http://www.sommersonnenwende.info

... Secret, Shadow, Snow und Silence
Des Niederganges erster Teil - Abschnitt 02
(Wichtig: Sämtliche Rechte am Text liegen beim Verfasser, Sylvio Konkol, das Kopieren oder Weiterverbreiten ohne dessen Zustimmung ist nicht erlaubt!)

Viel Spaß beim und danke fürs Lesen!

Kommentare? - Secret, Shadow, Snow und Silence im Forum



Am nächsten Tage wachte ich erst ziemlich spät gen Mittag auf; die Sonne stand bereits hoch am Himmel, ein wenig Wind war aufgekommen. Zwar war es warm, doch längst nicht mehr so unangenehm schwül und die Sinne betäubend wie noch am Abend. All die Geschehnisse der letzten Nacht und auch viele des ihr vorangegangenen Tages erschienen mir nur mehr wie ein ganz besonders wunderlicher Traum. Doch war das ein Traum, der mir einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte!
Ablenkung gedachte ich bei meinem guten Freund Maximilian zu suchen, welchem ich nun endlich einen Besuch abstatten wollte. Ich lernte Max ein paar Jahre zuvor während meines Kunststudiums kennen: Zwar studierte er stattdessen, wie sie sich wohl schon denken können, Theologie, als es jedoch einmal zu einem ganz zufälligen Gespräch zwischen uns kam, sagte er mir, dass auch er liebend gern male. Bald zeigte er mir einige erstaunlich gute Bilder, genau genommen waren diese sogar deutlich besser als es die meinigen zu jener Zeit waren. Wir wurden schnell zu guten Freunden und blieben auch dann noch in Kontakt, als er das Studium bereits beendet hatte. Im Frühjahr schrieb er mir nun, dass er mittlerweile in einem kleinen Dorf namens K... Pfarrer sei, und fragte mich ob ich ihn denn bei Gelegenheit einmal besuchen wolle. Zwar hatte ich mein Studium zu dieser Zeit bereits beendet, diverse andere Verpflichtungen sollten es mir aber nicht möglich machen der Einladung noch vor dem Sommer nachzukommen.
Gleich nachdem ich im Gaushause zu Mittag gegessen hatte, folgte ich dem Weg, welchen mir Silence am Abend zuvor geschildert. Es war wirklich nicht weit, noch dazu sehr einfach zu finden, sodass wohl kaum mehr als fünf Minuten vergingen, bis ich Maximilian Lindners Haus erreichte. Es war allem Anschein nach schon etwas älter, verhältnismäßig groß allerdings und umgeben von einem ein klein wenig verwilderten Gärtchen. Außen war das Gebäude mit rot gestrichenem Holz verkleidet, das Dach war schwarz.
Ich betätigte kurz den Klingelknopf und schon einen Moment später konnte ich Maximilian durch die Glasscheibe der Haustür hindurch auf dieselbige zukommen sehen. Max war sowohl von recht durchschnittlicher Größe als auch Statur. Sein kurzgeschnittenes, volles Haar wies, obwohl er gerade einmal dreißig Jahre alt, schon viele graue Strähnchen auf. Ansonsten war sein Gesicht fein säuberlich rasiert, die Nase und die Lippen schmal, und er hatte sehr schöne blau-grüne Augen.
"Christopher!", rief er erfreut als er die Tür geöffnet und umarmte mich freundschaftlich. "Willkommen!"
"Guten Tag!", antwortete ich. "Wie geht es dir?"
"Alles nach seiner Zeit!", sagte er lachend. "Nun komm doch bitte erst einmal herein!" Und ich folgte seiner Aufforderung.

Im nachfolgenden Teil meines Berichtes möchte ich sie nur ungern mit belanglosen Kleinigkeiten langweilen, weshalb ich mich äußerst kurz fassen werde: Nachdem wir über die üblichen, für uns zwar interessanten, für den Leser aber sicherlich vollkommen irrelevanten Dinge geredet hatten - Dinge über die man eben so zu sprechen pflegt, wenn man sich lang nicht gesehen - sagte mir Maximilian, dass ich nun doch bei ihm im Haus übernachten könne. Dies war nämlich bis zum Antritt meiner Reise fraglich geblieben, da er notgedrungen seine Schwester (sie lebte in einem der Nachbarorte) für einige Zeit bei sich aufnehmen musste, kam es doch in dem Hause der Ärmsten zu einem verheerenden Brand. Mittlerweile seien jedoch alle Dinge wieder mehr oder weniger zum Besten bestellt und sie konnte schneller als erwartet wieder dort einziehen.
Ich wiederum holte noch am Nachmittag mein Gepäck vom Gasthaus ab und brachte es in das Zimmer, welches Maximilian für mich vorgesehen - ein sehr schöner, wunderbar heller Raum an der Südostseite des Gebäudes. Hier hätte ich es wohl, ohne jedes Anzeichen von Verdruss, so lang aushalten können, wie mein Aufenthalt ursprünglich geplant war (doch sollte sehr bald schon alles ganz anders kommen).
Am Abend ergab sich endlich die Gelegenheit, eine etwas längere Zeit mit Maximilian über Sir A.T. Spencer zu sprechen. Max erzählte mir, dass er sich mit ihm überaus gut verstand, ihn sogar regelmäßig einmal in der Woche persönlich besuche. Er sagte mir auch, und das war es natürlich, was mich ganz klar am meisten interessierte, dass Sir Spencer vier Töchter habe: Die älteste von ihnen, mit Namen Secret, zähle sechszehn Lebensjahre, Shadow fünfzehn, Snow vierzehn und zu guter Letzt, ich kannte sie ja bereits, Silence - dreizehn Jahre jung. Im Übrigen habe Maximilian Fräulein Silence selbst erst ein einziges Mal gesehen, genauer am letzten Sonntag nach dem Gottesdienst. Laut Spencer hätte sie sich nämlich lange Zeit bei einer Bekannten am Meer aufgehalten, wo sie sich von einer langwierigen und schweren Krankheit erholen sollte.

