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... Secret, Shadow, Snow und Silence Des Niederganges erster Teil - Abschnitt 03
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Viel Spaß beim und danke fürs Lesen!
Kommentare? - Secret, Shadow, Snow und Silence im Forum
Gegen fünf Uhr am Abend begann ich, mich allmählich auf den Besuch bei Sir Spencer vorzubereiten. Ich zog von den wenigen Stücken die ich bei mir hatte die bestmögliche Kleidung an und schon eine halbe Stunde später verließ das Haus.
Draußen angekommen fühlte ich, dass es zwar noch immer recht warm war, die Luft jedoch schien mir gleichwohl frisch und klar und nicht mehr so stickig wie noch die Tage zuvor. Und abgesehen von der Nässe, die noch auf einigen Pflanzen zurückgeblieben war, war dies auch das einzig Zeichen, welches auf ein vorangegangenes Gewitter hindeutete.
Als ich diesmal bei Sir Spencer ankam, war es nun er selbst, welcher mich hinein bat und willkommen hieß. Auch er hatte sich zwar umgezogen, war aber trotz allem noch genauso einfach gekleidet, wie auch bei unserer ersten Begegnung. Keineswegs mimte er also den reichen Mann von Welt, und das, obgleich er Wohlstand dennoch nicht abgeneigt war, wie man ja unschwer am Haus und überhaupt an seinem ganzen Besitz erkennen konnte. Das jedoch mochte sicherlich auch daran gelegen haben, dass Sir Spencer schon sehr wohlhabend auf die Welt gekommen ist, sozusagen bereits in diesen, oder zumindest in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen war.
Doch wenn ich gerade schon davon spreche...: Ich glaube ich bin nun an einer Stelle angelangt, vielleicht am besten mit 'die Ruhe vor dem Sturm' zu beschreiben, an der es sich lohnt, Ihnen etwas mehr über Spencers Leben vor meinem Treffen mit diesem zu erzählen. Denn wie Sie bestimmt schon vermuten, wird er im Rest meines Berichtes nicht unbedingt eine belanglose Rolle spielen!
Zwar bin ich der Meinung, dass wohl nahezu jeder von meinen Zeitgenossen schon einmal von Sir Spencer gehört haben müsste, trotzdem besteht aber die Möglichkeit, dass sie nicht soviel über sein Privatleben wissen, auch dann wenn sie einige von seinen Werken gelesen haben. Möglicherweise ist das Ihnen vorliegende Buch auch erst zu einem Zeitpunkt in Ihre Hände gelangt, an dem Sir A.T. Spencer längst nicht mehr allen Leuten ein Begriff ist. - Doch wie auch immer, auf jeden Fall halte ich den folgenden, kurzen Lebenslauf für angebracht; das Mindeste, was er bewirken wird, ist ihrem Gedächtnis wieder etwas auf die Sprünge zu helfen.
Sir Abraham Thomas Spencer ist im Winter des Jahres zweitausendsechszehn, oder um genau zu sein am zehnten Dezember, in einem kleinen Ort in Nordengland zur Welt gekommen. Sein Vater war ein reicher Bankier, noch dazu von Adel, welcher den Krieg nicht nur unbeschadet überstanden, sondern sogar seinen Nutzen daraus gezogen hatte. Somit wuchs Spencer in sehr wohlhabenden Verhältnissen auf und konnte sich bereits in seiner Kindheit problemlos all jenen Dingen widmen, zu denen er eine Zuneigung empfand. So begann er bereits mit acht Jahren zu schreiben und in seinem vierzehnten Lebensjahr wurde zum ersten Mal ein Werk veröffentlicht.
Zu dieser Zeit hatte A.T. Spencer auch bereits seine Leidenschaft für die Naturwissenschaften und Wissenschaften im allgemeinen entdeckt. Bis er dreiundzwanzig wurde, studierte er in zahlreichen Bereichen, unter anderem Psychologie, Philosophie, Biologie und sogar Informatik (die Wissenschaft von der Informationsverarbeitung). Es sei aber auch nicht verschwiegen, dass er nur in den wenigsten Fächern wirklich einen Abschluss machte.
Zumindest wurde auch sein Ruf als Schriftsteller unterdessen immer besser. Bereits mit spätestens zwanzig Jahren dürfte er ein Vermögen von mehreren Millionen Talern besessen haben, welches er ganz allein den riesigen Erfolgen seiner sehr fantasievollen Kindergeschichten verdanken konnte. Das waren in erster Linie Märchen, aber auch einige Romane, wie zum Beispiel "Princess Adell". Maßgeblich für diesen Erfolg verantwortlich war aber auch das Vermögen seines Vaters, welches Sir Spencer eine groß angelegte Veröffentlichung überhaupt erst möglich machte.
Aus Sicht der Wissenschaft jedoch, sind das bei weitem nicht seine bedeutendsten Werke. Diesen Status nehmen die drei Essays der "The Order of..."-Reihe ein. Zweitausendachtunddreißig veröffentlichte Spencer den ersten Teil "The Order of Beauty" (dt. Titel: "Gesetze der Schönheit"); die Nachfolger "The Order of Dreams" (dt.: "Gesetze der Träume") und "The Order of Perfection" (dt.: "Gesetze der Perfektion") erschienen jeweils in Abständen von rund einem Jahr danach.
Aufgrund ihrer Bedeutung sollte ich es nicht versäumen, ein paar Worte über den Inhalt dieser sehr umschrittenen Werke zu verlieren. Spencer selbst sagt darüber, dass er diese Abhandlungen mit keinem anderen Ziel schrieb, als den 'Menschen' zu erklären und zwar vor allem aus psychologischer Sicht. Somit zeugen vor allem diese Werke von seiner geradezu erstaunlicher Menschenkenntnis.
