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... Secret, Shadow, Snow und Silence
Des Niederganges erster Teil - Abschnitt 01
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Sylvio Konkol

Secret, Shadow, Snow und Silence


Des Niederganges erster Teil...

Noch sehe ich kaum mehr als absolute Schwärze und nur hier und dort einige Lichter, deren Schein die Dunkelheit nicht zu durchdringen vermag. Doch schon bald gewöhnen sich meine Augen an die Finsternis und schemenhafte Umrisse werden sichtbar. In das etwas hellere Firmament ragen die gespenstigen Silhouetten von zwei jungen Lindenbäumen als wollten ihre Äste den Nachthimmel einrahmen, zu vielen hundert kleinen Gemälden. Sie alle wären Bilder von absoluter Schönheit, ein finsteres Blau so klar und so rein wie kein Maler es je wird mischen können, übersät lediglich vom geheimnisvollen Glitzern unzähliger Sterne.
Die Nacht ist vollkommen still unter dem weißblassen Lichte des Oktobermondes - alles Leben scheint begraben von einer weichen Decke funkelnden Schnees.
Aber vor allem ist sie voll von dunklen Schatten und geisterhaften Gebilden und die wenigen verbliebenen Aktivitäten nehme ich in dieser Ruhe umso stärker war. Und um meine Sinne um das Hören zu erweitern öffne ich nun das Fenster.
Doch nichts als Stille. Stattdessen strömt mir ein kühler und doch zarter Hauch der Nachtluft entgegen und augenblicklich beginne ich zu frieren. Aber es ist ein angenehmes Gefühl, ein Gefühl von Ewigkeit und von grenzenlosem Wohlergehen. Tausende Erinnerungen kehren zu mir zurück und wie stark ist mein Verlangen wieder bei ihnen sein zu können. Bei Secret, bei Shadow, bei Snow (die ich liebte) und bei Silence (die mich begehrte). Jetzt ist es mir als wär' alles erst gestern gewesen, dabei sind es doch nun schon vierzehn Jahr, die vergingen.
Dann ganz plötzlich ein schüchternes und doch kraftvolles Aufblitzen am Himmel, eine Sternschnuppe war es, die zur Erde fiel. Doch ich wüsste nicht, was sollte ich mir mehr wünschen, als dass diese Nacht nie verginge. Nur sie allein vermag meine Trauer zu lindern...
Seit zwei Stunden sitze ich nun schon hier und blicke aus dem Fenster, und gern würde ich es tun bis der Morgen graut. Aber dafür ist heute nicht die Zeit, denn ich möchte ihnen berichten, von Secret, Shadow, Snow und Silence.

Es war der vierte August im Jahre zweitausenddreiundfünfzig des Herrn, als mich meine Schritte nach K... im Erzgebirge führten. In diesem kleinen Dorf sollten in den folgenden Wochen und Monaten gar seltsame Dinge geschehen, Erlebnisse die mich prägten und veränderten wie sonst keine anderen, Erlebnisse die sie mir vermutlich nicht glauben werden.
Es war nur noch ein kleines Stückchen des Weges zu bestreiten, bis ich den Ort erreichen würde, als auf einmal ein paar vereinzelte Wassertröpfchen vom Himmel herabfielen. Und es dauerte gar nicht lang, bis aus diesen wenigen Tropfen ein kräftiger Sommerregen wurde und ich ringsum vom monotonen Rauschen des Niederschlags umgeben war. Jener vermochte glücklicherweise nicht meinen Ledermantel zu durchnässen, aber dennoch ging ich ein klein wenig schneller, um K... möglichst bald zu erreichen (ich glaube, es sei besser, den Namen des Ortes an diese Stelle nicht zu erwähnen) .
Kurze Zeit später schritt ich bereits aus dem Wald hinaus und erblickte von einer Anhöhe aus das verregnete Dorf. Da es bereits Abend, gedachte ich den verehrten Herrn Lindner besser erst am nächsten Tage zu besuchen und stattdessen Ausschau nach einer Bleibe für die Nacht zu halten.
Während ich die Straße entlang ging, fiel mir zu meiner Rechten ein Anwesen von immenser Größe auf. Eine dichte Hecke umschloss das gesamte Grundstück und lies lediglich am stählernen Eingangstor einen kleinen Blick ins Innere zu. Nur flüchtig erspähte ich am Ende eines ausgedehnten Gartens ein großes, stolzes Herrenhaus. Und während ich so schaute, versank meine Seele mit einem Male in einem Wirbel von Tausend verrückten Phantasien. Unzählige Bilder rauschten an mir vorbei, bei jedem von ihnen überkam mich eine andere, lebhafte Empfindung. Aber keines war lang genug gegenwärtig um vom Verstande ergriffen zu werden - doch dafür umso mehr von meinem Unterbewusstsein. Mir war dann auf einmal, als würd' mich eine Ohnmacht überkommen und in die Finsternis hinab zerren wollen; bis ich von einer gar lieblichen Stimme aus jenen trübsinnigen Träumen erweckt wurde (doch sollte damit der eigentliche Traum erst beginnen): "Guten Tag mein Herr! Kann ich ihnen behilflich sein?", drang es an mein Ohr und da waren die Trugbilder ganz plötzlich wieder verschwunden und nichts von ihnen blieb zurück. Bis auf die Frage, was in jenem Augenblick geschah, doch bis heute fand ich darauf keine Antwort.