Und irgendeine Krankheit war dem Mädchen - Gott sei Dank - zumindest äußerlich nicht im geringsten anzusehen. Ach, wie gern wollte ich sie doch noch ein weiteres Mal erblicken! Für ihre Schwester, dem Alter nach wahrscheinlich Secret, oder allenfalls noch Shadow, galt ganz genau dasselbe. Leider, und das war für mich besonders traurig, hatte ich ihr Bild schon nach nicht mal einem Tage kaum mehr vor meinen Augen. Dafür, dass es in dem Moment als ich sie gesehen, niemanden Schöneres auf der Welt für mich gegeben, war das doch äußerst ungewöhnlich. Kaum mehr als ein langsam verblassender Traum waren die Mädchen zu diesem Zeitpunkt noch für mich.
Und Gleiches galt auch für das Fräulein, welches mir in der Nacht begegnet war. So unterstützte es nur noch den Verdacht, dass auch sie eine von Spencers Töchtern sein könnte - genauso schön wie die beiden anderen war sie, daran bestand kein Zweifel. Auch sann ich darüber nach, hinter welchem Namen sie sich wohl verbarg, höchstwahrscheinlich Snow oder Shadow - ja, Shadow würde wirklich wunderbar zu ihr passen.
Aber wie bloß sollte ich eine erneute Begegnung herbeiführen? Ich wollte nur ungern irgendetwas dem Zufall zu überlassen. - Doch die Antwort auf diese Frage hatte mir Maximilian glücklicherweise bereits selbst gegeben: Wie erwähnt, besuche er Sir Spencer jede Woche, da sollte es doch für mich als guten Freund möglich sein, einmal mit ihm mitzugehen.
So trug ich Max mein Anliegen bereits am darauffolgenden Morgen, währenddessen wir gerade beim Frühstück saßen, vor: "Was denkst du, ob es wohl irgendwie möglich wäre Sir Spencer einmal zu begegnen?" (Nur um es noch ein Mal deutlich zu machen, von meinen Treffen mit dessen Töchtern hatte ich Maximilian noch kein Sterbenswörtchen erzählt.)
"Sicher!", erklang seine klare Antwort. "Er ist oft im Dorf anzutreffen, dabei fast immer auch zu einem Gespräch bereit - etwas, was ich sehr an ihm schätze." - Ich nickte.
"Aber womöglich gibt es sogar eine noch viel bessere Gelegenheit für dich", fuhr Max fort, "Wie wäre es, wenn du einfach morgen, denn dann besuche ich Abraham erneut, mit mir mitkämest?"
"Glaubst du, das wäre denkbar?"
"Für dich als guten Bekannten, noch dazu ein wunderbarer Maler - Abraham liebt die Malerei, sollte das kein Problem sein. Komm nur mit, abweisen wird er dich auf keinen Fall!"
Ich sagte Max selbstverständlich ohne jedes Zögern zu.
Den ganzen Rest des Tages verbrachte ich in freudiger Erwartung auf das Bevorstehende. Am späten Nachmittag zeigte mir Maximilian seine Bilder, und ich ihm ebenfalls die meinigen, obgleich ich nur eine Handvoll mitgebracht hatte. Ansonsten aber blieben besondere Ereignisse jeglicher Art an diesem Tage aus.

Bereits kurz nach neun Uhr am Morgen des nächsten Tages machte sich Maximilian, selbstverständlich in meiner Begleitung, auf den Weg zu Sir Spencers Haus. Erneut vergingen der Minuten nicht viele, bis wir auch schon die Straße an der sich das Anwesen befand erreicht hatten und kurz darauf sah ich die große Hecke, von welcher das gesamte Grundstück umschlossen war. Spätestens als wir am Eingangstor angekommen, wurde mir erst richtig bewusst von welch beeindruckendem Ausmaß und noch beeindruckenderer Pracht das Grundstück wirklich war und ich besah es mit großem Erstaunen, zumindest soweit, wie es von meinem Standort aus möglich gewesen. (Später werde ich es genauer beschreiben.)
Maximilian hatte unterdessen geläutet und ich wartete voller Spannung auf den, der wohl kommen möge. Würde Max gar von Sir Spencer selbst begrüßt werden? Oder viel eher von irgendeinem seine Bediensteten (welche ich in einem solch großem Hause einfach auch in vergleichbar großer Anzahl erwartete)? Oder sogar von einer seiner liebreizenden Töchter? Nichts hätte mich mehr erfreut als das, mehr sogar als die Begegnung mit einer Persönlichkeit wir A.T. Spencer selbst.
Und tatsächlich. Zwar konnte ich es eigentlich noch gar nicht erkennen, war mir aber dennoch schon vollkommen sicher, dass das Mädchen welches gerade aus dem Haus gekommen war, jenes Mädchen ist, welches ich schon zu aller erst getroffen als ich in das Dorf kam. Je weiter sie dem langen, schnurgeraden Weg vom Hause bis zum Tore wo wir standen entlang geschritten und näher zu mir heran gekommen, desto mehr offenbarte sich mir von ihrer unfassbaren Schönheit. Ein ganz und gar bildhübsches Lächeln strahlte auf ihrem von zarten Sommersprossen übersäten Antlitz und ihre rätselhaften Augen schienen durch mich hindurch zu sehen, beinahe wie durch Luft. Ihr süßes Näschen zuckte hin und wieder ein klein wenig, die warme Sommerluft mitsamt ihren zahlreichen, wohligen Gerüchen in sich aufnehmend; das lange, goldene Haar war zu einem Zopf gebunden. Jenes Kleid welches sie trug war äußerst einfach und schlicht, schmälerte ihre Schönheit jedoch in keiner Weise - nein, es brachte sie sogar mehr noch zum Ausdruck.
Benutzt man gewöhnlich das Wort 'atemberaubend', dann sicherlich nicht im wortwörtlichen Sinne, - in meinem Falle jedoch schon. Es fiel mir in der Tat äußerst schwer zu atmen und schon wieder war ich wie in einem Traum, da alles was außer dem Mädchen sonst noch um mich war, ganz in den Hintergrund getreten und ich bald darauf nur noch sie allein wahrnahm.
Als sie auf etwa zwanzig Meter zu uns herangekommen, flüsterte Max mir ins Ohr: "Das ist Fräulein Secret..." Fast überhörte ich es, so sehr war ich gebannt.
Bald darauf stand sie hinter dem Tor und währenddessen sie es öffnete, sagte sie zu Maximilian: "Guten Morgen Herr Lindner!"
"Guten Morgen Secret!", antwortete er. "Sag, es stört doch nicht, dass ich einen guten Freund mit mir gebracht habe?"
"Guten Morgen!", sagte ich freundlich.
"Nein ganz sicher nicht!", gab sie Max lächelnd zur Antwort und sah zu mir herüber. An ihrem Blicke und dem leichten Erröten der Wangen sah ich ganz genau, dass sie mich wiedererkannte. "Guten Morgen Herr...", begann sie.
"Christopher Mann. Sehr erfreut!", stellte ich mich vor und reichte Secret meine Hand - sie strecke mir die ihre entgegen und genau in dem Moment der Berührung schien etwas durch meinen Kopf zu schießen, was mich fast mit einem Mal in Ohnmacht fallen lies. Doch fehlte dazu noch ein wenig und ganz schnell war's mir wieder so, als sei nie etwas gewesen. Nur ein Gefühl von großem Glück und ebensolcher Freude hatte ich auch weiterhin. Und auf meiner Hand spürte ich noch die seltsame Kälte der ihren.
"Die Freude ist ganz auf meiner Seite! - Secret Spencer ist mein Name", sagte sie, sie hatte nichts gemerkt.