Der erste Teil wurde unter anderem schnell zu einer unerlässlichen Informationsquelle für Künstler wie mich, handelt er doch von der menschlichen Schönheit. Spencer erklärt die verschiedenen Schönheitsideale, sagt wo die Unterschiede, vor allem aber auch die Gemeinsamkeiten liegen. Dabei ist es geradezu erstaunlich, in welch einfacher Form er von der bloßen Vermutung zur Gewissheit kommt und Tatsachen beschreib, von denen wir zwar schon längst hätten wissen müssen, welche wir aber niemals wirklich wahrgenommen haben. Und das, obwohl wir es doch sind, die für diese Ideale Verantwortung tragen.
Der zweite Teil der Reihe behandelt bereits sehr viel kühnere, jedoch umso interessantere Thesen, betreffend der Entstehung der menschlichen Psyche, des Verstandes und des Charakters. Anfangs greift Spencer dabei die, die Traumdeutung betreffenden, Theorien von Sigmund Freud und vor allem Carl Gustav Jung auf, stimmt ihnen teilweise zu, größtenteils aber nicht. Danach geht er sehr schnell seinen eigenen Weg und erstaunt mit völlig neuen Ideen. Die eben genannten Dinge würden nämlich einzig und allein im Traume gebildet, welchen Spencer als eine Art 'geistiges Leben' ansieht, arbeite der Verstand und das Gehirn - entgegen der weitläufigen Meinung - doch erst während diesem Zeitraum ganz besonders stark. Die Zeit des Wachseins, das 'körperliche Leben', diene lediglich zum Sammeln neuer Erfahrungen, diese würden dann im Traumzustand verarbeitet werden. Erst so seien überhaupt geistige Veränderungen beim Menschen möglich. Die Verbindung von Geist und Körper wäre des weiteren durch das Vorhandensein einer Seele gegeben, für welche ganz allein Gott verantwortlich sei. Das vor allem ist der Punkt, den seine zahlreichen Gegner am stärksten kritisierten.
Noch mehr Kritik jedoch musste er mit seinem dritten Werk einstecken. Der Inhalt: Spencer sieht den Menschen als das einzige Lebewesen, welchem theoretisch die Möglichkeit gegeben ist, perfekt zu sein. In der Praxis aber, trete dieser Fall fast nie ein. Fast nie... Das heißt also, Spencer sagt, es gäbe tatsächlich perfekte Menschen! Zwar hätte er selbst niemals einen kennen gelernt, nach seiner Theorie betreffend der Chance für Perfektion, würden jedoch bei mehreren Milliarden Erdbewohnern wahrscheinlich zu jeder Zeit ein paar hundert perfekte Menschen existieren.
Doch dessen nicht genug! Weiterhin spricht Spencer davon, dass es auch regelrecht misslungene Menschen gäbe, welche, die weniger wert wären als andere, es teilweise nicht einmal verdient hätten zu leben. Damit meint er vor allem auch behinderte Leute und solche, denen es an Intelligenz fehle! Auch Meinungen wie 'Jeder kann etwas anderes gut und hat seine eigenen Stärken und Schwächen!' weißt er rigoros ab.
Nachdem sie dies nun wissen, glaube ich, dass ich wohl gar nicht mehr zu erwähnen brauche, auf welch große Ablehnung dieses Werk in der Gesellschaft und auch bei mir selbst stieß. Bis heute ist es mir völlig unverständlich, wie es Sir Spencer hat wagen können, diese Ansichten zu veröffentlichen. Als, wie ich bereits sagte, großer Menschenkenner hätte er doch wissen müssen, welcher Art die Reaktionen darauf sein würden! Und ich bin mir sogar sicher er hat es gewusst...
Eine weitere, interessante Tatsache sei allerdings noch erwähnt: Am Ende der Abhandlung kündigt Spencer einen finalen, vierten Teil an, dessen Titel "The Order of Life" sein würde. Vielleicht könnte dieser Aufklärung bringen, bis heute jedoch ist er nicht erschienen. Überhaupt hat Spencer nach "The Order of Perfection" kein einziges Werk mehr veröffentlicht, für mehrere Jahre war er sogar unauffindbar! Dies war so lang der Fall, bis er nach Deutschland zog und bekannt wurde, dass er sich die acht Jahre zuvor mitsamt seiner Familie in Schweden aufgehalten hatte. Während jener Zeit komponierte er einige Lieder, die er unter einem Synonym im Ausland veröffentlichte, und hat nach eigener Aussage viele neue Erfahrungen gesammelt und zudem eine große Leidenschaft für die Kunst entwickelt. Warum er sich allerdings so sehr zurückgezogen hatte, war mir in jenem Sommer noch nicht bekannt. Ich sollte wahrlich noch einige Überraschungen erleben!
Überraschend fand ich allerdings auch die Tatsache, dass Sir A.T. Spencer mich nach meiner Ankunft nicht etwa ins Haus, sondern erneut in den Garten hinter dem Gebäude führte. Der Grund dafür war allerdings ganz einfach; nahe der Terrasse stand nun ein reich gedeckter Tisch und an diesem hatte sogar Silence schon Platz genommen.
"Setzen Sie sich doch bitte hin, Herr Mann!", sagte Sir Spencer zu mir und wies in die Richtung des Tisches. "Ich muss noch eine Kleinigkeit in der Küche erledigen. Entschuldigen sie mich bitte so lang, ich bin gleich zurück."
"Natürlich!", antwortete ich und gedachte zu tun, was Spencer gesagt.
So ging ich hin zur Tafel und zu Silence. Wie immer war jene wahrhaft wunderschön anzuschauen, diesmal jedoch fast noch etwas schöner als sonst, so zauberhaft strahlte das warme, gelbliche Licht der tiefstehenden Sonne auf ihr Gesicht und lies überhaupt erst die kleinen Hautunebenheiten in diesem erkennen.
Vorher noch den Blick zu Boden gerichtet, schaute Silence nach meiner Begrüßung nun zu mir auf, schaute auf mit ihren warmen, neugierigen Rehaugen, und grüßte freundlich, überhaupt nicht schüchtern zurück. Längst nicht mehr so kühl war sie, wie noch am Morgen... - Ich wurde einfach nicht schlau aus ihrem Verhalten.
