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... Secret, Shadow, Snow und Silence Des Niederganges erster Teil - Abschnitt 04
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Viel Spaß beim und danke fürs Lesen!
Kommentare? - Secret, Shadow, Snow und Silence im Forum
Ich läutete. Und dann dauerte es auch gar nicht lang, da konnte ich Sir Spencer schon am anderen Ende des Weges erblicken. "Guten Morgen!", grüßte ich ihn, als er auf einige, wenige Meter an mich herangetreten war.
"Guten Morgen Christopher, ich habe sie bereits erwartet!" Wenig später fügte er noch hinzu: "Sagen Sie, ich darf doch Christopher zu Ihnen sagen, oder?"
Ich antwortete mit einem Kopfnicken. "Nur zu!"
"Sehr schön. Würden Sie mir nun bitte folgen? Ich möchte Ihnen gern das Gebäude zeigen", sagte Spencer und selbstverständlich tat ich, was er gesagt. Er führte mich nun wieder durch den kleinen Vorraum hindurch, hinein in die prachtvolle Eingangshalle.
"Stellen sie Ihr Gepäck doch bitte hier ab. Wir werden es später auf Ihr Zimmer bringen."
"Wie Sie wünschen", sagte ich und setzte meine beiden Taschen auf den Boden. Spencer führte mich nun zuerst durch das gesamte Erdgeschoss. Hier gab es, wie Sie ja schon wissen, zum einen die Gemäldegalerie, zum anderen den Wintergarten mit der sich anschließenden Terrasse. Außerdem befanden sich hier noch ein Arbeitszimmer und im Ostflügel des Gebäudes die Küche, ein kleiner Vorratsraum und ein prunkvolles Esszimmer, ähnlich eingerichtet wie das Foyer.
Um in den ersten Stock des Gebäudes zu gelangen, standen einem zweierlei Wege offen. Zum einen die große, reich verzierte Treppe in der Eingangshalle, zum anderen ein schmaler, einfacher Aufstieg im Westflügel des Gebäudes, nahe dem Wintergarten. Dieser war es auch, welchen Spencer nun zu nutzen gedachte, um nach oben zu gelangen. Dort befand sich im Westflügel, direkt über der Galerie, eine große, umfangreiche Bibliothek, zu deren Benutzung mir Sir Spencer auch ausdrücklich riet. Im Ostflügel befand sich sowohl das Wohnzimmer, als auch das Zimmer von Sir A.T. Spencer selbst. Am meisten Erwähnung von allen Räumen in diesem Stockwerk, verdienen aber die Gemächer, welche nach Süden hin ausgerichtet waren. Da war zum einen das Badezimmer, dieses aber meine ich nicht, zum anderen die Zimmer von Secret, Shadow, Snow und Silence. Von West nach Ost befanden sie sich in der eben genannten Reihenfolge und da seine Töchter wahrscheinlich allesamt noch schlafen würden (mit Ausnahme von Snow natürlich), hatte mich Sir Spencer auch gleich nach unserer Ankunft in diesem Stockwerk gebeten, mich möglichst ruhig zu verhalten. Kurz bevor wir uns auf den Weg nach weiter oben, in die nächste Etage machen wollten, fragte ich ihn noch, was mich eigentlich schon sehr lange interessierte: "Wird Ihre Tochter, also Snow, denn bald wieder von ihrer Reise zurückkommen?"
Spencer überlegte einen Augenblick. "Nun ja, ein paar Monate wird es wahrscheinlich noch dauern. Im November, da erwarte ich sie aber endlich zurück."
"Ach, so spät erst? Wohin ist sie denn überhaupt verreist?"
"Nach Frankreich. Amiens und Paris um genau zu sein."
"Aha..., ein weiter Weg! Interessant", meinte ich kopfnickend und war ein wenig betrübt darüber, sie so schnell wohl nicht zu Gesicht zu bekommen. Gerade aber kamen wir wieder an dem Zimmer von ihr vorbei und da ging Spencer kurz zur Tür hin, öffnete sie und gestattete mir einen kurzen, flüchtigen Blick ins Innere.
