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... Secret, Shadow, Snow und Silence Des Niederganges erster Teil - Abschnitt 05
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(Wichtig: Sämtliche Rechte am Text liegen beim Verfasser, Sylvio Konkol, das Kopieren oder Weiterverbreiten ohne dessen Zustimmung ist nicht erlaubt!)
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Kommentare? - Secret, Shadow, Snow und Silence im Forum
Bezüglich meiner Anstellung überraschte mich vor allem ein Umstand schon nach kurzer Zeit, irritierte mich im damaligen Moment jedoch kaum: Zwar hatte Spencer mir versprochen, dass es nicht sonderlich viele Arbeiten für mich zu erledigen gäbe und das ich genug Zeit hätte, mich eigenen Dingen zu widmen; solch ein konsequentes Nichtstun wie es mir widerfahren sollte, hatte ich dann aber doch nicht erwartet. Nur selten gab es einen Tag, an welchem ich länger als ein oder höchstens zwei Stunden hätte arbeiten müssen - seltsam vor allem in Anbetracht der überdurchschnittlich guten Bezahlung. Und denke ich heute zurück, dann verwundert es mich wirklich sehr, dass ich nicht ob dieser Tatsachen ins Grübeln gekommen war, muss dabei aber dennoch beachten, dass ich damals die Angelegenheiten, welche nicht direkt mit Spencers Töchtern in Zusammenhang standen, scheinbar nur mit geschlossenen Augen besah. Ich nahm es ganz einfach hin und freute mich sogar noch darüber! Schließlich konnte ich fast meine ganze Freizeit den Mädchen oder gelegentlich auch meiner Malerei widmen. Diese jedoch, das muss ich zugeben, trat ob der atemberaubenden Schönheit rings um mich herum immer mehr in den Hintergrund, genau wie mein Freund Maximilian Lindner. Besuchte ich diesen in den ersten Wochen noch recht häufig, sogar beinahe täglich, sollte ich ihm schon im Spätherbst kaum mehr öfter als jeden Sonntag zum Gottesdienst begegnen und an den Tagen, an welchen er Sir Spencer kurz besuchen kam.
Es war nicht mehr als eine Woche vergangen, da fühlte ich mich auf Spencers Anwesen schon beinahe wie zu Hause. Von allen Seiten wurde mir großes Wohlwollen entgegengebracht und ich verstand mich mit der ganzen Familie prächtig - wenn auch auf jeweils ganz unterschiedliche Weise. Recht bemerkenswert war in dieser Hinsicht, dass sich Silence von Tag zu Tag in geradezu rasender Geschwindigkeit veränderte. Ein jeder hätte dem Mädchen ansehen können, wie sie mit jeder Nacht aufgeschlossener und vor allem fröhlicher wirkte! Und schon nach kurzer Zeit, kaum mehr als eine Woche war vergangen, war von dem schüchternen, scheinbar so verwirrten Mädchen, welches mir an meinem ersten Tag im Ort im Gasthaus begegnet war, fast nichts mehr übrig geblieben. Einmal als ich am Abend in meiner Kammer saß, da klopfte es ganz plötzlich an der Tür und das zaghafte, leise Stimmchen von Silence bat um Einlass, den ich natürlich nicht verwehren wollte.
Mit einem süßen Lächeln kam sie herein. "Was möchtest du denn?", fragte ich.
Sie zuckte mit den Schultern. "Darf ich ein Weilchen bei dir bleiben?"
"Natürlich", antwortete ich. "Setz dich doch bitte! - Ist dir langweilig?", fragte ich lachend.
Da dachte Silence sehr genau nach. "Nein, nicht wirklich... Aber manchmal..., manchmal da komme ich mir so einsam und völlig fremd vor", meinte sie nach einer Weile und sah mich mit einer seltsamen Sehnsucht in ihren Augen an. Schon wieder schaffte es ihr Blick, mich, der ohnehin schon von ihrer plötzlichen Offenheit ganz irritiert, zu verwirren.
"Vielleicht ist der Grund dafür einfach der, dass du dich nicht nur plötzlich in einer dir völlig fremden Umgebung - weg vom Meer, hin ins Gebirge befindest, sondern auch, dass du deine Familie erst einmal wieder etwas kennen lernen musst, wenn du sie so lange nicht gesehen hast?"
"Ich bin tatsächlich erst sehr kurze Zeit hier...", erzählte sie und dachte erneut ganz angestrengt nach. Dann aber schüttelte sie den Kopf. "Nein, das ist nicht der Grund. Nein!", sagte sie traurig. Das Mädchen tat mir leid und schon bald erkannte ich, dass ihre Augen allmählich feucht wurden - sie war den Tränen nahe.
"Zu mir kannst du zumindest jederzeit kommen!", meinte ich mit einem gutmütigen Lächeln, in der Absicht Silence aufzumuntern. "Sei nicht schüchtern, ich bin für dich da!", fügte ich noch hinzu und erkannte sogleich wie sich ihre Miene erhellte.
"Das freut mich!", sagte sie und schien tatsächlich richtig glücklich. Da aber stand sie auch schon auf und lief zur Tür.
"Du gehst schon wieder?", fragte ich ganz erstaunt und runzelte die Stirn.
"Ja", antwortete sie und lächelte mich überglücklich an. Ihre hübschen, schneeweißen Zähnchen strahlten, als sie sich verabschiedete: "Bis bald!"
Zwar kann ich mich nicht mehr erinnern, wovon ich in der Nacht des darauffolgenden Dienstages geträumt habe, weiß aber genau, dass es sich um eine Sache gehandelt haben muss, welche mich so stark mitgenommen, dass ich schon am frühen Morgen des darauffolgenden Tages, es war noch gänzlich dunkel, aufwachte und, egal was ich tat, nicht mehr einschlafen konnte. Als es gegen fünf Uhr allmählich spürbar heller im Raume wurde, erhob ich mich aus meinem Bett und ging das Fenster zu öffnen, da die Luft im Zimmer recht stickig war. Und währenddessen dachte ich bei mir, dass ich das frühe Wachsein doch nutzen könnte, um nun endlich einmal das Gästezimmer für Frau Adolfson so vorzubereiten, wie Sir Spencer es mir aufgetragen und ich es immer wieder verschoben hatte.
Ich begab mich also ins Badezimmer, zog mich daraufhin an und gedachte, erst noch eine Kleinigkeit zu essen, bevor ich mit der Arbeit beginnen wollte. Als ich aber dann wenig später in die riesige, gänzlich leere Eingangshalle hinaustrat, wurde ich von der seltsamen, majestätischen Atmosphäre jenes Raumes geradezu überwältigt. Der Punkt, an welchem ich mich selbst befand, wurde von einem blassrötlichen Schimmer erhellt, welcher durch das Buntglas des, gerade in den Morgenstunden, unheimlichen Fensterbildes strahlte, wogegen der gesamte, restliche Raum in einem geisterhaften, bläulichen Halbdunkel lag und fast so wirkte, als wäre er von einem dünnen Nebelhauch durchwebt. Als ich an das Geländer der Galerie vortrat, jeder meiner Schritte hallte durch das ganze Zimmer, konnte ich nur schwerlich die düsteren Umrisse der vielen Marmor- und Granitfiguren ausmachen, welche sich unten im Erdgeschosse befanden. Ich blieb lange Zeit ganz ruhig stehen und genoss das merkwürdig traumartige Gefühl, welches von meinem Geiste Besitz ergriffen hatte. Ganz langsam nur begab ich mich dann nach unten und auf Höhe des zweiten Stockes angekommen, schaute ich nochmals eine ganze Weile aus dem Fenster, durch das ganz deutlich ein silbrig glänzender Lichtstreifen am Horizonte zu erkennen war. Und als ich letzten Endes im Erdgeschoss angekommen war, konnte ich einfach nicht mehr anders, als meine Pläne ein wenig zu ändern und wollte noch vor dem Essen einen kleinen Blick nach draußen in den Garten werfen. Durch den Hinterausgang verließ ich das Haus und kostete mit tiefen Atemzügen die bereits recht warme aber dennoch erfrischend wirkende Morgenluft.