Einige Momente nachdem ich mich gesetzt, Momente, in denen ich nicht drum her kam, immer wieder zu Silence zu schauen, wurde ihr Blick ganz plötzlich wieder düsterer. "Was ist denn?", fragte ich behutsam. "Du schaust auf einmal so traurig!"
"An jenem Abend...", begann sie gerade, da jedoch musste ich sie noch einmal unterbrechen: "Du meinst den Abend, an welchem wir uns im Gasthaus begegnet waren?"
Sie nickte nur, dann fuhr sie fort. "An jenem Abend, da sagtest du zu mir, ich sei sehr hübsch..."
Einen Augenblick musste ich überlegen, dann jedoch fiel es mir wieder ein: "Ja, ich glaube, ich erinnere mich. Das sagte ich, nachdem du mich gefragt hattest, ob ich dich malen könne."
Silence blieb einige Moment still und schien nachzudenken. Sie wirkte nun sogar noch trauriger. "Warum...", fuhr sie dann zögernd fort. "Warum hast du mich... weggeschickt. Mich abgewiesen! Warum sagst du dann überhaupt erst solche Dinge?"
Eine einzelne Träne rollte ihr die Wange hinab, eine Träne, die tausend mal mehr sagte, als die kümmerlichen Worte, die ich - sogar erst nach einiger Zeit - hervorbrachte: "Nein, du hast falsch verstanden!", sprach ich deutlich und schüttelte den Kopf. "Ich habe zwar keine Ahnung was du damals gedacht hast, auch nicht, was du jetzt glaubst, trotzdem aber kann ich sagen, dass es falsch ist!"
Ich wollte gerade noch weiterreden, da jedoch unterbrach sie mich bereits: "Ich verstehe nicht...", sagte sie leise und ohne mir ins Gesicht zu blicken. Und ich hielt es für angebracht, das Gespräch in diesem Moment erst einmal zu beenden, denn auch wenn ich nicht den Grund für ihr Verhalten kannte, so wusste ich doch, dass jedes weitere Wort nur noch mehr Kummer hervorrufen würde.
Glücklicherweise kam gerade in diesem Moment ihre Schwester Secret vom Haus her in unsere Richtung. Schon von weitem hörte ich ihre fröhliche, helle Stimme laut rufen und wurde sogleich nicht unbeträchtlich aufgeheitert: "Guten Abend Herr Mann!"
Ich drehte mich um. "Guten Abend Fräulein Spencer!", antwortete ich. Auch Secret war selbstverständlich ganz genauso hübsch wie immer, mittlerweile jedoch hatte ich mich schon ein wenig, ich betone ein wenig, an ihren Anblick, an ihre Gegenwart gewöhnt und war nicht mehr derart hin und weg gerissen wie noch bei unserer ersten Begegnung. Sie hatte diesmal ihr Haar nach oben gesteckt und mit einer großen, seidenen Schleife geschmückt und trug an jenem Abend erstaunlicherweise ein sehr dunkles Kleid, was, wie ich fand, aber auch sehr gut zu ihr passte und einen schönen Kontrast bildete, zu ihrer hellen Haut und dem blonden Haar. Jedoch, es fiel mir erst ein wenig später auf, kam sie nicht allein. Zu ihren Füßen lief ein kleines, schneeweißes Kätzchen, welches, wohl in der Hoffnung etwas davon abzubekommen, immer wieder hinauf zu den Teller schaute, welchen Secret in Händen hielt.
"Haben Sie aber heute eine süße Begleitung!" sagte ich lächelnd und verdrängte unterdessen das Gespräch mit Silence.
Da schaute Secret erst ganz ungläubig drein, bald jedoch verstand sie und lachte. "Oh, das ist Virginity", sagte sie und stellte den Teller auf den Tisch. Daraufhin hob sie das Kätzchen vom Boden und drückte es an ihre Brust.
"Gehört sie Ihnen?", fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, aber ich habe sie trotzdem ganz lieb. Eigentlich gehört sie meiner Schwester, Snow, doch da diese momentan verreist, passe ich so lang auf Virginity auf!"
"Ach so, ich verstehe... Darf ich sie denn einmal streicheln? Sie ist doch nicht ängstlich, oder?", fragte ich.
"Nicht im geringsten! Sie ist wirklich sehr lieb und zutraulich. Also nur zu, tun Sie es!"
So stand ich auf und streichelte das zarte, weiche Fell des Tieres, welches Secret noch immer in Händen hielt. Dabei jedoch berührte ich, mehr oder weniger zufällig, auch Secrets Arm, dieser war zwar verglichen mit dem warmen, kuscheligen Kätzchen geradezu erschreckend kalt, fühlte sich aber nicht minder schön an. Ganz im Gegenteil... Ich möchte viel eher sagen, dass die kühle Haut und auch die seltsam matten Augen Secret umso mehr zu etwas Besonderen machten und mein Interesse an ihr noch stärker weckten.
Derweil war auch des Mädchens Vater zurückgekehrt. "Ist Shadow denn noch immer nicht da?", fragte er sogleich.
"Nein, so wie es scheint, hält sie sich noch am See auf. Soll ich sie herrufen?", fragte Secret.
"Lass nur", wies Spencer das Angebot zurück. "Ich werde selbst gehen. - Sie entschuldigen mich noch einmal, Herr Mann?"
Ich nickte bejahend, woraufhin sich Sir Spencer in Richtung des kleinen Wäldchens aufmachte, das sich inmitten der umliegenden Felder befand. In der Zwischenzeit, es mochte wohl durchaus fünf oder zehn Minuten bis zu seiner Rückkehr gedauert haben, spielten Secret und ich noch ein wenig mit dem Kätzchen. Auch ich hatte es nämlich bereits ganz lieb gewonnen, schon allein deshalb, weil es bis dahin nahezu alles war, was ich im Zusammenhang mit Snow erfahren hatte.