Zumindest sah ich mich dann um und erblickte, umgeben vom Schimmer des herabfallenden Regens, jenes engelsgleiche Wesen, dessen Lächeln heller strahlte als die Sommersonne. Die blinzelte soeben wieder zwischen den Wolken hervor und lies die junge Schönheit in einem himmlischen Glanze erstrahlen, wie ich ihn nie zuvor erblickt. In ihrem langen, goldgelben Haar funkelte der Regen wie die Sterne in eisig kalter Winternacht und wenn ich in ihre veilchenblauen Augen sah, schienen meine Gedanken in einem Meer von unendlicher Tiefe zu versinken. Es waren Augen filigraner Herrlichkeit, matt jedoch und ohne jeden Glanz; ganz so als würden sie sich alles Licht was auf sie fällt einverleiben und tief in den Körper ihrer Besitzerin hinabziehen, damit diese so hell erstrahle, wie ich es bereits beschrieb. Und fast genauso außergewöhnlich, und auch mindestens ebenso schön, war ihr süßes Lächeln.
Dünne Regentropfen liefen erst über ihre sommersprossigen Wangen und dann über ihre blassen Lippen, weiter dem Kinn und dem Hals hinab, bis in ihr Dekolletee. Mit jedem Moment schlug mein Herz schneller und auch nach vielen Sekunden hatte ich dem Mädchen noch keine Antwort auf ihre Frage geben können, so sehr war ich von ihr fasziniert. Ihre geheimnisvollen Augen sahen mich noch immer fragend an und endlich brachte ich sehr stockend und zögerlich folgende Antwort hervor: "Äh... Einen schönen guten Tag! Ich... Ich bewunderte nur den... Oh doch, ich glaube sie könnten mir wirklich behilflich sein. Können sie mir vielleicht sagen wo ich hier in der Nähe ein Nachtquartier finden kann?"
"Ja natürlich!", sagte sie lächelnd. "Gehen sie einfach weiter entlang des Weges und wenn sie die Hauptstraße erreichen nach links. Von dort aus immer die Straße hinab, bis sie an ein Gasthaus kommen. Ich schätze es ist von hier aus etwa ein Kilometer."
Wie ein helles Glockenläuten erklang ihre Stimme und ließ mich erneut in Träumerei versinken. Und obwohl ich ihrer Worte genauestens lauschte, nahm ich deren Inhalt nur ganz am Rande war. "Vielen Dank!", sagte ich geistesabwesend und konnte meinen Blick nicht von ihrem Antlitz abwenden. Da errötete sie so süß und lieblich, dass es mich nur noch viel mehr entzückte - schüchtern wich sie meinem Blick aus.
"Nun muss ich aber gehen", sagte sie. "Mein Vater wartet sicherlich schon. Auf Wiedersehen!", entschuldigte sie sich, mich noch einmal anlächelnd, verbeugte sich kurz und ging zum Tor des Anwesens.
"Auf Wiedersehen!", sagte auch ich und schaute ihr danach noch so lang hinterher, bis sie den Garten durchquert und am Hause angekommen. Elegant und vollkommen war ihr Gang, und ihr seidenes Kleid flatterte im Sommerwind.

Der Regen hatte unterdessen nachgelassen. Die Welt ringsum schien erfrischt und rein, so rein wie das Mädchen, welchem ich soeben begegnet und welches schon so bald darauf wieder gehen musste. 'Ich möchte sie wiedersehen...', war mein erster und einziger Gedanke. 'Ich werde sie wiedersehen...', war meine Hoffnung.
Doch in jenem Moment konnte ich nicht viel tun und setzte meinen Weg erst einmal fort. Schon nach etwa zehn Minuten erreichte ich das Gasthaus ohne weitere Zwischenfälle und trat ein. Im Inneren war es angenehm und gemütlich und der Wirt grüßte mich sofort freundlich: "Schön' guten Tag!"
"Guten Abend!", antwortete ich und ging sogleich zur Theke, um mich nach einem Schlafplatz zu erkundigen. "Wie sieht's denn aus? Haben sie ein Zimmer frei?"
"Natürlich, wie lang wollen sie denn bleiben?", fragte mich der Wirt. Er war etwa vierzig Jahre alt, einfach, aber anständig gekleidet und hatte dünnes, graumeliertes Haar. Seine Augen waren groß und dunkel und strahlten eine gewisse Ruhe und Zuneigung aus, die ihn mir sofort sympathisch machte.
"Vorerst nur die heutige Nacht, alles weitere wird sich noch ergeben", antwortete ich.
"Kein Problem. Ihren Namen bräuchte ich aber bitte noch."
"Mann, Christopher Mann. Wie viel soll es denn überhaupt kosten?", erkundigte ich mich, auch wenn ich wusste, dass mir vermutlich sowieso keine andere Möglichkeit gegeben sei, als in diesem Gasthaus zu verweilen.
"Zehn Deutsche Taler die Nacht", antwortete der Wirt. Ein anständiger Preis - ich nickte. "Ist das Zimmer schon vorbereitet?"
"Selbstverständlich. In die Halle hinaus, dann rechts und die Treppe hoch. Zweite Tür links", sprach er in lockerem Ton und händigte mir den Zimmerschlüssel aus.
"Vielen Dank", sagte ich und wollte mich schon auf den Weg hinaus machen, als mir noch eine wichtige Frage in den Sinn kam: "Verzeihung noch mal!"
"Ja, bitte?"
"Ich kam von Westen in das Dorf und dabei an einem gar prachtvollen Anwesen vorbei. Können sie mir vielleicht sagen, wer der Besitzer von jenem Hause ist?"
"Natürlich, es gehört Sir Spencer", antwortete der Wirt.
"Sir Spencer...", wiederholte ich grübelnd.
"Soweit mir bekannt, ist er ein ziemlich erfolgreicher Schriftsteller. Aber mich dürfen sie da nicht fragen, das ist ganz und gar nicht mein Gebiet", fügte der Wirt dann lachend hinzu, als er mein Nachdenken bemerkt.
"Sie sprechen von Abraham Thomas Spencer?!", sprach ich ganz erstaunt.
"Ja, so ist sein voller Name."
'Ziemlich erfolgreicher Schriftsteller' war eine Untertreibung die ihresgleichen suchte - war A.T. Spencer doch der vielleicht bedeutendste Autor jener Zeit! Wenn sie sich auch nur ein wenig mit Literatur beschäftigen, wird er ihnen, sehr verehrter Leser, sicherlich ein Begriff sein, aber dennoch möchte ich es doch nicht versäumen, ihnen Sir Spencer kurz vorzustellen.
Er wurde im Jahre zweitausendsechszehn in England geboren und ist vor allem durch seine Kinderbücher weltweit bekannt geworden. In Fachkreisen sind es aber in erster Linie die drei umstrittenen Essays "The Order of Beauty", "The Order of Dreams" und "The Order of Perfection", welche die größte Anerkennung erhalten haben. Im Verlauf meines Berichtes werde ich noch des öfteren die Gelegenheit haben, näher darauf einzugehen, weshalb ich mich hier nur kurz fasse. Ergänzend wäre lediglich zu erwähnen, dass Sir Spencer zudem als Komponist große Erfolge feierte, und dass er, was nur die wenigsten wissen, vor allem auch ein anerkannter Naturwissenschaftler ist.
Dass Spencer schon seit einiger Zeit in Deutschland lebte, war natürlich kein Geheimnis, den genauen Wohnort wusste ich jedoch nicht. Und die Überraschung, ihn in einem so unbeträchtlichen Dorf wie K... antreffen zu können, war natürlich nicht gerade klein.
"Interessant...", antwortete ich dem Wirt.
"Gibt es irgendein...?"
"Nein, nein! Es interessierte mich nur", unterbrach ich ihn, bevor er zuende gesprochen. "Vielen Dank für die Auskunft."
"Aber gern doch...", sagte der Wirt noch, während ich schon Richtung Tür unterwegs war.