Ich hatte bisher nicht mehr als einen Bruchteil des riesigen Grundstücks erblicken können. Beispielsweise war ich noch nicht einmal in die Nähe des angrenzenden Waldgebietes gelangt; ein Versäumnis, welches ich an jenem Morgen aber sogleich nachholen sollte. Ohne irgendwelche Erwartungen lief ich über die weiten, leicht hügeligen Felder hinweg und gelangte allmählich in ein wenig feuchtere, später sogar schon hochmoorähnliche Gebiete. Vielerlei halbverwachsene Pfade gab es dort, Wege, die wohl jahrzehntelang kein Mensch mehr gegangen ist, wahrscheinlich noch nicht einmal Sir Spencer oder eine von seinen Töchter.
Bald darauf erreichte ich dann einen langen und schmalen, schnurgeraden Weg, der, im Westen des Grundstückes gelegen, wahrscheinlich vom südlichen, bis zum nördlichen Ende des Anwesens verlief. Zu beiden Seiten war er vor allem von noch vergleichsweise jungen Birkenwäldchen gesäumt, weshalb auch er, wie so viele Dinge auf Spencers Grundstück, ganz märchenhaft erschien. Ich glaube, ich wäre nicht auch nur ein wenig überrascht gewesen, wenn plötzlich eine Fee, ein Einhorn oder irgendein anderes Fabelwesen zwischen den Bäumen aufgetaucht wäre... - und ich war auch gar nicht überrascht, als ich in einigen Metern Entfernung, dort, wo vom Wege noch ein weiterer abzweigte, tatsächlich ein Geschöpf sah, welches ich im morgendlichen Halbdunkel einige Sekunden lang für eine Elfe hätte halten können.
Jedoch war es Secret, die dort stand, barfuss, mit offenem, ungekämmten Haar und in einem langen, weißen Nachthemd. Gleich als sie mich erblickt, kam sie zur mir hin. "Guten Morgen", rief sie mir zu. "So früh schon wach?"
Ich zuckte nur mit den Schultern und lächelte. Sogleich war ich ob ihrer Schönheit wieder ganz entzückt. "Ich könnte Sie das gleiche fragen, Fräulein Secret..."
Sie grinste. "Dann schlage ich vor, ein jeder behält den Grund dafür für sich, oder?"
Ich willigte ein, woraufhin sie ein etwas zögerlich fortfuhr: "Wenn Sie, wenn du... Wollen wir uns nicht lieber duzen?", fragte sie.
"Gern!"
"In Ordnung... Also wenn 'du' schon einmal hier bist... Ich möchte dir gern etwas zeigen!"
"Was denn?"
"Ein Geheimnis...", meinte sie augenzwinkernd.
Ich lachte ein wenig. "Nur zu!"
"Dann komm' bitte mit mir", forderte sie mich auf. Ich lief dem Mädchen nach, wohin es mich auch führte. Und gingen wir anfangs einfach nur ein weiteres Stückchen des Weges entlang, so lief das Fräulein Spencer wenig später ganz plötzlich direkt in den Wald hinein. Sehr genau schien sie den Weg zu kennen, wich jeder Wurzel und jeder feuchten Stelle ganz so aus, als hätte sie es schon unzählige Male getan, wogegen meine Person sich nur sehr viel unbeholfener durch das noch immer recht lichtarme Terrain bewegen konnte. Und immer dann, wenn ich ein Stückchen zurückfiel, da blieb Secret lächelnd stehen und wartete so lang, bis ich sie wieder eingeholt hatte. Das geschah schon zum wiederholten Male, da rief ich dem Mädchen lachend zu: "Sag, an welchen Ort führst du mich bloß!"
"An einen Platz, den niemand sonst kennt! Du bist der erste, den ich ihn zeige!"
"Hm... Ich muss sagen, du machst mich neugierig", gestand ich und hatte Secrets Vorsprung unterdessen wieder aufgeholt.
Schon wieder lächelte sie über das ganze Gesicht. "Komm, es ist wirklich nicht mehr weit!", antwortete das Mädchen.
Und daraufhin gingen wir wohl noch weitere zehn oder auch fünfzehn Minuten durch den Wald, wobei ich mich ohne Secrets Hilfe und ohne das Licht der wenig später aufgehenden Sonne wohl ganz sicher verlaufen hätte. So aber merkte ich, dass wir uns in etwa nach Südosten bewegten, dorthin, wo der Wald etwas dunkler und dichter wurde. Laub- und Nadelbäume standen in gleichmäßigem Wechsel, doch Vögel gab es erstaunlich wenige, ebenso Wege, die unser Vorankommen hätten erleichtern können. Und wenn wir dann doch einmal einen solchen erreichten, so war auch er verwildert und nur äußerst schlecht begehbar. Aber gerade, als ich mich bei Secret erneut ob des baldigen Erreichens des Zieles erkundigen wollte, erschien am Ende eines Pfades eine kleine Lichtung. Noch bevor wir ganz dort angekommen waren, sagte das Fräulein freudig zu mir: "Wir sind da!" Und dann rannte sie los, drehte sich mehrmals im Kreis und ließ sich letztendlich in das Gras hinab fallen. Auch ich trat nun zwischen den Bäumen hervor, ließ meinen Blick um mich schweifen und entdeckte da zu meiner Rechten ein verwildertes, halb verfallenes Gebäude. Schnell erkannte ich, dass es sich um einen für das vergangene Jahrhundert typischen Bau handelte, im Grunde nicht mehr als ein gewöhnliches, recht durchschnittliches Wohnhaus, allerdings mit einer mehr als nur geheimnisvollen Wirkung. Ringsum war es so dicht von Disteln, kleinen Birken, Brennnesseln und vielerlei wild gewachsenen Gartenpflanzen verhüllt, dass man es aus etwas weiterer Entfernung wohl gar nicht mehr hätte erkennen können. Aus den tiefen Rissen in den Wänden wuchs Moos, der Ast eines Baumes hatte sich durch ein zerschlagenes Fenster hindurch seinen Weg ins Innere gebahnt und dichte Spinnennetze und Reste von Vogelnester konnten ein reges Tierleben überhaupt nur andeuten. Auch das Dach wies längst Lücken auf, die Tür war halb zerfallen und das Holz eines kleinen Balkons schien so morsch, dass ich mich lieber nicht hätte darauf wagen wollen.
"Schön, nicht wahr?", unterbrach Secrets liebliche Stimme meinen gebannten Blick.