Spencers jüngste Tochter jedoch blieb anfangs still auf ihrem Platz sitzen und warf mir nur hin und wieder ein paar schüchterne und auch ziemlich traurige Blicke zu. Ich mochte das Mädchen gern aufmuntern, fühlte ich mich doch durchaus schuld an ihrem Gefühlszustand. Und da ich vermutete, dass sie vielleicht ein wenig eifersüchtig sei, weil ich mich doch die ganze Zeit mit Secret beschäftigte, wollte ich sie nicht vernachlässigen und ihr einen Vorschlag machen. "Silence?", sprach ich.
"Hm?"
"Ja, also... Es würde mich wirklich überaus freuen, wenn du mir nachher dein Pony auch einmal zeigen könntest! Dann, nach dem Essen. Würdest du das tun?"
Sie antwortete mit einem breiten Lächeln, ja, das erst Mal, seit ich sie kannte, zeigte sie ein richtiges, wirklich glückliches Lächeln! "Natürlich! Sehr gern!", sagte sie und ich nickte erfreut, hatte ich es doch offenbar wirklich geschafft, sie ein wenig aufzuheitern.
Der Sekunden waren noch gar nicht viele vergangen, da erblickte ich zufällig Sir Spencer, der gerade auf dem Rückweg vom Walde und sogar schon beinah' wieder am Tisch angekommen war. Einen Moment später jedoch sah ich noch mehr, sah eine Person, welcher ich schon einmal begegnet, in einer Nacht, die mir noch immer erschien wie ein Traum. In einer Nacht, in der mich zuerst der Mond verführt und wenig später sie. Ja, tatsächlich ist es Spencers Tochter gewesen, welche mich geküsst und die dann, dann als ich zusammenbrach, davonlief. Lächelnd.
Gegen solch eine Schönheit jedoch, gegen solch eine Anmut, Herrlichkeit, Sinnlichkeit und Sünde, hätte ich zu keiner Zeit auch nur ein Fünkchen Zorn verspüren können. Schon damals, damals als sie nicht mehr war als ein diffuser Schatten im Mondschein, hatte ich ihre Erscheinung den höchsten Engelswesen gleichgesetzt. Aber erst jetzt im warmen, goldenen Sommersonnenlichte, gebührte ihr voll und ganz die Bezeichnung.
In der Absicht ihn einzuholen lief Shadow schnellen Schrittes hinter ihrem Vater her, welcher sie, jetzt fast am Tische angelangt, noch immer nicht bemerkt. Allerdings erschrak er dann umso mehr, als seine Tochter ihm laut lachend an den Rücken sprang.
"Shadow, was machst du denn?", rief er in ganz ungewohnter Strenge - doch hätte ich wahrscheinlich dasselbe getan, wäre bei mir ein Besucher zu Gast gewesen.
Das Mädchen aber lächelte sowieso nur. "Da bin ich schon!", sagte sie und Spencer besah sich seine Tochter vom Kopf bis zu den Füßen.
"Ich sagte, du sollst dir etwas anziehen!", meinte er schroff. Tatsächlich trug Shadow nicht mehr als knappe, zweiteilige Badebekleidung mit einem rötlichen Muster und darüber ein aufgeknöpftes, weißes Hemd. Sie deutete dann auf dasselbige und trotzig sagte sie: "Hab' ich doch!"
"So?", murrte Spencer und hob seufzend die Augenbrauen. Das Mädchen aber hörte schon gar nicht mehr zu, hatte sie doch soeben meine Wenigkeit erblickt. "Oh, sie müssen Herr Mann sein", sagte sie und kam an meinen Platz.
Ich stand auf, mein Herz klopfte jetzt sehr viel schneller. "Ganz richtig. Guten Abend!", begrüßte ich sie und reichte ihr die Hand. Auch ihre Haut war, zwar zum einen wunderschön weich, vor allem aber ebenfalls merkwürdig kalt. Doch machte ich mir darüber lange Zeit nie wirklich Gedanken und zudem fuhr das Mädchen bald fort, zu sprechen: "Guten Abend, schön sie kennen zu lernen! Ich bin Shadow, Shadow Spencer."
"Sehr erfreut!", sagte ich und verbeugte mich kurz.
Endlich konnte ich Shadows Pracht nun auch im Tageslichte bewundern: Sie hatte außergewöhnlich langes, seidiges und glänzendes Haar, welches fast bis zu den Hüften hinab reichte und in einem sehr dunklen Rot, eine Art Weinrot, gefärbt war. Dicke Strähnchen verdeckten zudem fast die gesamte linke Hälfte ihres Gesichtes, sodass ich nur ein einziges Aug in grasgrüner Farbe erblicken konnte. Jenes war in der Tat genauso matt, wie auch die von Secret und Silence und sofort wusste ich, warum Shadows Augen während unserer nächtlichen Begegnung so schrecklich finster ausgesehen hatten.
Kurze Zeit später setzte sich das Fräulein hin. Lediglich ein Platz, nämlich der, welcher sich genau mir gegenüber befand, war zu diesem Zeitpunkt noch frei. Das erwähne ich deshalb, weil mir in jenem Moment auffiel, dass doch eigentlich noch eine Person fehlt. Nicht etwa Snow, denn diese war ja verreist, ich spreche von Spencers Frau! Da wurde mir überhaupt erst bewusst, dass der Hausherr sie mir merkwürdigerweise noch gar nicht vorgestellt, ja sie noch nicht einmal mit einem einzigen Wort erwähnt hatte.
"Sir Spencer, bitte verzeihen sie meine Neugierde, aber wird denn ihre Frau gar nicht mit uns essen?", fragte ich.
Da veränderte sich seine Miene, Heiterkeit wich tiefster Melancholie. "Meine Frau...", sagte er voller Schwermut. "Sie ist bereits vor dreizehn Jahren, bei der Geburt meiner jüngsten Tochter, verstorben."