Das Zimmer war zwar nur relativ klein, dafür aber, vor allem in Anbetracht des geringen Preises, recht komfortabel ausgestattet. Vom Fenster aus bot sich mir zudem ein schöner Blick auf den Marktplatz, sowie auf die umliegenden Gebäude, welche von der allmählich untergehenden Sonne in ein schönes Licht getaucht wurden. Ich beschloss Zeichenblock und Stift aus meiner Tasche zu holen und, bevor die Dunkelheit ganz hereinbricht, noch schnell ein paar einfache Skizzen anzufertigen. Als ich das getan, packte ich noch einige weitere Dinge meines Gepäcks aus, den größten Teil ließ ich jedoch vorerst verstaut, da ich mir noch nicht sicher war, wie lang ich wohl noch im Gasthaus verweilen würde. Als auch dies vollbracht, beschloss ich, mich noch einige Minuten lang auszuruhen (war ich doch sehr erschöpft vom langen Marsch) und danach im Gasthaus zu Abend zuessen.

Es war bereits nach acht Uhr, als ich wieder hinunter in die Gaststube ging. Als erstes fiel mir auf, dass dieselbige mittlerweile wirklich gut besucht war - am Stammtisch wurde bei allerhand Alkohol eine unterhaltsame Runde Skat gespielt und auch an fast allen anderen Tischen saßen einige Gäste, wohl zum größten Teil Einheimische. Was mir jedoch wirklich ins Auge fiel, war das hübsche Mädchen (soweit ich das zu jenem Zeitpunkt beurteilen konnte, sah ich sie doch nur von hinten), welches an der Theke stand und sich mit dem Wirt zu unterhalten schien.
Aber ich beachtete sie nicht lang, sondern setzte mich alsbald an den letzten freien Tisch, welchen ich erblicken konnte. Und es dauerte auch nur ein paar Augenblicke, bis die Bedienung (unverkennbar die Tochter des Wirtes) zu mir fand und die Speisekarte brachte. Währenddessen ich diese studierte, kam auf einmal ein Mann mittleren Alters vom Stammtisch zu mir herüber und fragte freundlich, aber schon ein klein wenig angetrunken klingend: "Abend! Bei uns ist gerade der dritte Mann außer Haus gegangen, haben sie vielleicht Lust in ein Spielchen einzusteigen? Skat meine ich."
Ich schüttelte den Kopf: "Nein, nein, auf mich können sie da nicht zählen. Zwar würde ich ja liebend gern, aber leider sind mir die Regeln dieses Spiels nahezu unbekannt."
"Na gut... Kann man nichts machen...", murmelte er scheinbar ein wenig enttäuscht und ging wieder davon. Und während ich ihm noch einen Moment nachblickte, überhörte ich fast dieses zaghafte Stimmchen, welches da schüchtern fragte: "Entschuldigung, ist dieser Platz noch frei?"

Und als ich dieses Mädchen dann sah und in ihre stillen, kastanienbraunen Augen blickte, da überkamen mich wieder ganz genau die selben Gefühle wie am frühen Abend, als ich der Schönheit vor Sir Spencers Hause begegnet war. Auch diese liebreizende Person, welche nun hier vor mir stand, hatte solch bemerkenswerte Augen. Schön waren sie, und viel feiner und detaillierter, als ich es je bei einem anderen Menschen gesehen.
Jedoch so glanzlos.
Aber ganz und gar nicht von dieser gläsernen Art wie sie bei einer Toten sind, stattdessen matt und klar; so wirkten sie auch aus eben diesem Grunde auf eine sehr merkwürdige Weise leer. Aber wo die Augen des Mädchens, welchem ich zuvor begegnet war strahlten - waren diese Augen die mich nun anblickten, irgendwie traurig und vor allem auf eine ganz bestimmte Art suchend und fragend.
Ich sah in ihre Augen und sie sah in die meinen und auch nachdem schon viele Sekunden vergangen waren, brachte ich als Antwort auf ihre Frage nicht mehr hervor, denn ein stummes Nicken.
Ein zaghaftes, beinahe verborgenes Lächeln - dann setzte sie sich. Sie, die jene Person war, die ich schon zuvor an der Theke erblickt, war sehr jung, wohl noch um einiges jünger als das Fräulein vom frühen Abend. So schätzte ich ihr Alter auf etwa zwölf oder dreizehn Jahr. Jedoch, und das war das außergewöhnliche, hätte man beinahe den Eindruck haben können, sie sei gerade erst auf die Welt gekommen. So jung und unberührt wirkte sie. Und obwohl ich es hätte gar nicht glauben dürfen, obwohl es völlig unmöglich war, hatte ich eben diesen Eindruck. Nein, nicht nur den Eindruck; ich war mir wahrhaftig sicher, sicher dass sie wirklich gerade erst neugeboren wurde!