"Ja, also wenn sie einmal schauen möchten... Dies ist Snows Zimmer", sagte er.
Ich nickte. Da die Vorhänge zugezogen waren, lag der saubere, ordentlich aufgeräumte Raum in einem düsteren Halbdunkel und es war mir nicht bestimmt, sonderlich viel zu erkennen, bis Spencer die Tür auch schon wieder schloss. Das einzige, was mir wirklich ins Auge gefallen war, war ein Teleskop, welches sich nahe am Fenster befand, und ein großes Regal, bis oben hin mit einer stattlichen Anzahl von Büchern gefüllt.
Wir machten uns danach auf den Weg in das zweite Stockwerk, nutzten diesmal allerdings die Treppe in der Eingangshalle. Der Raum war aufgrund der riesigen Fensterfront schon ganz vom Licht durchflutet. Da das Haus eigentlich gar nicht genau nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet war, die Halle somit nicht wirklich nach Norden, sondern vielmehr nach Nordnordost, konnte man die emporsteigende Sonne gerade noch so am Rand des Blickfeldes erkennen. Auch konnte man von hier aus bis zum weit entfernten Eingangstor schauen, da sich entlang des Weges vor dem Haus keine größeren Bäume befanden.
"Die Aussicht hier ist wirklich sehr schön", erwähnte ich.
"Ja", antwortete Spencer und trat zum Fenster vor. "Gerade geht die Sonne auf", sprach er und blieb noch minutenlang mit wachen, interessiert schauenden Augen dort stehen. Ich wurde schon beinahe unruhig, da begann er auf einmal: "Ist es nicht seltsam, Christopher?"
"Wovon sprechen Sie?"
"Vom Morgen... - Der Morgen, er scheint so kalt, obwohl er es doch ist, der Verantwortung trägt für den Sonnenaufgang, für die Wärme des Tages. - Der Sonnenuntergang allerdings, eigentlich ein Vorbote der kalten Nacht, er wirkt so warm", sagte er und klang dabei direkt so, als würde er eine Art Vorwurf formulieren.
Ich dachte einige Augenblicke nach. Allerdings fiel mir nichts ein, was ich darauf hätte antworten sollen, wusste ich doch nicht einmal, warum Sir Spencer mit das überhaupt erzählte. So stimmte ich seinen Ausführungen lediglich mit einem stummen Nicken zu. Sein Gesicht blieb daraufhin ausdruckslos, er schien aber sehr konzentriert nachzudenken. "Nur ein Gedanke!", meinte er dann mit lauter Stimme und wandte sich vom Fenster ab. Wir gingen nun die Treppe hinauf, weiter nach oben. Gerade auf halber Höhe angelangt, fiel mir wieder dieses überaus bizarre, rötlich-schwarze Buntglasfenster auf, welches in meinem Bericht bereits einmal Erwähnung fand. Spencer bemerkte sogleich meinen Blick. "Beeidruckend, nicht wahr?", sagte er mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen. Ich, merkwürdig eingeschüchtert vom Anblick des Fensters, antwortete nichts darauf, Spencer aber fügte schon wenige Momente später hinzu: "Umso bedauerlicher ist es, dass die begnadete Person, die dieses Kunstwerk entwarf, mir vollkommen unbekannt ist."
Erneut nickte ich nur und signalisierte mit ein oder zwei Schritten nach vorn, dass mein Interesse daran nicht besonders groß war und ich nun gern weitergehen wollte. Zwar stimmte das so nicht ganz, aber ich wollte dieses Fenster einfach nicht länger betrachten müssen!
Als wir dann oben angelangt waren, folgte nach der Eingangshalle wieder ein langer, dunkler Gang, ähnlich dem im ersten Stockwerk. Spencer führte mich zuerst nach links, wo sich zwei Zimmer befanden, welche für die Angestellten wie mich gedacht waren. Für mein Person hatte er das äußerste Zimmer an der Ostseite des Gebäudes ausgewählt.
"Ich hoffe es gefällt Ihnen", sagte er zu mir.