Obwohl ich sie nicht im entferntesten gekannt, traf mich dieser Satz sehr hart. Denn allem Anschein nach hatte Spencer seinen Kummer, seine gesamte Trauer, in diese wenigen Worte verbannt. Noch bevor ich irgendetwas antworten konnte, sagte er: "Ich denke noch sehr oft an sie, fast täglich. Annabel ward sie genannt und war für mich lange Zeit alles auf der Welt, endlose Liebe lies ich ihr zuteil werden. Und sie mir genauso. Mehr noch verehrte ich nur unsere Töchter, die prächtigsten von allen Geschenken, die sie mir machte. Und diese wiederum waren es, welche mir in der Zeit nach Annabels Tode unvergleichlichen Trost spendeten. Hätte ich sie nicht gehabt, ich wäre zugrunde gegangen."
Spencer machte eine Pause, was mir Gelegenheit gab, ihm mein Bedauern auszusprechen: "Das tut mir leid... Doch davon wusste ich nichts, Entschuldigung!"
"Trauern sie nicht, Herr Mann!", sagte er und formte seine rechte Hand zur Faust. "Auch ich musste bereits erfahren, dass dies der völlig falsche Weg ist. Wenn ich heute zurückdenke an das Leben mit ihr, dann trauere ich nicht, ich freue mich! Und ich bin dankbar, für die Zeit, welche ich mit ihr verbringen konnte, dankbar für alles, was sie mir gegeben!"
Dann wurde er still und ich kam nicht umher seinen Worten, Worte die doch so viel Wahrheit enthielten, mit einem stummen Nicken beizustimmen. Noch einige Sekunden der Stille vergingen, dann jedoch brach Spencer das Schweigen: "Lassen Sie uns nun mit dem Essen anfangen! Wir wollen doch nicht, dass sich Secret umsonst so viel Mühe gegeben hat!"
"Natürlich!", sagte ich. Und wendete mich daraufhin dem besagten Mädchen zu, welches zu meiner Linken Platz genommen hatte: "Sie haben das alles gemacht?", fragte ich. Sie strahlte übers ganze Gesicht. "Ja, ich hoffe, es wird Ihnen schmecken!"
"Da bin ich mir ziemlich sicher!", meinte ich lächelnd und der Rest des Abends sollte, trotz des etwas traurigen Beginns, wirklich ziemlich heiter werden.
Sir Spencer sprach nun lediglich noch ein Tischgebet und direkt danach begannen wir auch schon mit dem Abendessen. Auf das Angebot, welches Spencer bei meinem ersten Besuch erwähnt hatte, sollte er erst etwas später zu sprechen kommen. Anfangs unterhielten wir uns nur über allgemeine und recht belanglose Dinge, zum Beispiel fragte er mich nach meinem Alter, danach wo ich herkomme, welche Art von Bildern ich male und vieles mehr. Dies alles diente letztendlich wohl nur dem Zwecke, möglichst viel Informationen über mich zu erhalten - warum Spencer diese wollte werden Sie bald verstehen. Mir war es damals allerdings noch nicht bewusst und ich entdeckte in seinen Worten nicht mehr als das bloße Interesse am Leben und Wesen einer Person, welche er gerade kennen gelernt. Dass er dabei auch viel über sich selbst erzählte und meine Fragen mindestens ebenso wahrheitsgemäß zu beantworten schien, wie ich auch seine, mochte wohl eher Tarnung und Täuschung gewesen sein. Jedoch merkte ich ihm dieses kalkulierende Verhalten nicht im Geringsten an, ganz im Gegenteil, er war mir sogar äußerst sympathisch! So machte Sir Spencer während des ganzen Abends zahlreiche Scherze, war locker, freundlich, höflich und zuvorkommend.
Jedoch war es trotz allem nicht er, dem meine Aufmerksamkeit am meisten galt. Nein, diese 'Ehre' gebührte seiner Tochter, Shadow. Wie ich bereits erwähnt, saß diese mir direkt gegenüber und so kam ich nicht umher, sie sehr oft anzusehen. Es wäre eine große Lüge, würde ich sagen, ich hätte dies nur ungern getan - aber dennoch bereitete es mir schon sehr bald ein gewisses Unbehagen...
Doch bevor ich das folgende Geschehen im Detail schildern werde, erachte ich es für nötig, Ihnen eine wichtige Tatsache - eine, die sicherlich nicht leicht zu begreifen ist - noch einmal an einem Beispiel zu erläutern. Das Spencers Töchter nicht irgendwelche alltäglichen Schönheiten sind, das dürfte Ihnen mittlerweile sicherlich klar sein. Doch damit Sie verstehen, mit welch unglaublicher Situation ich es wirklich zu tun hatte, um zu verstehen weshalb ich hin und wieder offenbar vollkommen überreagierte, dazu bedarf es mit Gewissheit folgendem Vergleich: Stellen Sie sich eine Frau vor (oder gegebenenfalls auch einen Mann), und zwar nicht irgendeine, sondern die schönste, die interessanteste, welche Sie sich erdenken können. Ist dies getan, so versuchen Sie bitte, sich diese Frau noch um ein Vielfaches, um ein Tausendfaches, schöner vorzustellen. - Absolut unmöglich, war doch schon Ihre ursprüngliche Einbildung von größtmöglicher Herrlichkeit!
Nun aber nehmen Sie bitte an, es gäbe tatsächlich eine solche Tausendfach attraktivere Person, stellen Sie sich vor, sie würden ihr sogar begegnen! Wie wäre Ihnen wohl zumute, dann, wenn Sie es mit einer Frau zu tun hätten, deren Pracht sogar Ihre Vorstellungskraft überschreitet? Denken Sie doch bitte einmal darüber nach. Dann können Sie sich vielleicht annähernd ausmalen, wie mir vor vierzehn Jahren geschah...