Das Mädchen war wunderschön. Und ungeachtet dessen, dass ich zehn Jahre älter als sie gewesen sein mochte und sie eigentlich nicht mehr als ein Kind in meinen Augen hätte sein dürfen, so versetzte mich ihr reizender Anblick in höchste Erregung.
Sie war recht klein, ihre Gesichtszüge und ihr Körperbau weich, noch beinahe kindlich. Das Haar durchsetzt von Strähnchen, zwischen einem glänzenden silberblond und einem matten schwarzbraun, und etwa schulterlang. Gerade kämmte sie es sich mit ihrem zarten Händchen auf der einen Seite hinters Ohr. Dann; ihre süßen, scharlachroten Lippen zuckten - und für einen Augenblick schien es ganz so, als wolle sie etwas sagen. Noch immer waren sie ein kleines Stückchen geöffnet, doch aus irgendeinem Grunde blieb das Mädchen stumm.
So beschloss ich, selbst den Anfang zu machen. Denn ich wollt' gern wissen, was sie wohl denkt und was sie fühlt, und welcher Art die Fragen waren, die ich in ihren Augen sah. So lächelte ich dem Fräulein freundlich zu und sagte: "Guten Abend!"
Ihre Augen weiteten sich ein klein wenig. "Guten Abend!", antwortete sie leise.
Es verging ein Weile und ich überlegte, wie ich das Gespräch wohl fortsetzen sollte. Doch fiel mir nichts ein, denn ihr betörender Anblick machte mir das Denken schwer; wenngleich ich auch eindeutig spürte, dass jenes Mädchen wohl auch nur zu gern eine Unterhaltung mit mir wünschte - aus welchem Grunde auch immer. Nervosität war bei ihr jedoch nicht zu erkennen, stattdessen eine seltsame Art von Angst - und von Interesse.
Mir kam dann der Gedanke, am besten mit etwas ganz beiläufigen zu beginnen, und ich stellte eine Frage, die ich sowieso hätte irgendwann jemanden stellen müssen, da ich, wie schon einmal erwähnt, nach K... kam, um meinen Freund Maximilian Lindner zu besuchen: "Kann ich dir", ich glaubte 'dir' sagen zu dürfen, war sie doch noch sehr jung, "eine Frage stellen?"
Sie nickte stumm.
"Weißt du vielleicht, wo sich hier im Ort das Pfarrhaus befindet?"
Erneut nickte sie nur und einige Momente vergingen. Beinahe wollte ich sie schon fragen, ob sie es mir denn erzählen wolle, da begann sie doch von selbst: "Es ist nicht weit von hier. Wenn sie nach draußen kommen, müssen sie sich nach rechts wenden und danach an der ersten Kreuzung sofort wieder rechts und den Berg hinunter", sie machte eine kurze Pause. Einen Augenblick später fuhr sie fort: "Vielleicht wäre es am besten, sie fragen dort noch ein weiteres Mal jemanden danach, welches Gebäude es denn nun genau ist, falls sie es nicht selbst erkennen sollten."
"Ich danke dir. Du hast mir wirklich sehr weitergeholfen", antwortete ich.
Und als ich das gesagt, glaubte ich, bei ihr ein klein wenig Freude erkannt zu haben.