"Ja, sehr sogar!", antwortete ich. Der Raum war recht groß, ungefähr doppelt so groß, wie mein Zimmer bei Maximilian, und bereits mit allen Dingen eingerichtet, welche ich benötigen würde. Es gab zwei Fenster, eines wies nach Osten und ein weiteres, ein kleines Dachfenster, nach Norden hin. Die Einrichtung des Zimmers bestand, wie ohnehin die meisten Möbel im Haus, aus dunklem Holz, mit welchem auch die Wände bis in etwa einen Meter Höhe verkleidet waren.
"Sie können dann Ihr Gepäck hochbringen und alles so einrichten, wie es Ihren Vorstellungen entsprich", betonte Spencer noch ein weiteres Mal.
"Selbstverständlich!", antwortete ich und bald darauf zeigte er mir noch kurz die restlichen Räume. Es gab hier noch ein zweites Badezimmer, sowie zwei Zimmer, welche momentan lediglich als Abstellkammern dienten. Im Westflügel befand sich zu guter Letzt noch der Aufgang zum riesigen, aber momentan fast leeren Dachboden und zwei weitere Gemächer, sehr ähnlich den Zimmern für die Angestellten.
"Dies sind nun noch unsere beiden Gästezimmer", sprach Spencer.
Ich nickte.
"Und bald schon, das heißt, in nicht ganz vier Wochen, da werde ich auch bereits die Ehre haben, einen sehr wichtigen Gast in meinem Haus begrüßen zu können."
Ich hatte natürlich keine Ahnung, wen er meinte, und sah Spencer fragend an.
"Frau Magdalena Adolfson wird mich besuchen", antwortete er. "Ist Ihnen dieser Name ein Begriff, Christopher?"
"Die Schriftstellerin?", fragte ich.
Spencer nickte und schien sehr stolz ob der Tatsache, dass er meine Vermutung bestätigen konnte. "Ganz richtig", sagte er.
Selbstverständlich kannte ich die Frau, von welcher er sprach. Schließlich hatte es Magdalena Adolfson mit ihren Büchern zu ganz ähnlichem Ruhme gebracht, wie auch Sir Spencer selbst. Aber dennoch erstaunte es mich ein wenig, dass er mit einer Person wie ihr überhaupt so gut bekannt war, sind sie und er doch zwei Charaktere, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Für mich selbst hatte Magdalena Adolfson, welche im Jahre neunzehnhundertneunundachtzig in Deutschland geboren wurde und somit deutlich älter war als Sir A.T. Spencer, bis zu diesem Zeitpunkt übrigens keine große Bedeutung gehabt. Zwar kannte ich durchaus einige Werke von ihr, mit Ausnahme ihrer Gedichte hatte mich aber keines davon in größerem Maße begeistern können - ganz im Gegensatz zu denen, die ich von Abraham Thomas Spencer gelesen hatte. Weitere Informationen über Frau Adolfson werde ich Ihnen, sehr verehrte Leserinnen und Leser, im Verlaufe meines Berichtes zukommen lassen, sofern die Situation es denn erfordern sollte, noch einige Details über ihre Vergangenheit und ihr Schaffen zu erwähnen.
Spencer ging unterdessen an mir vorbei, bis in die Mitte des Raumes hin. Während er dann auf die zweckmäßige, recht spartanische Möblierung rings um sich deutete, sagte er, plötzlich mit einer ungewohnten Strenge im Tonfall: "Ich möchte, dass Sie das Zimmer für Frau Adolfson vorbereiten, Christopher. Sie können sich Zeit lassen, in zwei Wochen allerdings, sollten sie fertig sein!"
"Natürlich!", antwortete ich. "Das wird kein Problem sein!"
Spencer nickte erfreut. "Um die letzten Details werde ich mich aber ohnehin selbst kümmern!", fügte er dann noch hinzu. "Das heißt nicht, dass ich ihre Fähigkeiten gering schätze, aber..." Spencer stockte kurz. "Aber es gibt gewisse Gründe dafür!"
