ich mir deswegen aber nicht machen", erzählte mir mein Freund. "Für Abraham ist das sogar recht typisch - gerade im Bezug auf Frauen ist er...", Maximilian dachte nach. "Die richtigen Worte fallen mir nicht ein, in diesem Augenblick. Ich glaube aber du wirst es selbst bald merken!"
Ich musste grinsen. "Wie du meinst... Aber woher kennen sich die beiden denn nun überhaupt? Weißt du darüber irgendetwas?"
"Ja! Frau Adolfson war lange Zeit seine Lehrerin; die deutsche Sprache, sie brachte ihm selbige bei."
"Dann müssen sie schon seit einiger Zeit in Kontakt sein?"
"Vermute ich auch... Des weiteren glaube ich sogar, dass sie es war, die Spencer auf diese Gegend hier aufmerksam machte", erklärte Maximilian.
"Warum?", fragte ich nach.
"Eine Zeit lang lebte sie in der Nähe, gar nicht weit entfernt."
Wieder nickte ich.
"Wenn du mehr wissen willst", riet mir Maximilian, "dann solltest du Sir Spencer wohl am besten selbst fragen. Ich vermute, er spricht über solcherlei Dinge recht gern."
"Werde ich mit Sicherheit tun...", sagte ich und, um so manche interessante Information reicher, verließ ich Maximilian einige Zeit danach. Indessen befand ich mich schon in freudiger Erwartung auf den Abend, oder vielmehr darauf, dass ich einige Zeit mit Shadow würde verbringen können.

Aktuelles


Tipp

Coming soon...

Copyright 2006 by www.sommersonnenwende.info and Sylvio Konkol
Ich distanziere mich hiermit von allen Internetseiten zu denen Links oder Banner auf www.sommersonnenwende.info führen.
Alle Beiträge auf www.sommersonnenwende.info sind Eigentum von www.sommersonnenwende.info bzw. Sylvio Konkol oder der jeweiligen Autoren und dürfen nur nach Zustimmung kopiert werden. Diese Site wurde erstellt mit Arachnophilia 4.0.