So ich Ihnen diesen Sachverhalt nun einmal genauestens (und nicht im geringsten übertrieben!) dargestellt habe, kann ich jetzt sicherlich mit meinem Berichte fortfahren: Wie bereits erwähnt unterhielt ich mich während dem Essen ausführlich mit Sir A.T. Spencer. Aber auch seine Töchter, das heißt Secret und sogar Silence, brachten sich immer wieder in das Gespräch ein. Nur Shadow war auf einmal ganz ungewöhnlich still und tat gerade so, als beachte sie mich überhaupt nicht. Sie schaute mich nicht an, sondern immerzu an mir vorbei, irgendwohin ins Leere - ganz kühl wirkte sie plötzlich. Aber man musste sie wahrlich nicht genauer kennen um festzustellen, dass dies durch und durch eine aufgesetzte, falsche Kälte war! In Wahrheit nämlich loderte in ihr ein Feuer ohnegleichen, ein Feuer, welches nur wenige Minuten später auch mich verbrennen sollte.
Shadow nämlich zappelte und wackelte die ganze Zeit schon unruhig mit ihren Füßen und stieß mich dabei immer wieder an den Beinen an. Als sich dies dann in zunehmenden Maße wiederholte, fragte ich mich allmählich, ob sie das denn tatsächlich nicht merkte, wenig später auch, ob sie es nicht vielleicht sogar ganz bewusst tat! Es wäre selbstverständlich kein Problem für mich gewesen, ihren Berührungen auszuweichen; doch sah ich keinerlei Grund, dies zu tun. Warum auch sollte ich mich um ein solch schönes Gefühl berauben? Ein derartiges war es nämlich, egal wie gering und nichtig der Kontakt für den Außenstehenden auch hat aussehen müssen.
Doch allem Anschein nach hatte das Fräulein wohl in vielen Punkten ähnliche Gedanken wie ich gehabt, in meinem Nichtstun sah sie nun offenbar eine Aufforderung, sogar noch verstärkt weiterzumachen! Plötzlich nämlich wurde aus den kleinen, schüchternen Berührungen ein wohliger, fester Druck, ein regelrechtes Streicheln... Und es dauerte auch gar nicht lang, da fuhr sie mit dem nackten Fuß mir ins Hosenbein und liebkoste nun mit ihren Zehen die bloße Haut.
Immer schneller schlug mein Herz, und nach wenigen Sekunden schon wurde es mir definitiv zuviel, vermutete ich doch stark, ihr Vater könne etwas merken. Ich zog also schnell meine Beine weg, dabei jedoch krallte sich Shadow auf einmal regelrecht mit ihren Zehennägeln fest und fügte mir dabei wirklich nicht unerheblichen und auch noch lang andauernden Schmerz zu. (Doch möchte ich auch gar nicht verschweigen, dass diese kleine Pein ihre erregende Wirkung auf mich keineswegs verfehlt hatte...)
Ich sah das Fräulein daraufhin mit einem sicherlich vollkommen seltsamen, überraschten Gesichtsausdruck an. Sie aber zwinkerte nur wieder, und sie grinste - ihre Eckzähnchen waren süße, ganz ungewöhnlich spitzige Werkzeuge, beinah wie die von irgendeiner Raubkatze... Oder einem kleinen Raubkatzenjungen, um es noch treffender zu formulieren.
Ich war noch ganz gebannt und völlig durcheinander, da sprach mich auf einmal Sir Spencer in einer sehr ernster Tonlage an: "Herr Mann?"
"Ja?", fragte ich irritiert, und von der Angst überkommen, er könne etwas bemerkt haben.
"Ich glaube, wir sollten allmählich auf die Sache zu sprechen kommen, wegen der ich Sie eigentlich eingeladen habe; das Angebot, welches ich heute Vormittag erwähnt!"
"Selbstverständlich!", antwortete ich und atmete gerade auf, da sah ich wie er seiner Tochter noch kurz einen strengen, fast bösen Blick zuwarf. Ganz offensichtlich hatte er wohl doch irgendetwas mitbekommen, nur wie viel, das wusste ich nicht.
"Es geht um folgendes", begann er wenig später. "Ohne viel drum herum zu reden - ich suche eine Person, die mir, die uns, im Haus etwas zu Hand geht!"
"Ja?"
"Nun, wie Sie vielleicht mitbekommen haben, haben wir keinerlei Personal. Das hat Sie vielleicht überrascht, sicherlich haben Sie hier Bedienstete erwartet. Aber die Sache ist die: Aus Gründen, welche ich nur ungern nennen möchte, bin ich in diesen Dingen sehr wählerisch, ich muss sogar sehr wählerisch sein! Einmal hatten wir für ein paar Monate ein Dienstmädchen, mehrere Male auch schon für kurze Zeit einen Gärtner, meist im Frühjahr. Doch war ich oft unzufrieden. Es gibt nicht viele geeignete Leute! Nun aber, da ich Sie kennen gelernt habe, glaube ich die richtige Person gefunden zu haben!"
Ich warf Spencer einen fragenden doch auch von Interesse zeugenden Blick zu.
"Schauen Sie nicht so ungläubig drein, es ist einfach so. Ich erkenne zuverlässige, nette Personen, wenn ich sie sehe!", meinte er lachend.
Ich nickte und forderte ihn auf, mehr zu erzählen. In jedem anderen Falle hätte ich solch einem Angebot wohl sofort eine Absage erteilt, doch aus Gründen die Sie sich sicherlich denken können, tat ich dies in jener Situation nicht.
"Ich wusste, Sie würden Interesse zeigen", meinte Sir Spencer lächelnd. "Die Arbeit wird nicht schwer sein, sie wird auch nicht zeitaufwändig sein. Bisher kamen ich und meine Töchter schließlich auch ohne Personal aus, nur hin und wieder ist ein Angestellter eben doch nützlich! - Und keine Angst, Sie werden weiterhin genug Gelegenheiten haben, um sich der Malerei zu widmen! Oder anderen Dingen... - Da will ich Sie überhaupt nicht einschränken. Ich glaube sogar, Sie werden dann viel bessere Möglichkeiten haben: Zum einen sind Sie hier auf dem Lande, eine Tatsache, in der Sie bestimmt viele Vorteile erkennen können, zum anderen erhalten Sie von mir eine ausreichende Bezahlung, ich würde sagen Anfangs fünfzig Taler den Tag, bei guter Arbeit auch jederzeit mehr. Ich möchte Ihnen zwar keineswegs zu nahe treten, aber junge, aufstrebende Künstler haben es nicht einfach in der heutigen Zeit, vor allem finanziell!"