"Der Besuch scheint Ihnen wichtig zu sein?", sagte ich.
"Sehr wichtig!", betonte Spencer. "Alles muss perfekt sein!", sprach er und ich sollte schon bald erfahren, dass er dies auch wirklich ernst gemeint hatte...
Wir verließen daraufhin das Zimmer und gingen über die kleinere Treppe wieder hinunter in das Erdgeschoss. Dort blieb Spencer noch einmal kurz stehen und deutete auf den Abstieg, welcher in den Keller hinabführte.
"Zwar ist diese Tür dort in der Regel ohnehin verschlossen, dennoch möchte ich ausdrücklich betonen, dass das Kellergewölbe der einzige Ort in diesem Gebäude ist, für den sie nicht zuständig sind, Christopher! Es ist nicht so, dass ich Ihnen nicht mein vollstes Vertrauen entgegenbringen würde; der Grund ist vielmehr der, dass die unwissende Persönlichkeit sehr schnell sehr großen Schaden anrichten könnte und zwar ohne es überhaupt zu wollen. Wie Sie vielleicht wissen, beschäftige ich mich auch in sehr großem Maße mit den Naturwissenschaften und führe des öfteren ein paar Versuche durch, vor allem auch viele Langzeitexperimente. Sehr schnell könnte die Arbeit von Jahren vernichtet sein!"
"Ich verstehe!", gab ich zur Antwort. "Und ich versichere Ihnen, dass Sie sich keinerlei Sorgen werden machen müssen. So Sie es denn wünschen, werde ich nie auch nur einen Fuß dort hinunter setzen!"
Spencer lächelte gnädig. "Sehr schön! Somit wären nun von meiner Seite alle Dinge geklärt, sollten Sie noch Fragen haben, Christopher, stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung."
"Danke, momentan allerdings nicht", meinte ich. "Wenn Sie erlauben, werde ich nun mein Gepäck noch oben bringen!"
"Nur zu!", sagte er und verließ alsbald darauf das Gebäude, indem er den Ausgang benutzte, der vom Wintergarten zur Terrasse hinaus führte. Sehr schnell verlor ich Spencer aus den Augen und begann nun, mich meinen eigenen Dingen zu widmen.
Einige Minuten später hatte ich meine wenigen Gepäckstücke schon nach oben gebracht und machte mich sogleich auf, sämtliche Dinge auszupacken. Da der Platz auf dem kleinen Ecktisch dafür aber ein wenig zu knapp bemessen war, tat ich besser daran, es mir mit meinem alten, großen Lederrucksack unten auf dem Boden bequem zu machen und meine Sachen dort auszuräumen. Wirklich lang sollte dies zwar nicht dauern, nach einiger Zeit aber, ich war schon beinahe fertig, vernahm ich plötzlich ein ganz leises Knarren an der Tür. So wendete ich (noch immer auf dem Boden sitzend) meinen Blick sofort hinter mich und erkannte da zwei zarte, sonnengebräunte Beine, wie auch die dazugehörigen, nackten Füßchen. Entzückt wie auch erschrocken zugleich, blickte ich im Grunde genommen sehr schnell auf, aber trotzdem erinnere ich mich bis zum heutigen Tage an jedes noch so kleine Detail der Gestalt die vor mir stand, der Gestalt des jungen Fräuleins Shadow. Als nächstes sah ich da, etwa in Kniehöhe, den Spitzenrand des leichten, rötlich-bunt geblümten und von einem Hauch von Transparenz durchwehten Nachthemdes, einige Zentimeter höher ihre schmalen Hüften und die nochmals sehr viel schlankere Taille. An ihrem süßen, wohlgeformten Busen blickten meine Augen daraufhin nur ganz flüchtig vorbei, erspähte ich doch beinah im gleichen Moment ihr ganz verzaubert wirkendes Gesicht. Eingerahmt von dem rötlich schimmernden, leicht gelockten Haar, blickten mich zwei märchenhafte Äuglein an. Um deren Seltsamkeit war ich mir zwar bereits bewusst, da aber an jenem Tag, an welchem ich Spencer zum ersten Male besucht hatte, Shadows linke Gesichtshälfte ganz von ihrem langen Haar verdeckt war, sah ich erst jetzt, dass die Farbe des zweiten, im wahrsten Sinne des Wortes ungeschliffenen, Diamanten in ihrem Gesicht eine ganz andere war, als die des rechten Auges; nämlich kein so kräftiges Grün, viel eher eine Art Rotbraun. Und sicherlich muss ich gar nicht mehr erwähnen, dass ihr Antlitz deshalb einen nur nochmals sehr viel geheimnisvolleren Blick besaß - eine ganz natürliche, verlockende Asymmetrie, mit einer Wirkung, die ihresgleichen suchen sollte.