Wenige Augenblicke später kam dann die Kellnerin in die Richtung unseres Tisches und nahm die Bestellungen entgegen. Da ich an jenem Tage nichts zu Mittag gegessen, wählte ich ein recht üppiges Mahl; das Mädchen jedoch, beließ es einzig bei einem Glase Orangensaft.
"Sonst nichts weiter?", fragte die Bedienung und als Antwort erhielt sie nur ein schüchternes: "Nein, danke."
Daraufhin ging sie, kam jedoch schon wenige Momente später mit den Getränken zurück. Während dieser Zeit hatten ich und das Mädchen nicht ein einziges Wort gewechselt und auch danach taten wir es minutenlang nicht. Und obwohl das ganze Treiben ringsum sehr laut gewesen sein mochte, fühlte ich eine bedrückende und schwermütige Stille wie einen finsteren Schleier über ihr und mir liegen.
Aber sehr bald hatte sie ihren Saft getrunken und sie stellte das Glas sachte auf den Tisch. Und dann fragte mich das Fräulein ganz plötzlich: "Sie sind wohl erst neu in dem Dorf?"
"Ja. Ich kam erst heute Abend!", sagte ich laut aber freundlich, ganz in der Absicht ihr die Schüchternheit (oder war es tatsächlich Angst?) am besten nehmen zu können, indem ich selbst sehr locker sprach.
Als Antwort erhielt ich jedoch trotzdem nicht mehr, denn die fragenden Blicke, mit denen sie mich schon die ganze Zeit lang ansah.
"Ich möchte Pfarrer Lindner besuchen", sagte ich dann. "Er ist ein guter Freund von mir. Kennst du ihn?"
Sie nickte nur.
Längst hatte sie ausgetrunken, doch anstatt zu gehen, saß sie noch immer minutenlang dort und blickte interessiert zur mir herüber. Bei fast jeder anderen Person wäre es mir wohl unangenehm gewesen, doch ihre Blicke, sie waren irgendwie weich und warm, genoss ich regelrecht.
"Sind sie auch Pfarrer?", fragte sie dann auf einmal.
"Nein. Ich... Ich bin Künstler; Maler um genau zu sein!"
Ihre großen Augen blickten mich an. "Kannst du auch mich malen?", fragte sie mit unwiderstehlich süßer Stimme und tatsächlich sagte sie auf einmal 'du' zu mir.
Ich war überrascht über ihre Frage, doch antwortete ich: "Ja, also... Nichts auf der Welt spräche dagegen. - Und du bist ein sehr hübsches Mädchen."
Es mochte wohl erneut eine Minute vergangen sein, da sagte sie: "Ich würde mich freuen."
"Verrätst du mir deinen Namen?", fragte ich.
"Silence", erklang es aus ihrem Munde.
'Welch fremdartiger Name...', dachte ich. Und ich glaubte, er könne vielleicht dem Englischen entsprungen sein. Spätere Nachforschungen bestätigten diese Vermutung im übrigen und zu gut Deutsch bedeutet Silence nicht mehr und nicht weniger, denn 'Ruhe', 'Stille' oder 'Schweigen'.
"Das ist ein gar seltsamer Name", sprach ich, "Jedoch gleichwohl ein wunderschöner!"
"Ich muss jetzt gehen", sagte sie ganz unvermutet, stand auf, und lies mich nun allein dort sitzen.
Nicht einmal 'Auf Wiedersehen' rief ich ihr noch nach. Nur den Wirt hört' ich dann sagen, bevor sie zur Tür hinaus entschwand: "Einen schönen Abend noch, Fräulein Spencer!"

Und so ging sie hinaus und mit ihr ging auch diese geheimnisvolle Art von schwermütiger Erhabenheit, welche einen Moment zuvor noch die Stube erfüllt. Meine Gedanken aber waren noch immer bei ihr und ich fragte mich nur, was es wohl gewesen sein mochte, weshalb sie so plötzlich weglief. Jedoch Antwort fand ich darauf gewiss keine.
Nur wer sie war, das wusste ich nun, denn ich glaubte kaum, dass es in diesem kleinen Dorf noch eine zweite Familie mit diesem Nachnamen geben könnte. Es war also aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich Sir Abraham Thomas Spencers Tochter, mit welcher ich soeben gesprochen, und das Mädchen vom frühen Abend mochte wohl ihre Schwester gewesen sein. Denn obwohl auf dem ersten Blick nur durch ihre außerordentliche Schönheit verbunden und sonst vollkommen verschieden, strahlten sie beide ganz genau die selbe Art von unnatürlichem Zauber aus. Gleichwohl sollten sie nicht die einzigen bleiben, die das taten.
Zumindest dauerte es nicht mehr lang, dann wurde mir das Essen gebracht und es schmeckte in der Tat vorzüglich. Ich lies mir recht viel Zeit, und auch als ich fertig war, ging ich nicht sofort zurück aufs Zimmer, sondern trank noch in aller Ruhe ein Glas guten Rotwein. Es war also durchaus schon eine ganze Weile vergangen, bis ich mich wieder nach oben aufmachte.
"Einen schönen Abend noch!", rief ich zum Wirt, bevor ich die Gaststube verließ.
"Danke, ihnen auch!", antwortete er freundlich.
Und als ich dann nach draußen in die Halle kam, glaubte ich erst, meine Fantasie spiele mir einen Streich, weil ich doch die ganze Zeit an Silence gedacht und auch ein bisschen mehr als sonst getrunken hatte. Doch keineswegs war's Illusion. Sie stand direkt vor mir und sah mich mit sehnsüchtigem Blicke an.

Hatte sie wohl gar die ganze, lange Zeit auf mich gewartet? - Oder war sie lediglich noch ein weiteres Mal hierher zurückgekehrt? Ich wusste es nicht, doch war es mir eigentlich auch ziemlich egal. Denn viel wichtiger war schließlich die Frage: 'Was will sie?'
Ich ging noch einen Schritt auf sie zu und fragte dann: "Oh... Silence. Du bist noch einmal her gekommen?!"
Da wendete sie ihren Blick von mir ab und schaute verstohlen zu Boden. Es vergingen wohl einige Sekunden, bis sie dann mit allmählich immer leiser werdender Stimme antwortete: "Nein. - Ich habe gewartet. Auf dich."
Stirnrunzelnd sah ich sie an.
"Wenn ich dich malen soll, wie du mich gebeten; jetzt ist doch keineswegs der passende Moment. Oder findest du nicht auch? Morgen, da kannst du..."
Dann hielt ich inne,
als ich sah, wie sie plötzlich mit der Hand nach dem einen Träger ihres leichten, schneeweißen Kleides griff und diesen langsam die Schulter hinab streifte. Und alsbald darauf begann sie, selbiges auch mit dem anderen zu tun, ganz so als wolle sich Silence vor mir entkleiden. Dabei blickte sie mich nicht an, sondern sah nur zur Seite und stierte in die Leere. Eindeutig war zu sehen, dass sie nichts von all dem wirklich wollte.
Nur mit der Hand an der Brust hielt sie nun noch das Kleid. "Silence...", sagte ich fast flüsternd und stellte mich direkt vor ihr hin und führte meine Hand dann vorsichtig in Richtung ihres Gesichtes - da begann sie zu zittern.
Ich versuchte sie zu beruhigen, es schien ganz so als sei sie nur irgendwie völlig verwirrt. Vorsichtig wendete ich ihren Blick wieder in meine Richtung und sah in ihre großen, warmen, doch auch so traurigen Augen. Und dann streichelte ich behutsam ihre Wange - die zarte Haut, sie war ganz kalt (wohl aus Angst, so glaubte ich).