"Kommen sie doch bitte herein!", sagte das Mädchen, und nur zu gern leistete ich ihrer Aufforderung Folge.
Das Grundstück, welches wir nun betraten, war ganz einfach märchenhaft! Nie zuvor und auch kein zweites Mal hatte ich je einen solch schönen Garten gesehen. Ja, ein wahrer Zaubergarten war es - einer dem sogar das gelang, was ich einen Moment zuvor noch für unmöglich gehalten hätte; nämlich meine Gedanken für eine kurze Zeit von dem Mädchen wegzulösen und stattdessen auf sich selbst zu lenken.
Ihn zu beschreiben ist äußerst schwer. Nicht nur weil seine Schönheit beinahe schon vergleichbar war mit der von Spencers Töchtern, sondern auch weil mich der Aufenthalt in demselbigen jegliches Gefühl für Raum und Zeit vergessen ließ! Sekunden, Stunden, Tage, Wochen - alles schien sich nach seinem Belieben zu verändern. Es gab einzelne Minuten, die da waren wie eine halbe Ewigkeit - und Monate sollten vergangen sein, bevor ich sie überhaupt kommen sah.
In ähnlich sonderbarer Weise erschienen mir auch die Ausmaße des ganzen Grundstücks. Zwar kann ich ihnen jeweils gut beschreiben, wie ich es ganz persönlich wahrnahm, mit Schätzungen in Metern oder dergleichen möchte ich mich dann aber doch sehr zurückhalten.
Schon der Weg zum Hause hin war eine wahre Extravaganz, zu beiden Seiten gesäumt von jener Art des Roten Fächerahorns, deren Blätter ihre besondere Färbung auch den Sommer über beibehalten. Und die Lücken dazwischen waren mit den Sträuchern vieler verschiedener Beerenarten dicht gefüllt. Von diesem Weg aus war es somit also fast vollkommen unmöglich, einen Blick auf den Rest des Gartens zu werfen. Dies sollte ich erst dann können, als der Hauptweg von einem zweiten gekreuzt wurde. Das Fräulein Spencer blieb stehen und schaute, wie gewohnt mit einem völlig unwiderstehlichen Lächeln auf den Lippen, zu mir und Maximilian herum.
"Mein Vater ist am Garten", sagte sie und geleitete uns an der Abzweigung nach links.
Der Bereich des Geländes den ich nun erblickte, war, wie soll ich sagen, vielleicht etwas ungepflegter, nicht minder schön allerdings. Überhaupt war es das ‚Hässliche', gelegentlich Verwahrloste, welches den Garten erst zu dem machte, was er war. Da gab es nicht nur gut gepflegte und gewachsene, blätterreiche und gesunde Bäume - nein, auch welche die alt, verdorrt oder knochig waren.
Das war es dann auch, was ihn von Spencers Töchtern unterschied - denn diese waren durch und durch völlig perfekt.

Wir verließen nun den Weg und gingen über den Rasen in Richtung eines kleinen Gebäudes, welches sich im Schatten von vier oder fünf alten Kastanienbäumen befand. Erst glaubte ich, es sei nur eine Art Schuppen, bei genauerem Hinsehen wurde mir dann aber sehr schnell klar, dass es sich um einen kleinen Pferdestall handeln musste - mit Platz für höchstens drei Tiere allerdings, mehr nicht. Er schien sehr alt, das Holz dunkel und verwittert, an einigen Stellen hatte es Ausbesserungen sichtlich nötig.
"Hat Spencer Pferde?", fragte ich Max.
Er schüttelte den Kopf. "Nein, ich glaube nicht..."
Ich nickte bedächtig, dann fiel mein Blick ganz unbewusst wieder auf Secret. Diese führte uns unterdessen um den Stall herum, hin zur anderen Seite. Als ich um die Ecke bog, erblickte ich vor dem Gebäude einen Mann der gutmütig lächelnd zur Stalltür hineinschaute, währenddessen er irgendetwas sagte, was ich jedoch nicht verstehen konnte.
"Papa! Herr Lindner ist gerade gekommen!", rief Secret laut, währenddessen sie auf ihn, nun zweifellos von mir als Sir A.T. Spencer enttarnt, zuging. Spencer war sehr groß und überragte mich wohl beinahe um zwei Kopflängen - wobei ich aber nicht außer Acht lassen möchte, dass ich selbst zweifellos sehr klein bin. Aber ich glaube, dies erwähnte ich bereits zu einem früheren Zeitpunkt.
Ansonsten war Spencer von schlanker Statur und hatte breite Schultern und seine Ausstrahlung war sehr vornehm und würdevoll. Das Antlitz wirkte gleich auf den ersten Blicke überaus intelligent (und auch sehr jugendlich, für sein Alter von immerhin schon siebenunddreißig Jahren) und ließ auf einen gründlichen, zuverlässigen Menschen schließen - ganz genauso, wie ich ihn mir auch ihm Vorfeld immer vorgestellt hatte.
Gekleidet war Spencer einfach und zweckgemäß - schwarze Hosen, weißes Hemd. Sicherlich war beides von guter und teurer Qualität, für den bloßen Betrachter aber nicht sofort als solche erkennbar.
"Einen schönen guten Tag!", sprach Maximilian.
"Guten Tag!", sagte auch ich, noch etwas zögerlich und zurückhaltend allerdings.
Sir Spencer grüßte freundlich zurück, fast schon überschwänglich um genau zu sein. Seine Stimme war deutlich und exakt, hörte man genau hin, dann war ein nur geringfügiger, englischer Akzent vernehmbar.
Das Gesicht war schlank und wohl ungefähr schon seit zwei Tagen nicht mehr rasiert. Er trug eine Brille mit einem überaus feingliedrigen, dünnen Gestell und kleinen, kreisrunden Gläsern. Die Augen hinter diesen waren dunkel und zierlich, - mein Spiegelbild ganz klar darin zu sehen - und die Brauen äußerst schön geschwungen. Seine Nase war schmal, die Lippen vom Rest des Gesichtes farblich kaum zu unterscheiden und das Haar kurz geschnitten und schwarz-grau. Sehr markant war ein dünner Zopf, welcher an der rechten Seite seines Kopfes hinabhing.
"Ich sehe, ich habe noch einen weiteren Gast", sagte er freundlich zu mir und schüttelte mir kräftig die Hand.
"Mann ist mein Name, Christopher Mann. Ich freue mich, sie kennen zulernen", entgegnete ich ihm und verbeugte mich kurz.
"Sehr erfreut", meinte er und wendete sich dann mit einem dezent fragenden Blick Maximilian zu.
"Herr Mann ist ein guter Freund von mir, der mir für den restliche Zeit des Sommers gern einen Besuch abstatten möchte. Der Grund jedoch, warum ich ihn überhaupt mitgebracht, ist folgender: Christopher ist einfach ein großartiger Maler - und da dachte ich mir, ich kann gar nicht anders, als ihn dir einmal vorzustellen!"
"Sehr gern", stimmte Spencer ihm zu, bevor er wieder mich ansprach. "Fühlen sie sich recht herzlich willkommen"
"Danke. Es war ohnehin ein großer Wunsch, sie einmal persönlich kennen zu lernen. Ich verehre ihre Werke sehr, vor allem ihre wunderbaren Märchen", sagte ich schmeichlerisch, schon fast auf etwas übertriebene Art und Weise, wie mir aber erst hinterher klar werden sollte.
Spencer jedoch nickte nur bescheiden. "Nun gut..."