Doch ohnehin wirkte Shadow so ganz und gar nicht 'unschuldig', wie sie da, gekitzelt von den zarten Strahlen der Morgensonne und mit einem Arm an den Türrahmen angelehnt, vor mir stand; zu verführerisch war ihr süßes Lächeln, zu hinterlistig schienen ihre spitzigen, raubkatzenhaften Eckzähnchen und viel zu viel Leidenschaft klang durch, als sie mich begrüßte: "Guten Morgen!"
"Guten Morgen!", gab auch ich freundlich zur Antwort und stand sogleich vom Boden auf. "Sie sind also auch schon wach, Fräulein Shadow?", bemerkte ich.
"Ja, seit einigen Minuten erst... Du bist beschäftigt, oder?", erkundigte sich das Mädchen und lies ihren Blick über die Sachen schweifen, die unten auf dem Boden verteilt lagen.
"Nun ja, gerade räume ich mein Gepäck aus", antwortete ich ein wenig verlegen, war aber dennoch regelrecht erstaunt, wie verhältnismäßig ruhig und gefasst ich mittlerweile bleiben konnte, auch in der Gegenwart von einer von Spencers Töchtern.
"Hm..., wie dem auch sei", sagte Shadow daraufhin und biss sich auf die Unterlippe. "Dann werde ich wohl besser wieder gehen", meinte sie und einen winzigen Moment später, da war sie auch schon wieder draußen im Gang verschwunden.
Ich ließ fallen, was ich zufällig in Händen gehalten (womöglich ein Buch oder etwas in der Art) und lief dem Mädchen möglichst bald hinterher. Als ich nach draußen kam, entschwand sie bereits durch die Tür, welche in die Eingangshalle führte. Weiter folgte ich ihr und trat ebenfalls hinaus.
"So warte doch einen Moment!", rief ich Shadow nach, welche schon in halber Höhe auf der Treppe stand. Ich trat nach vorn und bückte mich über die Brüstung hinweg.
"Was ist denn?", fragte sie und schaute lächelnd zu mir auf. Und da merkte ich erst, dass ich eigentlich selbst nicht so recht wusste, welchen Grund ich ihr denn nennen sollte, noch bei mir zu bleiben.
"Das wollte ich dich auch soeben fragen!", antwortete ich dann. "Du kamst doch sicherlich nicht ohne Grund in mein Zimmer, oder? Ich hatte nicht vor, dich wegzuschicken!"
"Ich weiß!", rief das Mädchen nur und lachte, währenddessen sie erstaunlich gekonnt rückwärts weiter die Treppe hinab schritt.
"Und?", fragte ich.
"Nein, es war nicht wirklich etwas, eigentlich wollte ich dich nur begrüßen!", antwortete sie, "Bis später!" Und sogleich entschwand das Fräulein mir aus den Augen.
Einen Großteil des restlichen Tages verbrachte ich dann damit, mich ausgiebig in Haus und Garten umzusehen, wobei mir Secret hilfreich zu Seite stand. Bisher war es (neben Sir A.T. Spencer selbst) ganz offensichtlich sie, die sich um den Haushalt der Familie kümmerte und zudem ein großes Maß an Spaß und Freude dabei zu verspüren schien. Detailliert erklärte mir das Mädchen alle Gegebenheiten und versorgte mich mit vielerlei Hinweisen, meine zukünftigen Aufgaben betreffend. Wir ließen uns viel Zeit, hatte doch anscheinend weder sie etwas wichtigeres zu tun, noch hatte ihr Vater, der eine langsame Eingewöhnung offenbar auch guthieß, mir eine Arbeit aufgetragen.