Ich sah sie fragend an. "Also ich würde eher sagen... geheimnisvoll."
"Ich weiß", meinte das Mädchen und erhob sich lächelnd wieder vom Boden. "Komm, lass uns hineingehen!", forderte sie mich auf und lief vorweg. Mit gemischten Gefühlen folgte ich ihr, wusste ich doch nicht, ob mich irgendetwas seltsames erwarten würde. Mein Geist war ob der morgendlichen Wanderung ohnehin mit den merkwürdigsten Gedanken angeregt.
Es wirkte seltsam paradox, wie sich Secret mit einer, ich möchte fast sagen, plumpen Eleganz ihren Weg durch die hochgewachsenen Gräser hin zum Eingang des Hauses bahnte, wie sie dann im schneeweißen, bodenlangen Kleid vor dem heruntergekommenen Gebäude stand und mir zurief, doch bitte ein wenig schneller nachzukommen. Ungeduldig war das Mädchen immer, ganz so, als würde sie irgendetwas verpassen. Doch ich folgte ihr und einen Moment später, da öffnete sie ganz behutsam die morsche Tür und ging hinein. Im Inneren war es dunkel und ziemlich feucht, trotz der frischen Morgenluft sogar ein wenig stickig. Interessiert lies ich meine Blicke durch den kleinen Raum schweifen, entdeckte aber nur wenig von Wichtigkeit. Sämtliche Möbel und sonstige Dinge die auf die Vorbesitzer hätten hinweisen können, schienen ausgeräumt und stattdessen war es die Natur, die mittlerweile vom Ort Besitz ergriffen hatte. Überall konnte ich Hinterlassenschaften von Tieren erkennen, Fellreste zum Beispiel. Und auch Pflanzen wuchsen hier und da aus den Fugen des Holzfußbodens hervor. Der Raum war geheimnisvoll, doch, verglichen mit dem Äußeren des Gebäudes, keineswegs von Schönheit. Und ich fragte mich schon, wie es Secret hier so gut gefallen konnte, als mich das Mädchen bereits zum Weitergehen drängte. Sie führte mich eine Treppe (deren Stabilität ich nicht wirklich trauen wollte...) hinauf in das nächste Stockwerk und dort gezielt in einen Raum an der Westseite des Gebäudes, da, wo sich auch der bereits erwähnte Balkon befand. "Geh' schon hinein!", forderte mich das Mädchen, das mein kurzes Zögern bemerkt hatte, auf. Ob des Inneren des Raumes war ich dann mehr als nur ein wenig überrascht.
Das kleine Zimmer war praktisch komplett eingerichtet; ordentlich und sauber noch dazu. An der rissigen Außenwand linkerseits stand ein altes Holzbett mit einer bunten Wolldecke, daneben eine kleine, zerkratzte Kommode, über welcher sogar ein Gemälde, schwarz gefärbt vom Staub der Jahre, hing. Ein einfaches, sichtlich selbst gebautes, Regal zierte die Wand gegenüber, genau wie ein schöner, mit vielen Schnitzereien geschmückter Stuhl und ein altes Holztischchen, welche direkt darunter standen. Die Tischplatte von letzterem war im übrigen so wellig, dass man wohl nicht einmal mehr hätte ein Glas ohne Probleme darauf abstellen können.
"Ich bin erstaunt...", sprach ich nur.
"Ich bin ziemlich oft hier", sagte das Mädchen, während ich mich weiter umsah. Am anderen Ende des Raumes befand sich eine doppelte Glastür, welche zum Balkon hinaus führte. Die Scheibe der einen war aber offensichtlich zu Bruch gegangen und deshalb durch eine mit einem Vorhang verdeckte, Holzplatte ersetzt worden.
"Das habe ich schon vermutet...", antwortete ich. "Warum?"
Sie grinste. "Es gefällt mir einfach!", meinte sie schulterzuckend.
"Und niemand weiß davon?"
"Nein..., also niemand außer dir. Nicht einmal mein Vater!"
Ich nickte. "Komm, setz dich doch!", sagte Secret daraufhin.
"Ist schon okay... Hast du das alles ganz allein eingerichtet? Wo hast du die Möbel her?"
"Einige befanden sich noch im Haus... Andere habe ich an irgendwelchen Orten gefunden", erzählte sie und schaffte es nicht, einen gewissen Stolz in ihrem Tonfall zu unterdrücken.
Ich fragte weiter: "Und warum erzählst du es niemanden sonst?"
Da lies sie sich seufzend auf das Bett hinabfallen. "Mein Vater hätte bestimmt etwas dagegen. Wenn er wüsste, dass ich manchmal die ganze Nacht hier bin, dann...", antwortete Secret und stockte.
"Ich verstehe... Warst du denn auch die heutige Nacht über da?"
"Ja!", antwortete sie. "Als wir uns vorhin begegnet sind, da war ich gerade wieder auf dem Heimweg, also das heißt zum Haus meines Vaters unterwegs."
"Hm... Eines verstehe ich aber nicht: Warum hast du mir das hier gezeigt? Hast du keine Angst, ich könnte deinem Vater davon erzählen?"
"Nein..., nicht wirklich. Ich glaube, du würdest so etwas nie machen. Und warum ich es dir habe zeigen wollen? Nun... wenn man nur ganz allein von einem Geheimnis weiß, dann ist das doch auch langweilig. Oder findest du nicht?"
Ich lachte ein wenig. "Da könntest du recht haben!"
Secret grinste und stand bald darauf wieder auf, um sich zum Balkon hinaus zu begeben. Mit einer kleinen Handbewegung deutete sie mir an, dass ich nachkommen solle.
"Ist der Ausblick hier nicht wunderschön?", fragte sie und deutete auf eine Art Schneise, die schnurgerade zwischen den Bäumen hindurch führte. "Im Sommer, da geht die Sonne genau dort unter", fuhr das Mädchen fort.
"Bestimmt sehr schön", antwortete ich und freute mich darüber, welche kleinen Dinge es vermochten, Secret glücklich zu machen. "Gerade weil man den Sonnenuntergang wegen den vielen Bäumen sonst bestimmt gar nicht so gut würde sehen können?", fügte ich noch hinzu.
"Genau... - Du... du kannst jederzeit herkommen wenn du möchtest. Ich habe gern ein wenig Gesellschaft!", meinte sie etwas verlegen und lächelte mir ins Gesicht.
"In Ordnung, ich werde daran denken... Ich glaube aber kaum, dass ich den Weg allein finden werde."
"Ach... daran habe ich gar nicht gedacht." Lachend ging sie zurück ins Gebäude. "Geh' einfach anfangs mit mir mit, ich werde dir Bescheid sagen, so ich denn wieder hierher komme. Jetzt sollten wir uns aber besser auf den Rückweg machen, es wäre besser, da zu sein, bevor mein Vater aufwacht!"
"So sparen wir uns die Erklärungen...", meinte ich augenzwinkernd. "Ganz recht."