Meine andere Hand bewegte ich unterdessen zu ihrer Schulter hin, und da begann Silence erneut zu zittern. Jedoch lies selbiges sehr bald schon wieder nach, als sie offensichtlich merkte, dass ich nur vorhatte, den Träger des Kleides wieder hinauf auf die Schulter zu schieben. Unsicher blickte sie mich an, ganz offensichtlich hatte sie wohl anderes von mir erwartet. Und ich muss auch zugeben, dass ich mich für einen ganz kurzen Moment wirklich fast hätte hinreisen lassen. Doch zu meinem Glücke war mir der Verstand noch gegenwärtig genug, um mich von solcherlei Dingen abzuhalten, vom Körper kann ich's nicht behaupten.
Meine Hand auf ihrer Schulter ruhen lassend, fragte ich sie dann leise, beinahe flüsternd: "Silence... Warum tust du solche Sachen?"
Daraufhin antwortete sie erst lange nichts und lies sich erneut sehr viel Zeit zum Nachdenken, die ich ihr selbstverständlich auch gewährte. Denn ich wollte sie auf gar keinen Fall hetzen. Und so verging also eine ganze Weile, bis ich sah wie sich ihre Lippen bewegten, und sie nun scheinbar Antwort auf meine Frage geben wollte.
Doch da legte ich dann behutsam meinen Finger auf ihren Mund, denn ich wollte ihr die Schmach ersparen, sich rechtfertigen zu müssen. Noch dazu vor dem, der, wie ich glaubte, scheinbar etwas besonderes für sie sein mochte.
"Sag nichts, ich brauch es nicht zu wissen. Mir reicht's vollkommen und ganz, wenn du selbst nur darüber nachdenkst. Denn ich weiß, du bist ein kluges Mädchen, aber scheinbar ganz verwirrt. Geh nach Haus, ruh dich aus, denk über alles nach."
Doch als ich das gesagt, da rollten ihr glitzernde Tränen übers Gesicht. Schön, noch viel schöner war sie, als sie weinte. Und schnell war ich wieder einmal in Träumerei versunken - jedoch genauso bald auch wieder aus derselbigen wachgerufen. Denn ganz plötzlich riss Silence sich von mir los und stieß mich so kräftig von sich weg, dass ich sogar stolperte und mich nur schwerlich auf den Beinen halten konnte.
Hatte ich sie etwa irgendwie verletzt oder beleidigt? Oder merkte sie jetzt nur selbst ihren Fehler und schämte sich vor mir? Sie rannte dann schnell weg in Richtung Tür und als sie schon auf der Schwelle stand, rief ich ihr noch nach: "Doch komm zurück, wenn du es willst!"
Da hielt sie inne und bevor sie entgültig in der Nacht verschwand, blickte sie noch einmal herum zu mir und sagte laut, doch unter Tränen: "Das werd' ich tun. Denn Ruhe hatt' ich längst genug!"

An diesem Abend war ich selbst ganz durcheinander und es war mir nicht bestimmt, an Schlaf auch nur zu denken. So saß ich bis tief in die Nacht hinein bei Kerzenlicht im Zimmer und sann über den Liebreiz und die Anmut der beiden Mädchen nach. Und immerzu versuchte ich mich darin, ihre Schönheit auf Papier zu bringen. Denn viele schwierige Dinge konnte ich so am besten begreifen. Und ich konnte ihnen nahe kommen, auch wenn sie in der Realität fern waren.
In dieser Nacht hingegen sollte mir nichts von alledem gelingen. Umso länger ich es versuchte, desto klarer wurde mir, dass es unmöglich ist. Denn die Schönheit der beiden Mädchen, sie war undenkbar in eine andere Form der Kunst zu bringen, als der Natürlichen, der Gottgeschaffenen. Lange Zeit grübelte ich darüber nach, warum das wohl so sein mochte, denn nie zuvor hatte ich derartiges erlebt; und als Antwort ergab sich mir nur folgendes: Es war ganz einfach das Übernatürliche, um es mit einem Wort zu bezeichnen, welches meist im positiven Sinne gebraucht wird - oder auch das Unmenschliche, will man es eher negativ ausdrücken, was mir so zu schaffen machte.
Doch das Nachdenken über solcherlei Dinge verhalf mir nicht wirklich zu größerer Ruhe, nein, es bewirkte das ganze Gegenteil. Zwei Uhr in der Nacht war mir weder nach Schlaf zumute, noch hatte ich es geschafft eine auch nur halbwegs zufriedenstellende Zeichnung hervorzubringen. Und mittlerweile wollte ich es aufgeben, lieber an einem anderen Tage mein Glück erneut versuchen. Zufällig brannte gerade in diesem Moment die Kerze auf dem Tische nieder und der ganze Raum war binnen eines Augenblicks in Dunkelheit gehüllt. Und da fiel mir erst der weiße Glanz der dünnen Mondsichel auf, die sich vor nicht allzu langer Zeit heimlich, still und leise vor mein Fenster geschoben hatte. Ihr Licht war mystisch, zauberhaft, betörend, in diesem Moment genau das Richtige für mich.