Gegen Abend dann bereitete Sir Spencer erneut einen Tisch auf der Terrasse vor, auf welchem er zu essen gedachte. Silence (mit der ich übrigens den ganzen Tag über noch keinen großen Umgang hatte pflegen können, vor allem zu der Zeit, während der ich mit Secret zusammen war) half ihm dabei - wo sich allerdings Shadow in den zahlreichen Stunden nach unserer morgendlichen Begegnung aufhielt, war mir nicht bekannt. Offenbar war sie aber die ganze Zeit über draußen, irgendwo auf dem weitläufigen Grundstück gewesen und kehrte erst zurück, als das Abendessen beginnen sollte.
Ich selbst befand mich unterdessen zusammen mit Secret in der großen, gut ausgestatteten, aber wie ich bald feststellen musste, leider unglaublich lichtarmen, Küche; damit beschäftigt, das Abendessen vorzubereiten. Das Mädchen stand gerade an einem Tisch nahe dem vom Abendsonnenlicht erhellten Fenster und zerkleinerte verschiedene Arten von Kräutern, welche sie erst wenige Minuten zuvor aus dem hauseigenen Garten mitgebracht hatte, als sie auf einmal zu mir sagte: "Es macht wirklich sehr viel Spaß, Herr Mann, wenn Sie mir in der Küche helfen!"
"So? Das freut mich aber", antwortete ich gelassen und ihrerseits folgte ein bedächtiges Nicken und ein kleines, ganz süßes Lächeln - Inbegriff der Unschuld.
"Ich bin fertig", meinte sie schon einige, wenige Minuten später. Daraufhin brachten wir die Speisen nach draußen und, wie schon am Tage meines ersten Aufeinandertreffens mit A.T. Spencer, blieb die Familie und auch ich, schon damals fühlte ich mich fast wie ein Familienmitglied, noch lange Zeit im Garten, so lang, bis sich bereits die Nacht über dem Anwesen zur Ruhe gelegt. Und an den übrigen Tagen des Sommers gelegentlich sogar so lang, dass selbst das Zirpen der Grillen schon wieder längst verstummt war, als wir in das Haus zurückkehrten und wir uns dann auch oftmals gleich zu Bett begaben.
Immer dann, wenn sich der Tag allmählich seinem Ende hinneigte, da ging Spencer kurz zurück ins Haus, genauer in sein Arbeitszimmer, um ein dünnes, jedoch großformatiges Büchlein zu holen, in welches er einige, anscheinend äußerst wichtige Dinge zu schreiben schien. Diese Tätigkeit war ganz offensichtlich auch schon alles, was er für seine Beschäftigung als Schriftsteller, beziehungsweise als Wissenschaftler zu tun gedachte und auch in den mehr oder weniger mysteriösen Keller, zu welchem er mir den Zutritt versagte hatte, begab er sich den ganzen Sommer über nicht öfter denn hin und wieder für ein paar Minuten. Allerdings machte sich Sir Abraham Thomas Spencer auch während des Tages fortlaufend einige Notizen in ein kleines, ledergefasstes Heftchen, welches er immer bei sich trug und aus welchem er dann abends abzuschreiben oder es zumindest als Denkhilfe zu benutzen schien. Wovon er aber schrieb, sollte mir lange, viel zu lange, Zeit unbekannt bleiben. Geschickt, aber wie selbstverständlich, hielt er das Buch zu jeder Zeit so, dass niemand auch nur einen Blick hineinwerfen hätte können, welcher nicht aufgefallen wäre und seine Töchter zeigten ganz offenbar ohnehin nicht das geringste Interesse an seiner augenblicklichen Arbeit. Und somit blieben auch mir vorerst Informationen verborgen, deren Wert ich damals noch nicht einmal annähernd hatte schätzen können.