Als Secret und ich wenig später wieder im Herrenhaus angekommen waren, Spencer schien tatsächlich noch zu schlafen, machte ich mich endlich und ohne weitere Umschweife daran, das Gästezimmer vorzubereiten. Die einfachen, die groben Arbeiten dauerten schon bis in den frühen Nachmittag hinein und ich war gerade dabei, mit den 'Details' fortzufahren, da erschien Sir A.T. Spencer noch einmal im Raum. Mit prüfenden, tiefernsten Blicken sah er sich eine ganze Weile um. Ich befürchtete schon, dass er mit meiner Arbeit absolut nicht zufrieden sei, als er mich endlich ansprach: "Christopher?"
"Ja?"
"Ich muss mich entschuldigen...", sagte Spencer und erlaubte es mir, aufatmen zu können. Dann fuhr er fort: "Sie haben bisher gute Arbeit geleistet, keine Frage, aber... Ich möchte gern, dass Sie noch einmal einige Dinge verändern."
Ich sah ihn fragend an.
"Ich glaube, es wäre besser, der Schreibtisch stünde dort, wo sich jetzt das Bett befindet und umgekehrt... Könnten Sie den Standort der beiden Möbelstücke also bitte noch einmal tauschen?"
Ich nickte. "Kein Problem!"
"Und diesen Spiegel", sprach er weiter, "den bringen Sie weg und hängen stattdessen einen anderen, größeren dort hin. Er befindet sich in einer der Abstellkammern, ich werde ihn gleich vorbeibringen."
"In Ordnung..." meinte ich. "Gibt es noch mehr zu tun?"
Spencer sah sich noch ein weiteres mal im Zimmer um. "Zu kühl...", murmelte er vor sich hin. "Das ganze Zimmer wirkt noch immer viel zu kühl."
Wieder warf ich ihm lediglich fragende Blicke zu, denen er dieses mal ein angestrengtes Nachdenken entgegenbrachte. Es war nicht zu übersehen, dass ihm der Besuch von Magdalena Adolfson sehr viel bedeuten musste. "Nun... Jetzt noch ein Zimmer an der Südseite vorzubereiten, wäre zeitlich kaum mehr möglich...", sagte er und gab mir folgende Hinweise: "Dekorieren Sie den Raum noch etwas, mit einfachen Dingen allerdings, es soll auf keinen Fall protzig wirken. Hängen Sie ein oder auch zwei Gemälde auf, ich werde gleich welche holen. Und die Vorhänge...", sagte er und deutete auf das Fenster, "tauschen Sie diese bitte gegen welche aus einfachem Stoff aus, welche, die zudem eine etwas wärmere Farbe haben."
Ich nickte, mittlerweile doch ein wenig irritiert davon, fast das ganze Zimmer neu einräumen zu müssen. Aufgrund der Tatsache, dass ich in den vergangenen Tagen aber noch fast gar keine Arbeiten hatte erledigen sollen, nahm ich es ohne Klagen hin. Derweil überlegte ich, in welcher Beziehung Frau Adolfson wohl zu Sir A.T. Spencer stehen musste: War sie mehr als eine einfache Bekanntschaft? Oder wirkte dies nur so aufgrund Spencers Hang zur Perfektion?
"Sie brauchen nicht heute fertig zu werden", meinte er dann noch bevor er das Zimmer verließ. "Lassen sie sich Zeit bis Morgen oder auch bis Donnerstag. Ich bin mir sicher, Sie haben auch noch andere Dinge zu tun!", sprach er mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen und lies den letzten Satz auf mich fast wie eine listige Andeutung wirken. Schon fünf Minuten später kam er wieder vorbei, den Spiegel und die Gemälde genauso im Gepäck, wie jede Menge neue Vorstellungen von der Zimmereinrichtung...
Eines stürmischen Abends, ich glaube nur wenige Tage nach dem gerade beschriebenen Ereignis, vernahm ich plötzlich ein leises Kratzen, bald eine Art Scharren an meiner Zimmertür. Und wenn draußen ein Gewitter tobt, man sich zudem ganz allein in einem Stockwerk eines riesigen Hauses befindet, dann können einem in einem solchen Falle schon die seltsamsten Gedanken kommen. Ganz vorsichtigen Schrittes trat ich zur Türe hin, öffnete sie behutsam und spähte in den dunklen Gang hinaus. Und während ich noch schaute, da schreckte ich auch schon hoch, als plötzlich irgendetwas um meine Füße huschte und sich zwischen meinen Beinen hindurch, hinein in das Zimmer zwängte.
Blitzschnell drehte ich mich um, war aber sogleich erleichtert, als ich sah, dass es sich bei dem Besucher lediglich um das Kätzchen von Fräulein Snow handelte. Virginity hüpfte unterdessen mit einem kleinen Satz auf das Bett und lies, auf allen vier Pfoten stehend, ein lautes, klagendes "Miau!" in meine Richtung ertönen. Ich setzte mich ganz sachte neben das Tier, welches dennoch einige schüchterne Zentimeter zurückwich. "Du hast wohl Angst vor dem Gewitter?", flüsterte ich lächelnd und streckte vorsichtig meine Hand in Virginitys Richtung aus. Die Augen des Kätzchens schienen sich ein wenig zu weiten und es legte den Kopf leicht zur Seite, bevor es mit seinem Näschen meine Hand anstupste. Da sagte ich: "Zu gern würde ich endlich deine Besitzerin kennen lernen..." Und ganz so, als wolle es mich trösten, hüpfte mir das Tier auf den Schoß. Ich streichelte das weiche, weiße Fell.
"Wie sieht sie wohl aus?", fragte ich das Kätzchen und mich. Und da fiel mir auf, dass ich im ganzen Gebäude nicht ein Bild entdeckt hatte, auf welchem eine von Spencers Töchtern abgebildet war. Weder ein Foto, noch ein Gemälde, nicht einmal eine kleine Zeichnung...
"Ob sie genauso süß ist wie du?", sagte ich vor mich hin und Virginity schmiegte sich nun noch fester an mich. "Hey, nicht so stürmisch!", meinte ich lachend. Wieder donnerte es heftig und das Kätzchen streckte kurz hoch.
"Vermisst du sie?", fragte ich und erhielt natürlich keine Antwort. "Bestimmt...", flüsterte ich. Und da sprang das Tier auf einmal auf und rannte zur Zimmertür. Ich grinste. "Du willst schon wieder gehen?", fragte ich und öffnete ihm die Tür. Virginity ging hinaus, rannte aber nicht weg, sondern miaute mich lediglich ganz laut an. Ich musste noch einmal lächeln, bevor ich die Tür wieder schloss. "Auf Wiedersehen!"
Aufgrund des Gewitters hatte sich an jenem Abend natürlich auch die Familie Spencer im Inneren des Hauses eingefunden und nicht, wie an so vielen anderen Tagen, im Garten. Aus dem Wohnzimmer, welches sich direkt unter meiner Stube befand, konnte ich ein leises Klavierspiel vernehmen, welches wahrscheinlich von Secret herrührte, die recht häufig an dem Instrumente saß. Sie konnte wirklich fantastisch spielen und da ich ohnehin gerade nichts von Wichtigkeit zu tun hatte, gedachte ich, nach ein wenig Gesellschaft zu suchen, welche ich unten im Wohnzimmer zu finden hoffte.