Ich überlegte einen Moment. "Das klingt wirklich sehr verlockend!", sprach ich. "Welcher Art werden denn meine Aufgaben sein?"
"Da möchte ich mich überhaupt nicht festlegen. Eigentlich alle Tätigkeiten, die im Haus anfallen können. Und was den Aufenthalt betrifft: Sie bekommen selbstverständlich ein Zimmer, das wird für uns beide von Vorteil sein. - Nun, was sagen Sie?"
Noch hätte ich umkehren können. Doch, obwohl mir schon damals einige Dinge seltsam erschienen, ich tat es nicht. Ich dachte nicht einmal daran, überlegte überhaupt nicht, warum er gerade jemanden wie mich ausgewählt hat - den kleinen, schmächtigen Künstler, der nie in seinem Leben harte Arbeit verrichtet hat! All das war egal. "Einverstanden!", antwortete ich. Bereue ich heute diese Entscheidung? Mitnichten! Denn was bedeutet schon das Leid, dieses große, fürchterliche, aber lediglich menschliche Leid, welches mir wiederfahren sollte, verglichen mit dem grenzenlosen Glück und der geradezu übernatürlichen Freude?
"Dann steht eigentlich nur noch eine Frage offen...", sagte Spencer. "Wann können Sie anfangen?"
Ich überlegte einen winzigen Augenblick, in welchem mir, ich weiß nicht warum, sogar geringe Zweifel kamen. Dann aber sagte ich: "Wann immer es Ihnen beliebt!"
Da Spencer zuvor erst noch ein Zimmer für mich vorbereiten müsse, einigten wir uns letzten Endes darauf, dass ich mit meinem Dienst bei ihm am übernächsten Tag beginnen sollte. Außerdem schlug er mir vor, doch - wenn ich denn die Zeit dafür haben sollte - noch eine Weile dazubleiben. Selbstverständlich nahm ich das Angebot dankend entgegen und zum Schluss sollten aus angestrebten ein oder zwei sogar ganze drei Stunden werden. Somit verließ ich die Familie Spencer erst am späten Abend - in den Momenten zuvor wurde mir bereits ein kleiner Vorgeschmack auf die schöne Zeit zuteil, welche mir noch bevorstehen sollte.
Der Himmel färbte sich blutrot während die Sonne langsam gen Horizont hernieder sank und schon bald völlig hinter den nahen Wäldern verschwunden war. Noch lange Zeit saßen wir am Tisch, aßen, lachten und erzählten. War anfangs noch in gewisser Weise ich das Hauptthema der Unterhaltung - Spencers Töchter fragten mich viele verschiedene Dinge - wandelte sich meine Rolle mit fortschreitender Uhrzeit immer mehr zu der des stillen, doch interessierten Zuhörers.
Als es dann gegen neun Uhr zunehmend dunkler wurde und ein erster kühler Hauch der Spätsommernachtluft die Haut berührte, entzündete Secret einige Kerzen auf den Tisch - es war windstill, die Flammen ruhig - und wir blieben noch einige Minuten lang beisammen sitzen. Nicht viel später stand aber ganz plötzlich Shadow auf und ging mit einem kleinen, letzten Wink weg, hinein in die Dunkelheit der weitläufigen Felder.
"Wo läuft sie denn hin?", fragte ich ihren Vater, dieser schien jedoch fast genauso ratlos wie auch ich. "Ich weiß nicht, womöglich noch einmal hinüber in den Wald, dort ist ein See, an welchem sie sich vor dem Abendessen aufhielt. Vielleicht hat sie da irgendetwas vergessen."
Ich nickte - kurz darauf sagte Spencer zur mir: "Aber ich glaube, auch wir sollten so allmählich diesen Abend Abend sein lassen, so schön wie er auch ist, und uns langsam auf die Nacht vorbereiten."
"Natürlich", meinte ich. "Somit werde ich mich dann auch wieder auf den Rückweg begeben!"
Lediglich meine Höflichkeit gebot dies so, eine Sache kam mir dann aber ohnehin noch in den Sinn: "Sir Spencer, verzeihen sie, wenn ich noch einmal störe... aber ich versprach ihrer Tochter vorhin, nach dem Essen mit ihr zusammen einmal ihr Pony anzuschauen... Vielleicht würden sie noch erlauben, dass..."
"Nur zu, nur zu!", forderte Spencer mich freundlich auf. Und daraufhin wandte ich mich sogleich dem Mädchen zu, welches mich, wirklich überglücklich darüber, sofort freudig zu dem kleinen Stall hinführte. Es war dort, im Schatten der großen, alten Kastanienbäume, bereits sehr viel dunkler als anderswo und Silence zündete eine Öllampe an, um etwas Licht in die Finsternis zu bringen. Das Pony stand ruhig in der hintersten Ecke des Gebäude und hob freudig den Kopf als es seine Besitzerin und mich zu sich kommen sah. Das Tier hatte eine sehr lange, weiße Mähne, die beinah seine Augen verdeckte - das restliche Fell besaß ganz genau dieselbe Farbe, war jedoch mit einigen großen, braunen Flecken gemustert.
Bald fuhr Spencers Tochter dem Pony mit der Hand ganz zärtlich und behutsam durch dessen Mähne, und da strahlten ihre Augen geradezu - sie schien das Tier wirklich überaus gern zu haben.