"Vermutlich möchten sie zu aller erst einmal meine Töchter kennen lernen?", fragte er mich daraufhin.
"Mit Vergnügen!", sprach ich, ohne mir aber besondere Begeisterung anmerken zu lassen. - In Wirklichkeit geschah es, dass mein Herz augenblicklich zu pochen begann, in der freudigen Erwartung nun endlich auch den beiden anderen Mädchen zu begegnen. Dann würde sich auch herausstellen, ob ich mit meiner kühnen Vermutung im Recht war, mit der Vermutung, dass auch jenes Fräulein, welches mir in der einen Nacht begegnet war, eine von Spencers Töchtern sei.
Zuerst deutete er auf Secret, welche nah bei ihm stand: "Das ist die älteste von ihnen, Secret ist ihr Name."
Ich nickte. "Ja, ich hatte bereits das Vergnügen."
"Umso besser. Als nächstes meine Jüngste...", begann Sir Spencer, woraufhin er ins Innere des Stalls rief: "Silence! - Komm doch bitte einmal her! Ich möchte dich gern einem Gast vorstellen."
"Was tut sie denn im Stall?", erkundigte sich Maximilian.
"Ach...! Ich glaube ich habe bisher ganz versäumt es dir zu sagen. Gewissermaßen als Willkommensgeschenk habe ich für Silence ein Pony gekauft."
"Oh! Hat sie es denn schon lieb gewonnen?"
"Ach, du glaubst mir gar nicht, wie gern sie es hat!", sagte Sir Spencer, selbst sichtlich erfreut darüber.
"Und der Name? Hat sich Silence schon einen überlegt?"
"Nein, leider bisher noch nicht... Sie möchte wohl so lange warten, bis sie einen Namen hat, den sie wirklich als 'perfekt' betrachtet."
"Natürlich! Warum auch sollte man das Mädchen drängen?", meinte Maximilian.
"Ganz richtig. - Silence! Wann kommst du endlich?", rief Spencer dann noch ein weiteres mal.
Einen Augenblick später kam sie jedoch schon aus dem Dunkel des Stalles heraus. Wie süß und geheimnisvoll sie doch aussah - mehr noch als in meinen seltsam blassen Erinnerungen. Anfangs war ihr Blick ganz leer, doch in jenem Moment als sie mich erneut erblickte, wich diese Leere ganz einem noch seltsameren Ausdruck irgendwo zwischen großem Glück und noch viel größerer Trauer.
"Guten Morgen", sagte sie nur und ich grüßte ebenso zurück.
"Also das ist Silence", sagte daraufhin Sir Spencer.
"Schön dich kennen zu lernen!", sprach ich. Ich glaubte, es sei besser, nicht zu sagen, dass ich dem Mädchen bereits einmal begegnet.
"Und dies ist Herr Mann", fuhr Spencer alsbald fort. "Ein guter Freund Herrn Lindners und von Berufswegen Maler. Er wollte uns gern einmal einen Besuch abstatten."
Silence nickte nur kaum merklich und stumm, deutete bereits an, wieder gehen zu wollen. Doch da wendete sich Maximilian ihr zu: "Ich hörte, du weißt noch gar nicht, wie du dein Pony nennen willst?"
Silence schüttelte den Kopf.
"Ich bin sicher dir fällt schon bald etwas ein. Gefällt es dir denn mittlerweile in K...? Oder vermisst du das Meer?"
"Nein, daran lag mir nie sehr viel", begann sie in dem, von ihr gewohnten, ruhigen Tonfall. Doch dann wurden ihre Worte kraftvoll und laut. "Wie denn auch? Wie?!", fragte sie.
Nicht nur ich, auch Maximilian war überrascht davon. Eine Weile lang blieb es still. Gerade schien es ganz so, als wolle Sir Spencer sie irgendwie beruhigen oder dergleichen, da fuhr sie in sanften Tonfall fort: "Aber hier mag ich es sehr. Es ist schön warm, die Sonne scheint, Vögel zwitschern und Wind rauscht durch die Bäume, der Mond geht auf - und wieder unter, das Wasser im See ist erfrischend kühl und am Himmel ziehen die Wolken vorbei, formen wunderschöne Bilder. Ich glaube, es gefällt mir hier."
Max lächelte. "Das ist schön. Und mach dir keine Sorgen, auch ich musste mich anfangs erst an die neue Umgebung gewöhnen."
Silence Antlitz blieb ausdruckslos, einmal nur sah sie noch kurz zu mir herüber, dann lief sie wieder weg. Kurz blieb das Mädchen aber noch stehen, währenddessen sie, ohne sich noch einmal zu uns herum zu drehen, sagte: "Jetzt weiß ich, wie der Name sein soll." Eine kurze Pause folgte. "Emptiness."
"Emptiness... die Leere. Nun gut", sagte Spencer. Unterdessen war Silence schon wieder im Stall verschwunden.