Ganz absichtlich zog ich auf dem Weg dorthin den etwas umständlicheren Pfad durch die Eingangshalle dem der anderen Treppe vor und war von der Atmosphäre des Raumes wie immer begeistert. Er lag fast gänzlich in Dunkelheit und wurde nur von ein paar wenigen Kerzenleuchtern erhellt. Deren Schein schaffte es noch nicht einmal nennenswerte Schatten an die Wände zu werfen, wohl aber der blendend helle, sich gleichzeitig mit dem Donner erhebende, Blitz, welcher den Raum mit einem Male in gleißendes Licht tauchte. Und auch das Buntglasfenster war ganz plötzlich wieder beleuchtet und warf seinen blutroten Schein auf meine Augen. Ich erschauderte fürchterlich und nun doch von einer plötzlichen Angst ergriffen machte ich mich daran, den Raume so schnell wie möglich nach dem unteren Stockwerke zu durchqueren. Dort angekommen schaltete ich sogleich das Licht im Gange ein und das erste, was ich tat, war herzlich über mich selbst zu lächeln. Allerdings nur kurz, dann nämlich entdeckte ich erneut Virginity. Laut in meine Richtung miauend saß sie vor der Tür des Zimmers von Fräulein Snow und bettelte in aller Offensichtlichkeit um Einlass. So ging ich hin und setze mich neben das traurig (zumindest so traurig, wie dies bei einem Kätzchen möglich) dreinblickende Tier, welches mein Streicheln sofort mit einem wohligen Schnurren beantwortete. Bald aber wurde es erneut unruhig und wieder begann es an der Tür zu kratzen. Und in jenem Moment, da dachte ich daran, dass ja durchaus auch meine Person ein mehr als großes Interesse verspürte, einmal einen etwas genaueren Blick ins jenes Zimmerchen zu werfen. Dieser Moment konnte mir dazu eine gute Gelegenheit verschaffen, wie ich sie wohl nicht gleich wieder finden würde. Zumindest dann, wenn der Raum denn nicht verschlossen. Vor einiger Zeit jedoch, als Spencer ihn kurz für mich geöffnet, da, so erinnerte ich mich, war er das nicht gewesen. Und so setzte ich mich auf, hob das Kätzchen auf meinen Arm - und ganz behutsam langte ich nach dem Griffe der Tür...
Bevor ich allerdings eintrat, blickte ich noch einmal prüfend um mich, ob meine Handlung denn auch wirklich niemand bemerken würde. Alles war in Ordnung. So ging ich hinein und betrat in jenem Augenblicke überhaupt das erste Mal ein Zimmer von einem der Mädchen. Im Inneren brannte selbstverständlich keinerlei Licht, der Raum wurde lediglich von draußen aus dem Gange ein wenig beleuchtet. Da ich es allerdings für besser hielt, die Tür hinter mir zu schließen (so würde ich nicht sofort von einer vorbeigehenden Person bemerkt) schaltete ich alsbald das Licht ein. Daraufhin wurde die Kammer recht gedämpft vom gelblichen Scheine zweier kleiner Lämpchen erhellt, von denen sich eines nahe der Tür, das andere über dem Schreibtisch in der Nähe des Fensters befand. Im Zimmer herrschte der typische, die Sinne benebelnde Geruch vor, welchen man oftmals in Räumen wahrnimmt, die schon seit langer Zeit nicht oder kaum mehr von einer Menschenseele betreten wurden. Nachdem ich mich einige Momente lang umgeschaut, setzte ich das Kätzchen ab und schloss hinter mir die Tür.
Der Raum war von ganz ähnlicher Größe wie mein eigenes Zimmer, auch die Einrichtung entsprach mit ihren dunklen Möbel ganz der, welche man in den meisten Räumen des Hauses vorfinden konnte. Ein Teleskop und ein großes Bücherregal waren mir ja bereits bei meinem früheren Blick ins Zimmer aufgefallen und nun auch die ersten Dinge, welche ich mir genauer besah. Das Teleskop war zu meinem Erstaunen durchaus das, was von als 'hochwissenschaftlich' hätte bezeichnen können. Ich selbst hätte mich trotz meines durchaus vorhandenen Interesses an der Astronomie wohl nicht im geringsten damit zurecht gefunden, glaubte aber, dass es für das Mädchen schon allein wegen ihres fast allumfassend gebildeten Vaters kein Problem sein würde.
Und gerade gedachte ich einen ersten Blick auf das Bücherregal zu werfen, als mir auf dem Schreibtisch ein dickes, mit einem Schlosse versehenes Buch ins Auge fiel. Ich schaute es mir genauer an: Der braune, leicht mitgenommen wirkende Lederumschlag war in der rechten, oberen Ecke ganz dezent mit der mehr oder weniger aussagekräftigen Aufschrift 'dem Monde' bedruckt. Und auf dem metallenen (und fest verriegelten) Verschlusse war in hübscher Schrift der Name 'Snow' eingraviert. 'Vielleicht ein Art Tagebuch?', ging es mir durch den Kopf. 'Aber warum hat sie es dann nicht mit sich genommen? - Vielleicht zu schwer? Zu unhandlich auf der Reise?' Da ich keine sichere Antwort fand, beachtete ich es vorerst nicht weiter und lies meine Augen nun über die Bücher im Regale schweifen. Die Zusammenstellung der Werke war recht abwechslungsreich, trotzdem aber auch sehr interessant anzusehen. Eine Ansammlung von Büchern aus russischer Feder konnte ich genauso erkennen wie einen großen Bereich, dessen Inhalt sich der Epoche der Romantik verschrieben hatte. Ein Interesse an Philosophie und einigen Wissenschaften war genauso gut erkennbar wie die Vorliebe am Unheimlichen und Obskuren. Und überhaupt erschien mir die Literatur für ein Mädchen ihres Alters nicht unbedingt gewöhnlich. Jedoch ungeachtet dessen... was war in Spencers Hause schon gewöhnlich? (Und sehr intelligent erschienen seine Töchter ohnehin.)
Als ich mich weiter im Zimmer umsah, fiel mir erneut auf, dass es sehr ordentlich aufgeräumt schien. Lediglich das große Bett, gleich mit mehreren Kissen und Decken versehen, war ungeordnet verlassen worden, so unordentlich und durcheinander sogar, dass ich die kurzzeitig verloren gegangene Virginity erst nach zahlreichen Sekunden auffand - vergraben unter einer der Decken, ihrem Frauchen so nah wie nur irgendwie möglich. Und seltsamerweise hatte auch ich schon in jenem Moment irgendwie das Gefühl, Fräulein Snow eventuell sehr zu mögen. Auch, oder gerade weil wir noch nie in echtem Kontakt zueinander gekommen. Und so setzte ich mich ebenfalls für einige Zeit auf das Bett, suchte sogar kurz nach ihrem Dufte an den Kissen - doch fand ich nicht auch nur eine Spur.
Noch ein Weilchen blieb ich sitzen und ich genoss die irgendwie bedrückende, nichtsdestotrotz aber verlockend wirkende Atmosphäre des Raumes. Doch ganz plötzlich schreckte ich hoch, als ich draußen auf dem Gang Schritte hörte, der Lautstärke nach offensichtlich die von Sir A.T. Spencer selbst. Leise lief ich zur Tür und lauschte. Er war anscheinend schon verschwunden, trotzdem aber beschloss ich, noch einige Zeit mit der Verlassen des Raumes zu warten. Nach zwei oder drei Minuten allerdings nahm ich das Kätzchen wieder auf den Arm (es schien sehr traurig, gehen zu müssen) und ich verließ die kleine Kammer.