Da sehnte ich mich danach, nach draußen zu gehen. Doch es blieb nicht nur beim Wunsch, nein, ich tat es auch sehr bald. Nachdem ich meinen Mantel aus dem Schrank geholt und angezogen, verließ ich das Zimmer und ging nach unten. Glücklicherweise war die Haustür auch in der Nacht nicht verschlossen (sondern nur die Türen der einzelnen Zimmer, welche von der Eingangshalle abgingen), sodass ich ganz problemlos nach draußen gelangen konnte.
Die Sommernacht war ruhig und warm und der Mond, er leuchtete als schmale Sichel vom ansonsten pechschwarzen Himmel herab. Die Sterne hingegen funkelten kaum, sondern strahlten nur gedämpft durch die schwüle Nachtluft.
Ringsum war es ganz still - lediglich das laute Bellen eines Hundes hallte aus der Ferne zu mir hin. Fast alle Menschen schliefen ihren, mehr oder minder wohlverdienten, Schlaf. Und mit Sicherheit, oder zumindest hoffte ich es, tat das auch die herzallerliebste Silence und ihre Schwester, die noch namenlose Schönheit, ebenso. Aber ich, ich konnt' es nicht.

Sogar der sonst so kalte Mond erschien mir ein ganz klein wenig warm in jener Nacht. Und weil ich ja keinerlei bestimmtes Ziel anstrebte, tat ich nicht mehr denn meinen Weg so zu wählen, dass ich immerzu in sein blass strahlendes Antlitz blickte. So lief ich erst an dem kleinen Marktplatz linkerseits vorbei und überquerte an seinem Ende die Hauptstraße, von welcher auf der gegenüberliegenden Seite ein Weg abzweigte. Dieser führte aus dem Ortszentrum hinaus, hin zum Rand des Dorfes, und ferner bis in den Wald hinein - und diese Gegenden waren es, welche mich viel mehr reizten.

An der Kreuzung beider Wege stand eine alte, marode Straßenlaterne und einem leichten Nebelschleier gleich scharrte sich eine Ansammlung unzähliger Mücken, Nachtfalter und anderen Getiers um sie herum und tanzte und hüpfte in dem müden, alterwürdigen Lichte. Und diese Straßenlaterne war es nun, die als einzige jene Seitenstraße beleuchtete, die ich jetzt auch zu nehmen gedachte. Denn ansonsten war diese dunkel und finster und der schlanke Mond konnt' sie nur gering erhellen.
Langsam und in größter Ruhe spazierte ich dem Schotterweg entlang, immer die spitze, betörende Mondsichel im Blick, und besah mich der ach so schönen, samtig weich verführerischen Nacht. Und wie ich sagte, war das einzig Licht, welches meinen Weg erhellte, das der alten Laterne. Von der Kreuzung her strahlte sie zu mir herüber und warf mir den scharfen Schatten meiner selbst vor die Füße. Und mit jedem Schritt den ich weiter hinein in die Dunkelheit trat wurde er länger, doch sogleich auch immer fremder, undeutlicher und weniger scharf, bis er irgendwann ganz verschwunden war. Und nun war es stattdessen nur noch das ewigblasse Mondlicht, welches einen zarten Schatten warf. - Doch hinter mich, und um den zu sehen, musste ich mich schon umdrehen.
Sehr bald kam ich dann an eine Stelle, an welcher sich die Straße gabelte. Geradeaus setzte sie sich als schmaler Feldweg fort, zu meiner Linken fiel zwischen zwei Häusern ein kleiner Hang ab, welchem ein Fußweg hinunterführte.
Und diesen, diesen dunklen Pfad, wollte ich gehen. Zwischen den beidseitig stehenden Gebäuden, den Bäumen, und dem dichten Strauchwerk, war nahezu gar kein Licht. Und am Fuße des Hanges, der auf der anderen Seite bald wieder anstieg, befand sich eine kleine Brücke, die über ein schmales, still dahinfließendes Bächlein führte. Ich bückte mich hinüber über das Geländer und sah hinunter ins schwarze Wasser - nur ganz gering glänzte darin der Mondenschein.
Außer dem leisen Plätschern war es nun ansonsten vollkommen still. Kein einziger Windhauch säuselte durch die Nachtluft und auch das Zirpen der Grillen war verstummt. Ich verweilte wohl einige Minuten,
dann setzte ich meinen Weg fort. Der Pfad führte jetzt wieder hinauf auf eine etwa hundert Meter lange, und jeweils zwei Meter breite und hohe Erhebung, die nach einer Art Damm oder etwas ähnlichem aussah (die Richtung war im übrigen die, in der sich auch Spencers Haus befand, allerdings noch in einiger Ferne). Der Mond strahlte nun wieder vor mir hin und während ich meinen Blick über die beiden großen Felder linkerseits und rechterseits schweifen lies, rauschte auf einmal ein zarter, warmer Windhauch über dieselbigen. Und dann erblickte ich am Ende der Erhebung, dort wo der Pfad wieder auf eine Straße führte, einen kleinen, schlanken Schatten. Und der bewegte sich in meine Richtung.