"Secret, hast du Shadow irgendwo gesehen?", fragte er anschließend.
"Nein. Ich glaube sogar, sie ist noch nicht einmal aufgewacht."
"Sie schläft noch immer?" Spencer seufzte. "Es tut mir leid", sagte er dann zu mir, "aber offenbar werden sie ihre Bekanntschaft jetzt doch nicht mehr machen können."
"Das ist zwar schade", dies der wahre Teil meiner Antwort darauf, nachfolgend der gelogene, "allerdings wirklich nicht schlimm. Machen sie sich meinetwegen bitte keine Umstände!"
Spencer nickte bejahend. "Doch auch meine vierte Tochter werde ich ihnen nicht vorstellen können", fuhr er fort. "Sie ist nämlich momentan auf Reisen."
"Verstehe...", sagte ich ein wenig enttäuscht, sollte ich an jenem Morgen doch scheinbar weder Snow noch Shadow begegnen können. Die einzige Sache, welche diese Enttäuschung in wirklich großem Maße linderte, war ganz einfach die, dass ich sowohl Silence, als auch Secret erneut getroffen hatte und Letztere sogar noch bei mir war. Und zwar sollte sie das auch weiterhin bleiben, denn kurz darauf sagte Sir Spencer: "Secret?"
"Ja?", fragte sie.
"Warum führst du den Herrn nicht ein wenig herum, währenddessen ich mich mit Maximilian unterhalte? Sicherlich interessiert er sich auch für meine Gemäldesammlung. - Oder wie denken Sie, Herr Mann?"
"Mit Vergnügen!", antwortete ich.
"Wenn das so ist...", begann Secret, "Kommen sie doch bitte mit!"
Sie führte mich nun durch den vom Eingang des Anwesens aus links neben dem Hauptgebäude liegenden Teil des Grundstücks und dann weiter bis hinter das Haus, wo sich das Anwesen noch bis weit in die Ferne fortsetzte, genauer erst nach einigen hundert Metern von einem Wald begrenzt wurde. Doch auch dieser, oder wohl viel eher Teile davon, schienen noch zum Grundstück zu gehören, denn irgendeine Begrenzung war nirgends zu entdecken und die schon angesprochene, hohe Hecke die sonst den Garten umzäunte verlor sich irgendwo im Wald. Ansonsten war der Bereich zwischen dem Haus und dem Wald geprägt von großen Feldern, welche abgesehen von ein paar wenigen Bauwerken, zum Beispiel einem wunderschönen Brunnen, fast vollständig leer waren. Nur wenige Bäume säumten die Landschaft, ausgenommen ein kleines Wäldchen, welches sich ungefähr in der Mitte dieses Bereiches befand und allem Anschein nach künstlich angelegt worden war.
"So treffen wir uns also wieder", sagte ich nach einer Weile.
Secret lächelte. "Ja, damals glaubte ich noch, sie seien nur auf der Durchreise."
"Mitnichten. Ich habe durchaus vor, noch einige Wochen lang zu bleiben."
In Wahrheit wäre ich am liebsten nie wieder gegangen, wollte gern ewig bei dem Mädchen bleiben, welches nun erstmals so dicht neben mir lief. Selbst dann wenn die Zeit still stehen würde, dann wenn Hundert und wieder Hundert Jahre vergehen würden, würde ich ihrer Anmut und ihrer Pracht wohl nie müde werden. Immer wieder wollte ich das reizende Blinzeln ihrer Augen bewundern und eben sooft ihre Lippen, all die Worte, die sie sagte zu einem Klange formend, der lieblicher war als jeder anderer Ton, den ich auf dieser ehemals großen, doch nun in meinem Geiste auf das Mädchen reduziert zusammengeschrumpften, Welt zuvor gehört. Schon damals, als ich sie überhaupt erst wenige Minuten lang gesehen, konnte und wollte ich mir kein Leben mehr vorstellen, ohne den Anblick ihrer blassen, sommersprossigen Wangen und ohne den Momenten in denen sie einfach nur mit der feuchten Zunge über ihre Lippen strich.
Viele Menschen hatte ich mit meinen dreiundzwanzig Lebensjahren schon auf dieser Welt gesehen, doch niemand von ihnen war wie Secret. Zweimal schon glaubte ich, wirklich und über alles in jemanden verliebt zu sein, zweimal glaubte ich, dass ich für jemanden alles tun würde. Wie oft dankte ich Gott dafür, dass er mir besagtes möglich gemacht...? - Und das obwohl beide Liebschaften letztendlich unglücklich verliefen. Wie gesagt, ich hatte gedacht, ich wäre verliebt und ich würde Gefühle hegen, die nicht noch mehr zu steigern waren, - doch was waren diese längst vergangenen Gefühle verglichen mit denen, die ich nun für Secret empfand?
Nichts.
Und deshalb stand zu jenem Zeitpunkt bereits fest, dass ich auf jeden Fall noch sehr viel länger in diesem Ort zu bleiben gedachte.

Nur wenig später gelangten wir zu einer großen Terrasse, welche sich an einen Wintergarten an der hinteren Seite des Hauses (der Südseite) anschloss. Dort blieb Secret stehen und fragte: "Möchten Sie sich die Gemäldesammlung meines Vaters nun ansehen?"
"Ja, sehr gern", antwortete dich.
Daraufhin schlug sie vor: "Dann gehen wir am besten hier durch den Wintergarten, denn so brauchen wir nicht wieder rings um das Gebäude zu laufen."
Ich stimmte nickend zu und so gingen wir über die Terrasse und betraten dann mittels des Wintergartens das Gebäude. Dieses war im Übrigen gar nicht so derartig groß, wie ich es von der Straße aus gesehen vermutet hatte. Selbstverständlich waren seine Ausmaße ganz beträchtlich, nicht größer allerdings als bei einigen anderen Herrenhäusern welche ich zuvor gesehen. Der Grund, warum mir dieses hier anfangs so gigantisch vorkam, mochte wohl der gewesen sein, dass der lange, schnurgerade Weg, welcher vom Eingangstor bis zum Hause hinführte, ganz den Eindruck erweckte, als sei dieses viel weiter entfernt als es tatsächlich der Fall war. Doch von derartigen Dingen, von solchen Spielchen mit der Sinneswahrnehmung, erzählte ich ihnen ja bereits.
Im Inneren des Hauses angelangt, folgte nach dem Wintergarten zu aller erst ein dunkler Gang, welcher die meisten Zimmer des Erdgeschosses miteinander verband. Da er komplett fensterlos war, musste Secret erst das Licht einschalten, bevor sie mich in den Raum führte, welcher dem Wintergarten direkt gegenüber lag. "Bitte, treten Sie doch ein!", sagte sie.
Den Grundriss des nun folgenden Zimmers stellen sie sich am besten als Quadrat vor, von dessen unterer, linker Ecke allerdings eine bogenförmige Begrenzungslinie zur Mitte der rechten Seite der Figur führt. Diese bogenförmige Außenwand war fast vollständig mit großen Fenstern ausgefüllt, gleiches galt im Übrigen auch für die darüber liegenden Zimmer und ebenfalls für das gespiegelte Gegenstück in Form des Ostflügels des Gebäudes. Aufgrund dieser großen Fensterfront waren die nach Norden ausgerichteten Räume (also auch der, welchen ich gerade betreten hatte) somit nur wenig dunkler als all die anderen, welche kleinere und nicht so viele Fenster besaßen.
Abgesehen von dieser Tatsache war das Zimmer jedoch vollkommen beherrscht von vier gigantischen Landschaftsbildern, welche sich an den beiden Innenwänden befanden. Außerdem hingen unter jedem von ihnen noch weitere, kleinere Gemälde, welche aber allem Anschein nach nichts mit dem dazugehörigen, großen Bild gemein hatten und auch sich selbst in keiner Weise ähnelten.
Auf den ersten Blick glaubte ich, die großen Gemälde würden einfach eine bestimmte Landschaft zu allen vier Jahreszeiten darstellen, was sich aber schnell als Irrtum entpuppte, denn ein Herbstbild fehlte völlig. Die Darstellung der gezeigten Landschaft war auf allen vier Bildern beeindruckend realistisch und detailverliebt, die Gegend selbst ganz malerisch.
Das von links aus betrachtet erste Bild, zeigte einen wunderschönen, hellen Sommertag, wahrscheinlich im Juni. Auf dem weiten Feld im Vordergrund des Bildes wuchsen unzählige, bunte Blumen und nicht weit in der Ferne war ein kleiner, kristallklarer See auf dessen Oberfläche sich das warme Licht der Mittagssonne spiegelte. Er war gesäumt von vielen Bäumen, deren Zweige sich leicht in einer sanften Brise neigten und ich glaubte beinahe hören zu können, wie die Vögel zwitscherten und die Blätter leise rauschten.
Bei Betrachtung des zweiten Bildes jedoch hörte ich nur eifriges Grillengezirpe und ganz leis' das Plätschern eines bescheidenen Bächleins, welches den See mit Wasser versorgte. Alle anderen Geräusche schienen gemeinsam mit der langsam untergehenden Sonne zu verstummten, deren Licht den Himmel nun blutrot färbte und ebenso das Wasser im See. Noch immer lag die Schwüle eines heißen Augusttages über dem Land und lies nur einen ganz verschwommenen Blick auf die weit entfernten Berge am Horizont zu, welche aber ohnehin längst von Dunkelheit verschleiert waren.
Vollkommen Nacht war es aber erst auf dem dritten Gemälde; doch nun nicht mehr zur Zeit des Sommers, sondern irgendwann im Winter. Das Feld war jetzt von Schnee bedeckt, der See und das Bächlein zugefroren und die Bäume nicht mehr als schaurige Silhouetten im Licht eines sichelförmigen Mondes. Und jenes Licht war genauso warm wie auch kalt...
Was würde mit dem einsamen Wanderer geschehen, der darunter spazieren ginge? - Er würde wohl unmerklich geblendet und verführt und nicht mehr wissen was um ihn geschieht... würde Tod und Leben vergessen, das Licht nicht mehr sehen, doch auch nicht die Schwärze, nur noch den Mond dort oben am Himmel und am Morgen schon läge er darnieder am Boden!