Draußen angekommen setzte ich, noch bevor ich die Tür wieder schloss, Virginity auf den Boden ab. Genau in diesem Moment aber hörte ich hinter mir das Knarren der Türen zur Eingangshalle. Erschrocken fuhr ich hoch, versuchte aber, möglichst unschuldig dreinzublicken, als ich mich nach besagter Stelle hin umdrehte. Secret stand bei mir. "Oh, da bist du ja!", meinte sie freudig. "Ich habe dich schon überall gesucht..."
"Ja? Tut mir leid", antwortete ich lächelnd. "Nun hast du mich ja gefunden."
"Schon... Aber was überhaupt tust du hier?", meinte sie mit einem wirklich süßen, fragenden Blick im Gesicht. Ich allerdings geriet in Bedrängnis, glaubte, dass sie es hat noch sehen müssen, wie ich die die Tür hinter mir geschlossen hatte. "Nun...", begann ich in ganz allgemeinem, freundlichen Tonfall. "Eigentlich war ich auf dem Weg zu deinem Vater, da aber entdeckte ich Virginity, wie sie hier an der Tür scharrte. Und ich glaubte, dass sie vielleicht kurz in das Zimmer wollte..., naja, da habe ich es einen Moment geöffnet und sie kurzerhand hinein gelassen."
"Ach so..., verstehe.", antwortete das Mädchen mit einem Grinsen im Gesicht. "Das macht Virginity aber oftmals, sorge dich also nicht um darum", fügte sie noch hinzu. Ich war erleichtert und nickte beifällig, offenbar nahm mir Secret die Geschichte ab.
"Warum hast du eigentlich nach mir gesucht?", fragte ich daraufhin, in der Absicht, das Thema möglichst bald zu wechseln.
"Mein Vater hat sich gedacht, dass du uns vielleicht ein wenig Gesellschaft leisten willst. Aber da du ja sowieso schon auf den Weg zu uns warst...", antwortete sie und beendete den Satz mit einem breiten Lächeln.
"Gern doch", sagte ich. "Warst eigentlich du es, die so wundervoll am Klavier gespielt hat?"
Das Mädchen errötete leicht. "Ja, das war ich...", bestätigte sie ganz schüchtern.
"Wirklich schön", sagte ich noch einmal, da liefen wir bereits durch den Gang in Richtung Wohnzimmer.
Secret erwähnte unterdessen: "Vater ist übrigens kurz in den Keller gegangen, er wird bestimmt gleich zurück sein"
"In den Keller? Was sucht er denn so spät noch dort unten?"
Das Fräulein zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht. Er sagte nur, er wolle kurz irgendetwas überprüfen. Es hängt wohl mit dem Gewitter zusammen, allerdings kenne ich mich mit den Forschungen meines Vaters nicht genauer aus."
Ich verstand zwar nicht wirklich, beendete die Unterhaltung aber dennoch mit einem kurzen Nicken, waren wir doch dann auch schon an der Tür des Wohnzimmers angelangt.
Gemeinsam betraten wir den großen, mit seinen vielen verschiedenen Möbeln und kleinen Details jedoch überaus gemütlich wirkenden Raum, ob der Anwesenheit von Fräulein Shadow bereits gänzlich in einen verführerisches Glanz getaucht. "Guten Abend", grüßte ich Secrets jüngere Schwester. Sie lag lang ausgestreckt auf einer kleinen Couch am gegenüberliegenden Ende des Raumes; barfüßig, einen Arm zum Boden baumeln lassend und mit halbgeschlossenen Augen. Die hätten verschlafener aber auch betörender gar nicht schauen können. "Guten Abend", antwortete sie mir mit ihrer süßesten Stimme, die fast schon einem Flüstern glich. Und nur beschwerlich konnte ich meinen Blick wieder von dem Mädchen abwenden, als mir Secret anbot, dass ich mich doch bitte irgendwo hinsetzen solle.
"Gern", antwortete ich und nahm auf einem großen, schwarzen Ledersofa Platz, welches in der hinteren Ecke des Raumes, mit Blick auf einen ansehnlichem Kamin und dem einzigen Fenster des Zimmers eingerichtet war. Shadow konnte ich von dort zwar nicht sehen, sehr wohl aber Secret, welche sich sogleich wieder an das zwischen Kamin und Tür befindliche Klavier gesetzt hatte.
"Spielst du etwas?", fragte ich beiläufig.
Sie lächelte zu mir herüber. "Soll ich denn?"
"Sehr gern", antwortete ich. Da nickte sie und begann voller Leidenschaft ein sehr schnelles, mitreißendes Lied zu spielen. Es war einfach überwältigend, ganz fesselnd. Selten (oder vielleicht sogar niemals) zuvor hatte ich einem so wundervollen Klavierspiel lauschen können. Und gerade war ich ganz in Gedanken versunken, hatte meinen Nacken in die Sofalehne gestützt; da streckte ich auch schon wieder hoch, als Sir Spencer plötzlich das Zimmer betrat. Ich tat bereits meine Lippen zur Begrüßung auf, da signalisierte er mir mit einer kleinen Handbewegung, dass wir das Spiel von Secret doch bitte nicht unterbrechen sollten. Wir nickten uns zur Begrüßung also lediglich kurz zu, bevor sich Spencer auf den Sessel neben mich setzte. Er hatte eine Flasche Rotwein mit sich gebracht und flüsternd fragte er mich: "Mögen Sie, Christopher?" Ich nickte, woraufhin er noch einmal aufstand und zwei Gläser aus dem Schrank zu holen gedachte. Noch war er nicht wieder zurück, da hatte Secret ihr Stück schon beendet.
"Kaum zu glauben", sagte ich zu ihr. "Wo hast du nur so fantastisch Spielen gelernt?"
Sie sah zur mir herüber und grinste. "Von meinem Vater...?"
Der begann lauthals zu lachen. "Ach Secret... Du weißt doch genau, dass du schon lange sehr viel besser spielst als ich es vermag."
Sie lächelte breit. "Aber trotzdem warst du es, der es mir beigebracht hat."
"Meinetwegen...", murmelte Spencer und setzte sich wieder. "Das Talent dazu kommt dennoch von dir selbst." Sie zuckte nur mit den Schultern.
"Was war das überhaupt für ein Stück?", fragte ich das Mädchen. "Sturm", warf ihr Vater ein. "Ich schrieb es vor ein paar Jahren."
"Wie passend", meinte ich lächelnd und sah zum Fenster. "Ein schönes Lied..."
Spencer nickte bedächtig und goss Wein in unsere Gläser. "Worauf sollen wir trinken?", fragte er schmunzelnd. Ich schaute ratlos drein und langte nach meinem Glase; da aber begann ganz plötzlich das Sofa zu erbeben - Shadow lies sich völlig ohne Vorwarnung neben mir niederfallen.
"Hey!", rief Spencer.
"Trinkt doch auf mich", meinte das Mädchen grinsend und stellte ein Weinglas für sich selbst dazu. Ihr Vater sah sie böse an. "Es ist doch gar nichts passiert...", murmelte sie.
"Glücklicherweise... Christopher hätte beinahe sein Glas verschüttet."