Ausnahmslos an jedem Sonntag, also auch am darauffolgenden Tage, begab sich Sir Spencer mit seinen Töchtern zum Gottesdienst. Bis zu jenem Zeitpunkt konnte ich dies von mir selbst zwar noch nicht behaupten, passte mich aber schnell seiner Gewohnheit an und begleitete ihn nahezu ein jedes Mal. Kurz nach dem Frühstück wollten wir auch schon aufbrechen und standen gerade fertig angezogen in der Eingangshalle, da fiel mir auf, dass Spencers zweitjüngste Tochter Shadow fehlte. Sogleich bemerkte er meinen nachdenklichen Blick: "Gibt es ein Problem, Christopher?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nein..., nicht wirklich", antwortete ich. "Ich fragte mich nur gerade, wo Fräulein Shadow ist."
Spencer stieß einen langen Seufzer aus. "Shadow... - Sie kommt nicht mit. Sie kommt nie mit in die Kirche", meinte er und zuckte mit den Schultern.
"Weshalb denn?", fragte ich.
Spencers Blick war betrübt. "Das ist mir selbst ein Rätsel", sprach er. "Weder kann sie mir einen Grund für ihre Ablehnung nennen, noch lässt sie sich überreden. Und dazu zwingen kann ich das Mädchen schließlich auch nicht!", erklärte er.
Ich fand die Angelegenheit durchaus ein wenig seltsam, kam aber nicht umher, Spencer in seiner letzten Aussage voll und ganz zuzustimmen. Damit war diese Unterhaltung auch vorerst beendet und gleich darauf machten wir uns auf den Weg in die Kirche. Das Wetter war an jenem Tage erneut sehr schön und wir mochten wohl durchaus eine Dreiviertelstunde unterwegs gewesen sein - nicht etwa weil sich das Gotteshaus in so großer Entfernung befand - nein, es lag ganz in der Nähe von Maximilians Haus - sondern deshalb, weil Sir A.T. Spencer fast schon bösartig langsam gehen konnte!
Ich vermied es zwar, mir auch nur im Geringsten anmerken zu lassen, dass ich davon durchaus genervt war, trotzdem aber bot mir Spencer nach einer Weile sogar an, doch schon vorweg zu gehen. Ganz offensichtlich wusste er wohl selbst ob der Tatsache Bescheid und genauso wusste er, dass ich letztendlich doch ablehnen würde. Denn meine Höflichkeit (und auch der Wille in der Nähe seiner Töchter zu bleiben...) verlangte dies und so sollte ich nun viele Male mit ansehen und anhören können, wie er an den verschiedensten Stellen Halt machte, um Silence und um Secret einige Dinge zu erklären, welche er offenbar für wichtig hielt. Während die erstgenannte Tochter seine Ausführungen eher stillschweigend, definitiv aber sehr nachdenklich aufnahm, freute sich letztere geradezu über das große Wissen ihres Vaters und stellte immer wieder einige, weitere Fragen, gerade was die Tier- und die Pflanzenwelt anging. Zum damaligen Zeitpunkt war es mir noch gar nicht bewusst, doch einige Tage später, da fiel mir auf, dass Spencers Töchter gar nicht zur Schule in das Dorf gingen. Und das obwohl dieselbige, wie ich auch schon bald erfahren sollte, sogar von Sir Spencer selbst mit sehr hohen Summen finanziell unterstützt wurde! Dies allein mochte schon ein wenig seltsam auf mich gewirkt haben, erschien mir aber noch kurioser, als ich erfuhr, dass Spencer seine Töchter auch privat nicht unterrichten lies. - Oder zumindest nicht auf die herkömmliche Art und Weise... Vielmehr vermittelte er ihnen das Wissen so, wie er es auch auf den Weg in die Kirche getan, wobei er sein Ziel eigentlich schon erreicht hatte, wenn er denn nur das Interesse an einer bestimmten Sache hatte wecken können. Dann wollten seine Töchter nämlich von ganz allein weitere Dinge wissen und war das Interesse groß genug, dann verwies er sie gelegentlich auch auf ein thematisch passendes Buch. So konnte ich schon sehr bald feststellen, dass Spencers Töchter allesamt ganz erstaunlich intelligent waren und vor allem eine hohe Allgemeinbildung besaßen. Am beeindruckendsten erschien mir allerdings, wie einfach und schnell sie all die Dinge verstanden, die ihnen beigebracht wurden und sie sich genauso leicht auch merken konnten. Und sicherlich waren es gerade diese Tatsachen, welche überhaupt erst dafür sorgten, dass die ungewöhnlichen Lehrmethoden des Vaters auf so perfekte Weise funktionieren konnten.