"Gefällt Ihnen das Bild?", fragte Secret, mich aus meinen Gedanken reißend.
Ich antwortete allerdings nur mit einem kurzen Nicken und besah sogleich das vierte Gemälde, auf welchem die Landschaft ganz unter dünnem Regen verborgen lag. Das Feld war nun von Feuchte überzogen und über dem See lag ein dichter Schleier aus Dunst. Während des dargestellten Frühlingsmorgens drang das Licht der Sonne nur ganz schwach durch die dichten Wolken hindurch, die Berge im Hintergrund waren schon verschwunden und auch der Wald verschmolz allmählich mit dem Nebel, war fast nicht mehr als einzelnes zu erkennen.
"Das sind wirklich sehr schöne Bilder", antwortete ich nun. "Wissen Sie wer sie gemalt hat? Und wo?"
"Tut mir leid, den Namen des Malers kenne ich nicht. Aber sicherlich weiß ihn mein Vater. Oder vielleicht lässt er sich auch entziffern...", meinte Secret und versuchte die Unterschrift auf dem Bilde zu lesen. "Nein, ich kann nichts erkennen", meinte sie kopfschüttelnd. "Aber wo es gemalt wurde kann ich Ihnen sagen. Es war ganz in der Nähe von dem Grundstück, welches mein Vater in Schweden besaß und wo wir einige Jahre lang wohnten."
"Aha", sagte ich. "Die Bilder sind wahrhaftig ganz beeindruckend. Der Künstler hat jede noch so kleine Sache beachtet und bringt die jeweiligen Stimmungen hervorragend zum Ausdruck!"
Einen kurzen Moment lang war es daraufhin still. Ich sah Secret an und auf einmal begann sie ganz verlegen: "Herr Mann... Ich weiß nicht ob Sie Zeit dafür haben, aber..."
"Sagen sie ruhig, was sie sagen möchten!", forderte ich das Mädchen freundlich auf.
"Nun, auch ich habe vor einigen Tagen einmal ein kleines Bild gemalt. Ich weiß nicht... - Ob Sie es sich denn vielleicht einmal anschauen wollen? Ich habe es bisher noch niemanden gezeigt..."
"Dann zeigen Sie es mir!"
Secret lächelte und lief aufgeregt zur Tür. "Warten Sie am besten hier!", rief sie. "Ich hole lediglich das Bild aus meinem Zimmer."