Shadow verdrehte langsam die Augen. "Es ist doch noch genug für alle da...", sagte sie und langte mit fragendem Blick nach der Flasche.
"Ein Glas...", seufzte Spencer, die Hoffnungslosigkeit einer anderen Einstellung einsehend. Seine Tochter jedoch antwortete frech: "Hach, Papa... Wie gnädig von dir..."
Und dreißig Minuten später, da schlief sie tief und fest; angelehnt an meine Schulter... Ihr Vater lächelte. "Ich wusste, sie würde sogleich einschlafen..."
Da musste auch ich grinsen. "Aber süß sieht sie ja aus, wenn sie schläft...", meinte ich und sah dem Mädchen ins Gesicht. Ich konnte ihren heißen Atem an meinem Halse spüren, nicht aber die Wärme ihrer weichen Haut. 'Wie seltsam...', dachte ich soeben, da wurde ich von Spencer aus meinen Träumereien gerissen.
"Ist es Ihnen unangenehm, Christopher? Sie können meine Tochter ruhig aufwecken."
"Nein, nein", winkte ich ab. Wie auch sollte mir das unangenehm gewesen sein? Gefallen hat es mir! Und ich rührte mich ja nicht einmal um mein längst ausgetrunkenes Glas auf den Tisch abzustellen, ganz in der Angst, die schlafende Schönheit auf jene Weise zu wecken.
"Sir Spencer...", begann ich, um mich selbst auf andere Gedanken zu bringen, "darf ich vielleicht fragen, was Sie denn vorhin im Keller nachsehen mussten?"
"Vorhin...?", er sah mich fragend an. "Achso..., das meinen Sie. Ich habe lediglich kurz meine Computer überprüft, die Technik reagiert gelegentlich ein wenig empfindlich auf ein solches Gewitter wie heute."
"Computer?", fragte ich ganz erstaunt.
"Ja, ich besitze... - einige. Sie sind notwendig für meine Forschungen", antwortete er in recht gelangweiltem Ton.
"Aber doch sicherlich auch unglaublich teuer?", erwähnte ich.
"Durchaus...", sagte er und lehnte sich zurück. "Doch ein Kollege und Freund, sein Name ist Professor Doktor Braun - übrigens an ihrer ehemaligen Universität beschäftigt; konnte mir die Geräte zu einem überaus günstigen Preis beschaffen."
Ich nickte. "Wozu nutzen Sie die Computer denn genau?"
"Vor allem zur Überprüfung, zur Überwachung meiner Experimente", antwortete er in sehr ernstem Tonfall. Ich fragte mich wirklich, welche Art von Forschungen das wohl sein könnten, traute mich jedoch nicht ihn darauf anzusprechen. Und dennoch, oder gerade deshalb, schien er mich problemlos zu durchschauen. "Sie wollen wissen, woran ich gerade arbeite?", fragte er mich.
"Nun ja...", meinte ich ganz verlegen.
"Es interessiert mich wirklich sehr..."
Sir A.T. Spencer grinste breit. "Christopher...", begann er ganz vorsichtig. Wie soll ich es beschreiben...? - Ich spürte etwas großes auf mich zukommen.
"Nun...", begann er noch einmal. "Es brennt mir auf der Zunge, sofort alles zu erzählen, die Welt so schnell wie möglich in Kenntnis zu setzen... Aber...", er zögerte lang und senkte seinen Blick. "Noch ist der Mensch nicht reif dafür..."
"Warum denn?", fragte ich.
"Warum?", wiederholte Spencer. "Das gehört zu den ganz wenigen Fragen, auf die ich keine Antwort weiß, auf die ich allerdings sehr gern eine finden möchte. Aber es ist nicht schlimm", erzählte er und schüttelte den Kopf. "Die Zeit drängt nicht im Geringsten."
Und daraufhin lächelte er, auf eine Art und Weise, die mir keineswegs gefiel; ja, eine Art, die mich sogar regelrecht erschreckte. Doch noch sollte es lange dauern, bis es mir erlaubt sein würde hinter den Schleier zu sehen; noch war ich blind.
Es dauerte nicht lang, da wurde auch Shadows ältere Schwester müde. Bald begab sich das Mädchen in ihr Zimmer, auch ich selbst verließ ihren Vater wenig später.
Zu jenem Zeitpunkt da ich mein Zimmer betrat, hatte sich das Gewitter bereits verzogen und ich, selbst auch ein wenig schläfrig, wollte mich alsbald ins Bett begeben. Jedoch sollte dieses Vorhaben recht schnell wieder vergessen sein, als ich ganz überraschend einen schlichten, völlig unbeschrifteten Briefumschlag hinter meiner Zimmertür entdeckte. Instinktiv blickte ich mich eine Weile um, doch war sonst nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Ich vermutete deshalb, dass der Umschlag wohl unter dem Türschlitz hindurch geschoben wurde, eine Tat, für die eigentlich nur eine Person in Frage kam. Und meine Vermutung bestätigte sich, als ich den Umschlag öffnete und mit pochendem Herzen das darin befindliche Papier auseinander faltete. 'Silence' stand ganz unten. Ich las den kurzen Brief, nicht einmal gegrüßt wurde ich, bereits im Stehen.
'Könntest du vielleicht für einen kleinen Moment in mein
Zimmer kommen? Ich möchte mich sehr gern für eine Weile
mit dir unterhalten; natürlich nur, wenn du es ebenfalls willst
und tatsächlich Lust dazu verspürst.
Hast du anderes zu tun, dann widme dich bitte jenen Dingen,
ich möchte dich mit nichts belasten. Wenn dem nicht so ist,
dann kannst du gegen elf Uhr sehr gern vor meiner Türe stehen.
Silence'
Ein sehr seltsames Gefühl beschlich meinen Geist noch während des Lesens. Es schien so, als ob... Lassen Sie mich erklären: Gelegentlich, ich weiß nicht, ob es Ihnen schon einmal widerfahren ist, da scheinen Gefühle so groß zu sein, dass es gar nicht mehr möglich ist, diese überhaupt noch auf eine gefühlvolle Art und Weise auszudrücken. Und dann kann man gar nichts anderes mehr tun, als sie auf eine geradezu erschreckend kühle Art zu äußern. Und genau dieser Gedanke war es, der sich nach dem Lesen des Briefes in meinen Kopf festgesetzt hatte. Ich spürte, dass irgendeine Sache nicht stimmte und wollte zugleich zu ihr, zu Silence. Doch noch sollte ich eine qualvolle Stunde warten müssen, wieder und wieder las ich des Mädchens Worte und wurde dennoch nicht schlau daraus. Ganz rationell betrachtet war ja gar nichts Seltsames an dem Brief, ein Schriftstück, kaum verschieden von vielen anderen auch. Doch irgendetwas in dessen Art erschreckte mich und brachte meinen Kopf ins Grübeln, ein genauso aussichtsloses, wie endloses Grübeln - noch fehlten zu viele Teile des Puzzles.
Da ich nicht mehr warten mochte, begab ich mich letzten Endes schon etwa zehn Minuten früher als gebeten zu dem Zimmer des Mädchens, blieb aber noch ein paar Momente lang stumm vor der Türe stehen. Kein einziger Laut drang aus dem Raume und ich fragte mich, ob Silence denn überhaupt darin sei - doch wie auch immer; alles Grübeln brachte nichts, ich klopfte leise an die Tür.