Als wir einige Minuten später die Kirche, fast ganz im Osten von K..., am Hang eines Tales gelegen, erreicht hatten, fiel mir als erstes auf, wie freundlich doch keineswegs heuchlerisch Spencer von nahezu allen Bewohnern des Ortes begrüßt wurde. Und gleich als die Leute bemerkt hatten, dass wohl auch ich auf irgendeine Weise mit ihm in Verbindung stand, wurde mir ebenfalls ein bis dahin ungekanntes Maß an Achtung und Respekt gegenüber gebracht. Gelegentlich sprach man Sir Spencer auch auf meine Person an, woraufhin er in der Regel erklärte, dass ich ein sehr talentierter Maler sei, welcher sich momentan in seinem Dienst befinde, unter anderem um seinen Töchtern ein wenig Unterricht zu geben (ein Punkt der mir gänzlich neu, doch keineswegs unangenehm war...).
Ich glaube, dass es nicht unbedingt selbstverständlich ist, dass die wohlhabendste Person eines kleinen Ortes zugleich die ist, welche am meisten verehrt doch trotzdem kaum beneidet wird. Auf Spencer traf dies jedoch alles zu und ich sollte eine Weile brauchen, um zu begreifen, welcher Art die Gründe für diese Tatsache waren. Lediglich einen konnte man sofort erkennen; nämlich, dass sich Spencer ganz einfach wie einer 'von ihnen' verhielt; elegant und durchaus stolz zwar, doch in keiner Form hochnäsig. Und auch auf seine Töchter, die man, wie ich wenig später erfahren sollte, nur sehr selten im Ort zu Gesicht bekam, traf dies ganz genauso zu; Secret erblickte ich gar schon während der kurzen Zeit, die wir vor der Kirche warteten, im Gespräch mit einigen Mädchen und Jungen in ihrem Alter, wogegen Silence wie üblich etwas zurückhaltender wirkte und nicht von meiner und Spencers Seite wich.
Nachdem der Gottesdienst beendet war, warteten Spencer, seine Töchter und ich noch einige Minuten vor der Kirchgebäude auf Maximilan. Jenes war im Übrigen fast ohne besondere Merkmale - eine recht kleine, einfache Dorfkirche mit einem achteckigen Turme, erbaut irgendwann gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts und sichtlich nicht im allerbesten Zustand. Das Geld, welches Sir Spencer für ihre Renovierung spenden wollte, war definitiv gut angelegt und bewies, wie sehr ihm der Glauben, aber auch das ganze Dorf am Herzen lag. Und auch Maximilian, der wenig später zu uns stieß, vermutete sicherlich nichts anderes.
"Eine sehr schöne Predigt", lobte ich ihn. "Für jeden wunderbar verständlich und keinen Moment langweilig!"
Er lächelte ein wenig verlegen. "Ach..., ich tue eben was ich kann. Danke."
"Nicht so bescheiden!", warf Spencer ein. "Man merkt wirklich, wie sehr Sie sich für ihren Glauben begeistern können! Das kann man nicht von vielen Leuten sagen."
Schon immer reagierte Max auf solches Lob ein wenig unbeholfen, und so verwunderte es mich keineswegs, dass er bald das Gesprächsthema wechselte und wir zum Schluss nochmals auf meine Arbeit bei Sir Spencer zu reden kamen, bevor jener in meiner Begleitung den Heimweg antrat.
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