"Das ist wahrlich ein sehr schönes Pony", sprach ich. "Emptiness sagtest du, hast du es genannt?" Sie nickte und wir blieben noch ein paar Minuten im Stall. Währenddessen streichelte sie weiterhin das still und friedlich dastehende Geschöpf, gedachte dabei jedoch fast kein einziges Wort mit mir zu wechseln... So kam es dann auch, dass ich ziemlich bald schon sagte: "Wenn du mich bitte entschuldigen würdest, ich muss allmählich aufbrechen. Aber wenn ich dann bei euch arbeite, werde ich ja ohnehin noch viele Male Gelegenheit haben dies wunderbare Tier zu besuchen!"
"Bestimmt", meinte sie und führte mich sogleich in Richtung Tür. "Auf Wiedersehen, Emptiness", sprach Silence noch mit einem Lächeln auf den Lippen, dann löschte sie das Licht. Aber einen Moment später, es schien so, als sei dem Mädchen irgendeiner besonderer Gedanke gekommen, wurde ihr Blick auf einmal niedergeschlagen, nachdenklich und traurig. Doch bevor ich überhaupt viel darüber nachsinnen konnte, was sie wohl bedrücken möge, wich sie auch schon meinen Blicken aus und führte mich zurück zu Sir Spencer und zu Secret, welche bereits vor dem Haus auf uns warteten. - Shadow war jedoch noch nicht wieder zurückgekehrt. Wir sprachen einige, vorerst letzte Worte miteinander und Spencer bestellte mich am Samstag ungewöhnlich früh zu sich, bereits sechs Uhr Morgens sollte ich bei ihm sein. Mein Gepäck könne ich allerdings auch ruhig erst später nachholen, meinte er und dann verabschiedeten wir uns und ein langwieriger, nächster Tag stand mir bevor.
Gleich am Morgen erzählte ich Maximilian von den, auch für ihn, völlig unerwarteten Neuigkeiten. Und obwohl er nun beinah umsonst ein Zimmer für mich vorbereitet haben sollte, war er doch sehr erfreut über mein Glück und wünschte mir von ganzem Herzen alles Gute. Wenig später musste er sich jedoch für ein paar Stunden entschuldigen, da er noch verschiedene Arbeiten zu erledigen hatte. Ich verbrachte die Zeit indessen damit, bereits jene Dinge von meinem Gepäck zu verstauen, welche ich den restlichen Tag nicht mehr brauchen würde. Und als auch dies getan, begab ich mich noch auf einen längeren Spaziergang durch große Teile des Dorfes, denn ich dachte mir, ein wenig Ortskenntnis könnte bei meinen zukünftigen Aufgaben auf keinen Fall schaden. Durchaus müde kehrte ich am frühen Abend zurück und legte mich sogleich zur Ruh. Schließlich musste ich mich am nächsten Tag schon in aller Früh auf den Weg zu Sir Spencers Anwesen machen.
Es war sicherlich der großen Aufregung und den zahlreichen, von mir gehegten, Erwartungen zu verdanken, dass ich ohne jedes Zutun schon kurz nach vier Uhr morgens wieder erwachte. Zu dieser Zeit war es draußen noch dunkel und ein dünner, feuchter Nebelschleier lag über dem Tal, das ich von meinem Zimmer aus zu großen Teilen überblicken konnte. Eigentlich vermisste ich diesen kleinen Raum schon jetzt, so gut gefiel er mir, und hoffte, bei Sir Spencer würde ich ein ähnlich angenehmes Gemach vorfinden. Noch einmal schaute ich mich um, ob ich denn auch nichts wichtiges vergessen hatte. Nein. Ich zog mich an und - es war eigentlich noch viel zu früh - verließ bereits eine Stunde später das Haus. Es begann nun allmählich zu dämmern und eine sehr traumhafte, geradezu gespenstige Stimmung lag über dem ganzen Land. Zwar war am Horizont bereits ein schmaler Lichtstreifen zu erkennen und der Nebel hatte sich zum größten Teil verzogen, doch tief unten, von den Tälern her, da stieg noch immer kalter Dunst auf. Soweit ich blicken konnte, war ich der einzige, welcher zu dieser Zeit schon aufgestanden war. Nur einige erste Vögel kamen mit fortschreitender Uhrzeit aus ihren Verstecken hervor und ließen von hoch oben ihre Gesänge ertönen.
Als die Sonne dann wenig später immer näher an den Horizont heranrückte und kurz vor ihrem Aufgang stand, da war ich bereits an der Kreuzung zu der Straße angelangt, an welcher sich auch Sir Spencers Grundstück befand. Und noch immer war ich viel zu früh. Glücklicherweise lud gerade da eine alte Holzbank zum Verweilen ein; ich setzte mich und betrachtete den rötlich-violetten Morgenhimmel. Die Bäume und die Gebäude davor waren nicht mehr als dunkle, unwirklich wirkende Scherenschnitte vor einer mehr als atemberaubenden Kulisse - ich mochte den frühen Morgen und vor allem den Moment, in dem die ersten Strahlen der Sonne aufblitzen. Bevor es aber dazu kommen sollte, erinnerte mich der laute Schrei eines Hahnes daran, wieder aufzubrechen. Während den letzten Meter war ein stolzer, krächzender Rabe mein Begleiter, der mich erst dann verließ, als ich vor dem großen, gusseisernen Tore vor Sir Spencer Haus stand. Und irgendwie mochte die Morgenluft wohl meine Sinne betäubt haben, viele Momente lang stand ich nämlich einfach nur so da und schaute hinüber zu dem großen, von bläulichen Dunst verhangenen Herrenhaus. Ein heftiger, seltsamer Schauer überkam mich in jenem Augenblick und ich vermochte nicht, mich festzulegen, ob dafür die kühle Luft oder eine Art von Angst vor dem Bevorstehenden verantwortlich war. Aber als dann, es war nun fast genau sechs Uhr, die Sonnenstrahlen zwischen den Fichten des weit entfernten Waldes hindurchblinzelten, fasste ich mit einem Male neuen Mut und schüttelte jegliche Zweifel von mir ab, unterdrückte alle Skepsis und alle Bedenken und das sollte auch für die folgenden Wochen so bleiben.
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