Während der Zeit, die ich auf Secrets Rückkehr wartete, sah ich mich noch ein wenig im Raum um. Dieser war aber ansonsten nur sehr spärlich einrichtet, am Fenster befand sich noch ein Tisch, welcher an die gekrümmte Form der Wand angepasst war, und ein kleiner, einfacher Schrank - beides aus hellem Holz, wie auch der Fußboden des Zimmers. Außerdem gab es abgesehen von der Tür, durch welche wir den Raum betreten hatten, noch eine zweite, die hinaus in die Eingangshalle des Gebäudes führte.
Ich setzte mich wenig später an den Tisch und warf noch ein paar Blicke auf die Gemälde, welche sich von dort allesamt sehr gut erkennen ließen. Es dauerte jedoch gar nicht lang, bis Secret schon wieder zurück war und hastig zur Tür hereingestürmt kam.
"Oh, habe ich Sie erschreckt? - Entschuldigung!", sagte sie verlegen lächelnd und kam zu mir hin.
"Wirklich nicht die Rede wert!", antwortete ich. "Ich habe mir unterdessen erlaubt, mich ein wenig zu setzen."
"Nur zu!", meinte sie. "Und hier habe ich das Bild, bitte!"
"Danke", antwortete ich und besah mir sogleich das Blatt Papier, da die Ungeduld dem Mädchen förmlich ins Gesicht geschrieben stand und ich sie natürlich keinesfalls noch länger wollte warten lassen.
So gut es geht werde ich nun versuchen, Ihnen das Bild zu beschreiben, etwas was mir sicherlich nicht ganz leicht fallen wird, da der Stil, in dem es gemalt war, durchaus einen sehr ausgefallenen Charakter hatte - oder um genauer zu sein - mir sogar völlig unbekannt war. Erst nahm ich an, Secret hätte einfach 'drauf los' gemalt, dafür jedoch schien alles viel zu durchdacht.
Kurz zusammengefasst zeigte die Darstellung einen eigentlich recht dunklen, märchenhaft anmutenden Wald, der aber großenteils in helles Sonnenlicht getaucht wurde, welches durch eine Lücke im Blätterdach hereinbrach. Die Darstellung von Büschen, Gräsern und Bäumen war ziemlich fantasievoll, überall grünte und blühte es und die die Blätter erweckten fast den Anschein als seien sie kunstvollst gefertigte Ornamente - gleiches galt auch für das tiefe, dunkle Wasser eines kleinen Sees und den sich ineinander verwebenden, weiß-grauen Wolken. Ja sogar die zahlreichen Tiere (es gab da viele Vögel und Hasen, einen gewieft dreinblickenden Fuchs und noch einige mehr) fügten sich so in die Landschaft ein, dass sie kaum mehr von ihr zu unterscheiden waren. Der Hintergrund des Bildes jedoch war sehr viel einfacher dargestellt; schemenhaft, die Bäume wie von dünnem Nebel verschleiert - fast unwirklich wirkend, so wie in einem Traume.
Bevorzugte Farben schienen abgesehen vom allgegenwärtigen Grün vor allem auch Braun und Gelb zu sein, des weiteren hatte Secret erstaunlich viel Schwarz verwendet, welches in erster Linie bei den zahlreichen Schatten Verwendung fand. Alle Töne waren jedoch recht dezent und blass gehalten, fast hätte ich glauben können, vor mir läge ein altes Gemälde; von der Sonne gebleicht und vom Staube getrübt.
Was den Stil ansonsten noch betrifft reichte die Darstellung zwar in die Tiefe, hatte aber dennoch einen stark zweidimensionalen Charakter. Außerdem war markant, dass trotz der scharfen, klaren Wiedergabe alles wie aus einem Stück war und eine jede Sache in die andere überzugehen vermochte. Dabei schien es dem Bild geschickt zu gelingen, die Augen des Betrachters von einem ganz bestimmten Punkt fernzuhalten - und das obwohl sich gerade dieser deutlich vom Rest der Darstellung abhob. Es handelte sich um eine junge Frau mit langem goldenen Haar, welche an einem schattigen Baum nahe dem See lehnte und verträumt ins Wasser blickte.
"Sind Sie das?", fragte ich Secret.
"Ja...", meinte die Künstlerin ein wenig verlegen.
Ich nickte. "Wirklich sehr schön getroffen."
"Danke... Und sonst?", fragte sie mit freudigem Blick, doch ohne jenes Funkeln in den Augen, welches man nun bei den meisten anderen Leuten hätte sehen können.
"Es sieht sehr schön aus, definitiv! Der Stil in dem Sie zu malen pflegen ist äußerst interessant."
"Dann bedanke ich mich recht herzlich, dass Sie sich die Zeit genommen haben! Aber dürfte ich Ihnen noch eine Frage stellen?"
"Nur zu!"
"Wie lang haben Sie denn vor, noch hier im Ort zu bleiben?"
"Wissen Sie... vorhin habe ich selbst gerade erst darüber nachgedacht, es ist so schön hier - nach meinem Empfinden sehr viel schöner als in all den tristen Städten. Ja, fast schon kam mir der Gedanke, dauerhaft hierher zu gehen. Wie gesagt, nur ein Gedanke, doch bleiben werde ich in jedem Fall noch eine Weile."
Secret sah auf den Tisch und griff nach dem Bild. Sie warf einen Blick darauf, dann sah sie mir in die Augen. "Hier, ich möchte, dass Sie es haben!"
Ich war sehr überrascht. "Sie möchten es mir schenken? - Das kann ich doch nicht annehmen!", drückte ich mich sehr deutlich aus.
"Ja, ein Geschenk. Bitte nehmen Sie es!"
Ich seufzte: "Fräulein Spencer..."
"Wenn Sie es so nicht nehmen möchten, dann doch zumindest im Tausch mit einem Ihrer Bilder, nur ein kleines, unbedeutendes - das reicht mir. Was halten Sie davon?"
"Nun, da ich es Ihnen offenbar nicht abschlagen kann, einer so hübschen Dame widerspricht man sowieso nicht..."
"Danke!", fiel sie mir ins Wort und lachte ein wenig, wurde bald darauf aber ernst: "Ich möchte Sie nur bitten, niemanden etwas davon zu sagen!"
Ich zuckte mit den Schultern, denn einen Grund dafür konnte ich nicht einmal erahnen. "Wie Sie wünschen!", sprach ich dennoch und nahm das Bild, mich nochmals bedankend, entgegen.

Daraufhin legte ich es in meine Tasche und fragte Secret: "Haben Sie denn schon viele solche Bilder gemalt?"
Sie schüttelte nur den Kopf und klang ein wenig stolz als sie sagte: "Es war das erste Mal!"
Daraufhin drückte ich natürlich ganz erstaunt meine Bewunderung aus, da kam gerade Sir Spencer, gefolgt von Maximilian, zur Tür herein: "Hier sind sie ja, Herr Mann!", sagte er. "Secret hat Ihnen die Bilder gezeigt?"
"Natürlich!", antwortete ich, mich unterdessen vom Stuhl erhoben. "Es ist wahrlich eine schöne Sammlung, gerade die vier großen Gemälde gefallen mir sehr gut."
"Ja, sie sind wunderschön...", stimmte mir Sir Spencer in einem etwas verträumten Tonfall zu und dann betrachtete er lange Zeit das Bild mit der Winterlandschaft.
Bald jedoch trat Maximilian zu ihn heran: "Abraham?"
"Ja?", fragte Spencer und wendete seinen Blick vom Bilde ab.
"Ich glaube, allmählich werde ich wohl wirklich aufbrechen müssen. Vor dem Mittagessen möchte ich nämlich unbedingt noch ein paar Dinge erledigt haben."
"Nur zu Maximilian, nur zu, ich möchte sie nicht länger aufhalten!", sagte Spencer. Und schon kurz darauf geleitete er uns aus dem Zimmer hinaus, woraufhin wir die gar prächtige Eingangshalle des Hauses durchquerten. Warme Braun- und Rottöne, immer wieder dezent durchsetzt von edlem Gold prägten das Bild und im gesamten Erdgeschoss befand sich eine nicht zu verachtende Anzahl von Steinskulpturen und des weiteren viele kunstvolle Kerzenleuchter. Nach oben konnte man zwei Etagen weit, bis zum ersten Dachgeschoss schauen; somit war der Raum in etwa genauso hoch, wie er auch breit und lang war. Eine gegenüber vom Haupteingang des Hauses liegende Treppe führte hinauf zur Galerie des ersten Stockwerks, welche von schön verzierten Marmorsäulen gestützt wurde. Die Außenwand war dort ganz einem riesengroßen Fenster gewichen, welches sicherlich einen herrlichen Ausblick auf den Vorgarten bieten würde. Die sehr viel schmalere Treppe in den zweiten Stock ging von der rechten Seite der Galerie viertelkreisförmig nach oben und kam dabei ganz ohne weitere Stützen zum Erdgeschoss aus. Im Dachgeschoss bestand das Fenster, anders als jenes darunter, aus sehr schönem Buntglas, mit einer (beinahe abstrakten) Darstellung jedoch, von der eine fast schon unheimliche Art zerstörerischer Ruhe ausging: Am kahlen Strand eines blutroten, endlosen Meeres, welches überdeckt war von dichten, schwarzen Wolken - durchbrochen nur einmal durch eine tiefrote Sonne - sah man nicht mehr als einzig den dunklen Schatten von irgendeiner jungen Frau. Vor dem schien das Wasser angstvoll zu weichen - genauso auch mein Blick, nachdem ich dies Fenster gesehen und mich ein kalter Schauer überlaufen hatte.
Sir Spencer öffnete unterdessen die schwere Eichenholztür des Haupteingangs und wir gingen hinaus zu einem großen Platz vor dem Gebäude. Dort verabschiedeten wir einander und Spencer bot mir noch an, doch beim nächsten Male wieder mitzukommen - und zwar mit ein paar Bildern im Gepäck. Ich nahm das Angebot natürlich dankend entgegen.
"Auf Wiedersehen!", sagte auch Secret zu mir. Starker, jedoch warmer Wind war unterdessen aufgezogen und rauschte durch ihr goldenes Haar. Ich nickte ihr noch einmal zu, dann machten wir uns auf den Rückweg.