Als er etwas näher gekommen, stellte ich bald fest, dass es sich wohl um die Silhouette einer jungen Frau handeln musste, oder viel eher noch um die eines Mädchens von etwa vierzehn oder fünfzehn Jahren. Einen Moment dachte ich auch, beziehungsweise war es wohl eher Hoffen, dass es vielleicht Silence sei, verwarf den Gedanken aber schnell, als ich sah, das dieses Fräulein hier sehr viel längeres Haar hatte. Doch da wir beide nur äußerst langsam gingen, sie ganz anmutigen Schrittes, dauerte es eine ganze Weile bis wir uns so nah waren, dass es mir endlich möglich war, erste Details zu erkennen: Das Mädchen war äußerst schlank, wirkte durchaus ein klein wenig fragil, und trug ein enganliegendes, seidigglattes Kleid, wahrscheinlich blau oder schwarz in der Farbe. Genau konnte ich es nämlich nicht erkennen, da sämtliche Farben, einerseits von der Finsternis, andererseits vom fremden Mondlicht, ganz verfälscht wurden.
So auch ihr entzückendes Gesicht, welches ganz fahl erschien unter dem Schein des Mondes. Und auch die Farbe der wunderschönen, seidenen Haare sollte mir vorerst unbekannt bleiben. Ich konnte nur sehen, dass sie im blassen Licht glänzten und schimmerten, wie ich es noch nie zuvor erblickt.
Alsbald war das Mädchen dann direkt bei mir. Doch weder blieb sie stehen, noch ging sie einfach weiter. Stattdessen lief sie immerzu rings um mich herum und blickte mich beharrlich an. Geradezu hypnotisierend wirkte ihre Gegenwart auf mich. Und bald war es mir, als nehme ich gar nichts anderes mehr wahr als sie. Dabei fiel mir auch auf, das ihr Gang vollkommen geräuschlos war, nicht einen einzigen Grashalm brachten ihre Füße zum Rascheln. Denn hören hätte man das problemlos können, war doch die Nacht, wie schon erwähnt, vollkommen still. Und die Anwesenheit des Mädchens wirkte dem eben kein bisschen entgegen.
Zumindest so lang, bis sie dann sagte: "Guten Abend!" Ihr Stimmchen war süß, niedlich geradezu, hatte aber auch einen unglaublich verführerischen, sinnlichen Unterton. - Unvergesslich auf jeden Fall.
"Guten Abend", antwortete dann auch ich.
Und danach fragte sie, irgendwie vorwurfsvoll: "Ganz allein in einer solchen Nacht?"
"Bis gerade eben war ich's noch", gab ich ihr als Antwort.
"Bis gerade eben... Ja... - Du möchtest, dass ich bei dir bleibe?", fragte sie und trat ganz nah zu mir heran. Ich konnte ihren heißen Atem spüren, der noch viel wärmer war als die Nachtluft. Und ich konnte ihr in die Augen schauen: Aber pechschwarz waren diese, finsterer sogar als der Himmel. Denn wo jener zumindest noch von Sternen übersät, spiegelte sich in den Augen des Mädchens nicht das allergeringste Licht.
"Diese Entscheidung liegt wohl ganz allein bei dir...", sprach ich.
Und danach bewege sie ihre süßen Lippen hin zu meinem Ohr und wisperte mit verführerischem Ton: "Ich möcht' es schon sehr gerne tun."
"Hast du denn keine Angst?"
"Wovor?"
"Vielleicht vor mir? Oder vor der Nacht, so dunkel wie sie heute ist?"
"Nein, nicht vor dir. Vor dir brauche ich keine Angst zu haben, das weiß ich", sagte sie. Dann ging das Mädchen hin zu einer kleinen Birke am Wegesrande, lehnte sich an ihr an und schaute gen Himmel. "Und die Sommernacht, die liebe ich mehr als alles andere! Wir ein dekadenter Schleier ruht sie über allen Dingen. Nur den Mond, den möcht' ich ungern schauen. Viel zu kalt ist mir sein Antlitz."
"Und deine schöne Haut lässt sein Licht so leichenblass erscheinen..."
Charmant lächelnd kam sie erneut wieder näher zu mir hin. Sie deutete mir mit einer kleinen Handbewegung an, dass sie mir noch einmal etwas ins Ohr flüstern wolle, und so bückte ich mich hinunter (ein kleines Stückchen nur, bin ich doch selbst recht klein), und als ich das getan, sprach sie: "Auf die Wange dir den Kuss...!", und tat alsbald dasselbige. Und dann flüsterte sie mir ganz leis' noch ins Ohr: "Der Letzte soll's nicht bleiben!"

Selbstverständlich war ich ganz überrascht davon, und erst recht war ich unsagbar glücklich; doch hielten diese Gefühle nicht einmal ein paar Sekunden lang an. Denn schon kurz darauf wurde ich plötzlichst von ungeheuerlichen Kopfschmerzen geplagt, so stark, dass ich bald glaubte, mich nicht einmal mehr auf den Beinen halten zu können. Als der Schmerz dann kaum noch auszuhalten war, mein Kopf förmlich zu zerspringen schien, und ich schon langsam zu Boden taumelte, ließ das Leiden gerade noch ganz allmählich nach. Meine Gedanken wurden wieder klarer, meine Sinne kehrten zurück: Noch immer stand das Mädchen vor mir, in einer Schönheit, wie selbst die der Seraphim größer nicht hätte sein können. Als ich sie sah, musste ich augenblicklich und unaufhörlich weinen. Welcher Art waren diese Tränen? Aus welchem Grunde vergoss ich so viele von ihnen? Aus Trauer? Aus Glück? - Damals wusste ich es nicht, doch am heutigen Tage kenne ich die Ursache. Heute weiß ich, dass es Angst war. Schlicht und einfach hoffnungslose, panische Angst.
Als ich das Mädchen dann eine Weile durch die gläsernen Tränen hindurch angeschaut und bestaunt, hörte ich sie ganz plötzlich sagen: "Doch jetzt muss ich dich verlassen! Auf das wir uns wiedersehen!"
Sie zwinkerte mir noch lächelnd zu, bevor sie schnellen Schrittes, aber nicht rennend, davon lief. Dies war wie eine Erlösung. - Nicht im Geringsten hatte ich das Bedürfnis ihr nachzulaufen, zu überfüllt war mein Kopf noch mit Tausenden von Gedanken, als dass ich ihn mit noch mehr hätte belasten wollen und können. So blieb ich einige Momente lang wo ich war, dann lief ich ohne Umschweife zurück zum Gasthof. Einmal nur blickte ich noch auf zum Mond - wie grausam war doch seine Schönheit...

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