"Es ist offen...", erklang sogleich die Antwort. So ging ich hinein und augenblicklich sah ich Silence, die genau in der Mitte des Raumes stand. Mit sehnsüchtigen Augen sah sie in die meinen. Ich blickte zurück und sie tat was sie selten tat, sie lächelte, zwar nur ein wenig, aber dennoch, sie lächelte! Es gab nicht viele Dinge, die ich lieber sah...
Dann aber begann sie zu sprechen und ihr Tonfall klang ganz so, als könne sie es gar nicht wirklich glauben: "Du bist tatsächlich gekommen...", sagte sie mit einem fragenden Ausdruck im bildhübschen Antlitz.
"Natürlich", meinte ich grinsend. "Warum denn auch nicht?" Das Mädchen zuckte mit den Schultern und wandte plötzlich seinen Blick von mir ab. "Was ist denn?", fragte ich freundlich. "Worüber hast du denn mit mir reden wollen?"
Ganz fest presste sie ihre Lippen aufeinander, wenig später schloss sie zudem die Augen. Ich wusste, dass ich ihr Zeit lassen musste. "Ich... ich...", sagte sie und begann immer wieder von neuem. "Was hast du denn?", fragte ich vorsichtig und allmählich um sie besorgt. Sie antwortete nichts. "Ganz ruhig, setz' dich doch erst einmal hin", riet ich ihr und drängte sie sanft, doch bitte auf dem Bette Platz nehmen. Ich setzte mich daneben und legte einen Arm um ihren zarten Körper.
So saßen wir wohl einige Minuten dort und taten scheinbar gar nichts. Doch spürte ich wie sie nachdachte, über Dinge, die ich einfach nicht zu erraten vermochte. Und irgendwann, da schloss das Mädchen wieder die Augen und atmete ganz tief ein. Ich wartete ab und tatsächlich begann sie zu sprechen.
"Bitte hilf mir...", waren die ersten und vorrübergehend einzigen Worte, die ihre süßen Lippen formten. Ich aber wusste nicht im Geringsten wovon das Mädchen sprach. "Wobei denn?", fragte ich.
Silence zuckte merklich zusammen, ihrem Gesicht sah ich an, dass sie nachdenken musste. Wieder lies ich ihr sehr viel Zeit, als sie dann jedoch begann zu zittern, da hielt ich das Mädchen ein wenig fester. Nach einigen Minuten, Minuten die für mich waren wie Stunden, gab sie mir endlich Antwort auf die Frage. "Wenn ich das wüsste...", begann sie. "Wenn ich das wüsste, dann bräuchte ich keine Hilfe mehr."
Daraufhin brach Silence in Tränen aus.
Ich drückte das Mädchen ganz fest an meine Seite. "Was ist denn?", fragte ich behutsam. Doch sie antwortete nichts, sondern klammerte sich nur so dicht sie konnte an mich. So saßen wir dort, stundenlang. Wir rührten uns nicht. Sie hielt sich fest, ich hielt sie fest, sonst gar nichts. Und dennoch wurde ich dessen nicht müde, auch dann nicht, als ihr Weinen erst einem Schluchzen und etwas später einem leisen Wimmern wich. Und irgendwann, da verstarb auch dieses.
Selbst dann dachte ich ans Loslassen nicht, auch, weil sich das Mädchen jetzt fast noch fester an mich kuschelte. Jedoch fand ich nun die Ruhe, mich überhaupt erst einmal in dem Raume umzuschauen. Dieser hatte es irgendwie geschafft meinen Blicken bis dahin immer wieder zu entfleuchen - kein Ding, wie ich bald merkte, war die Einrichtung doch kahl und von einer solchen Banalität, dass es im Geiste fast schon weh tat. Die Wände, der Tisch, die Regale - alles bis auf wenige Dinge leer und ohne eine Sache die meine Augen auf sich lenkte. Ich dachte noch nach, warum dies Mädchen ihr Zimmer denn so furchtbar kalt und leblos lies, da wurde ich auch schon aus meinen Gedanken gerissen, aus meinen Gedanken geflüstert, sozusagen. "Danke...", erklang es aus dem Munde von Silence.
Ein paar Sekunden verstrichen. "Wofür?", fragte ich.
Sie aber gab keine Antwort, nach einer Weile sagte sie lediglich ein weiteres mal: "Danke."
Ich war verwirrt. "Sag mir... Sag mir doch bitte wofür? Sag mir doch bitte, wie kann ich dir helfen?"
Sie sah mich mit großen, braunen Augen an. "Wie du mir helfen kannst?", begann sie auf einmal mit kräftigerer Stimme. "Das fragst du noch?"
Ungläubig blickte ich in des Mädchens Antlitz.
"Vom ersten Moment an", fuhr sie fort, "Vom ersten Moment an, den ich dich sah, seitdem warst du mir die größte Hilfe, die ich je hatte. Ich danke dir."
Das waren ihre Worte, doch fand ich darin noch immer keinen Sinn. "Ich verstehe nicht...", sagte ich und sah in ihre scheuen Augen. Sie senkte ihren Blick.
"Du wirst...", flüsterte das Mädchen und rückte ein kleines Stückchen weg von mir. "Bitte geh nun...", meinte sie. Ich ging.
Gerade war ich an der Treppe angelangt, da stockte ich für einen Moment. Noch einmal lief ich zurück zum Zimmer des Mädchens, lauschte an der Tür und ich hörte erneut ein leises Wimmern. "Ich bin für dich da!", rief ich durch die verschlossene Tür und wartete ab. Das Wimmern verstarb und für einen Moment glaubte ich wirklich beruhigt zurück auf mein Zimmer gehen zu können. Ich tat dies sofort und gleich darauf, da legte ich mich hin um zu schlafen. Mit jeder Sekunde aber, mit jeder verstrichenen Minute, kamen mir aufwühlendere Gedanken. Und zwei Stunden waren vergangen, da stand ich wieder auf. Draußen wurde gerade Tag und das aufkommende Licht am Horizonte erhellte nicht nur die Welt ringsum, sondern auch meine finstren Gedanken. Aufgestützt auf die Fensterbank schloss ich langsam und beruhigt meine Augen...
Plötzlich klopfte jemand an die Tür. Ich wartete ab, hörte das Klopfen wenig später erneut. "Wer da?", fragte ich. Es erklang keine Antwort. Bald aber klopfte es erneut, ein weniger schneller, ein wenig lauter dieses mal. Ich öffnete und sofort stürzte Silence sich auf mich. So fest umarmte mich das Mädchen, dass ich vorsichtig sein musste um nicht hinzufallen. Ihren Kopf drückte sie dicht an meine Brust. "Vielen Dank...", flüsterte sie ein weiteres mal. Dann sah sie mir genau ins Gesicht - das ihre war überströmt von Tränen. Doch dieses mal, da waren es keine Tränen der Trauer, nein, denn sie lächelte, lächelte über das ganze Gesicht, so sehr, wie ich noch nie zuvor einen Menschen lächeln sah. Und ganz laut, voller Freude sagte sie: "Ich danke dir!"
Dann riss sie sich los und rannte weg, so schnell wie sie konnte. Ich stand dort, überrascht, allein, doch unglaublich glücklich.
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