Gerade waren wir etwa hundert Meter gegangen, da vernahm ich noch einmal Spencers Stimme, genauer gesagt hörte ich ihn meinen Namen rufen. Ich drehte mich um und erkannte bald, dass er mir mit einer knappen Handbewegung andeutete, doch noch einmal zu ihn zu kommen.
"Offenbar möchte dir Abraham noch etwas sagen", meinte Maximilian.
"So scheint es... Du entschuldigst mich kurz?"
Max nickte und ich ging noch einmal zurück zu Sir Spencer. "Herr Mann", sagte er, als ich wieder bei ihm war, "dürfte ich Sie fragen, ob Sie heute Abend schon etwas vorhaben?"
"Nichts besonderes, nein", antwortete ich kopfschüttelnd.
"Nun, wenn das so ist, dann würde ich mich sehr freuen Sie etwas später, sagen wir gegen Sechs Uhr, noch einmal bei mir begrüßen zu können."
"Oh...", ich war erstaunt. "Herzlichen Dank für die Einladung - selbstverständlich nehme ich sie an!"
"Das erfreut mich sehr", sagte Sir Spencer.
"Jedoch interessiert es mich schon", fuhr ich fort, "zu wissen, welcher Umstand mir diese Ehre verschafft."
"Ich habe vor, Ihnen ein kleines Angebot zu machen... Und ich bin mir sicher, Sie werden es nicht ablehnen!", erzählte Spencer lächelnd.
"So?" Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon er sprach. Und er antwortete auch lediglich: "Alles weitere am Abend. Nun entschuldigen Sie mich bitte!"
"Selbstverständlich, auf Wiedersehen!", sprach ich.
"Auf Wiedersehen!", sagte auch er und ging zusammen mit Secret davon. Ich machte mich unterdessen auf, Maximilian wieder einzuholen.
"Was wollte Abraham denn noch von dir?", fragte er mich sogleich.
"Nun ja, er hat mich für heute Abend noch einmal zu sich eingeladen..."
"Ja?", fragte Max interessiert nach.
"Ich weiß auch nicht was Spencer genau will, er sagte nur, er wolle mir ein Angebot machen, eines, welches ich nicht ablehnen würde."
"Merkwürdig... Doch ist Spencer nicht selten so geheimnisvoll. Und wenn er sagt, du würdest es nicht abschlagen können, dann, da bin ich mir sicher, wird es auch so sein!"
"Meinst du? Ich warte besser ab... - Hast du denn etwas neues erfahren?"
"In der Tat!", antwortete Max begeistert. Wir waren unterdessen schon am Eingang des Grundstücks angekommen und verließen es gerade.
"Und?", fragte ich noch einmal nach.
"Nun, wie ich gestern bereits gesagt, hat unsere Kirche eine Restaurierung sehr dringend nötig, und... Sir Spencer möchte, ganz ohne, dass ich ihn überhaupt danach gefragt, gern etwas zu den Kosten dafür beitragen. Und zwar nicht gerade wenig! Er sprach von fünfhunderttausend - oder mehr -, je nachdem was anfällt!"
Ich staunte schon wieder. "Das muss doch selbst für einen Mann wie ihn eine sehr große Summe sein!"
"Mit Sicherheit! Andererseits... geizig war er noch nie. Und ich kann es natürlich nur begrüßen!", sagte Max und ich nickte zustimmend.

Schon wenige Minuten später war ein lautes Grollen aus der Ferne zu hören, nach dem plötzlich so kräftigen Wind ein zweites, sehr viel deutlicheres Anzeichen eines nahenden Gewitters. Und tatsächlich, gerade noch rechtzeitig bevor die ersten Blitze am verdunkelten Himmel entlang zuckten und ein starker Regen über den Ort niederging, fanden wir Zuflucht in Maximilians Wohnung.
Weil Max wenig später noch einmal außer Haus musste, verbrachte ich dann auch die nächsten Stunden des, für einige Zeit erst einmal recht ereignislosen, Tages, in meinem kleinen Zimmer. Ich hatte Secrets Gemälde auf den Schreibtisch gestellt und sehr lange Zeit sah ich es noch an - das Mädchen darauf, es schien so fern... und so ungreifbar... fast wie ein Traum.
Doch denke ich heut' zurück...: Wie naiv war ich überhaupt?! Wie einfältig...?

Aktuelles


Tipp

Coming soon...

Copyright 2006 by www.sommersonnenwende.info and Sylvio Konkol
Ich distanziere mich hiermit von allen Internetseiten zu denen Links oder Banner auf www.sommersonnenwende.info führen.
Alle Beiträge auf www.sommersonnenwende.info sind Eigentum von www.sommersonnenwende.info bzw. Sylvio Konkol oder der jeweiligen Autoren und dürfen nur nach Zustimmung kopiert werden. Diese Site wurde erstellt mit Arachnophilia 4.0.